Was ist Humor?

Teil I von XI

Humor ist die Fähigkeit, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind.
Humor vereint Vernunft und Gelassenheit. Er zeugt von Erkenntnisvermögen, Einsicht und Verstand, ist also eine Frage des entwickelten Geistes, des Intellekts – und keine Frage der Intelligenz. Humor ist die höchste Form der Erkenntnis. Die Erkenntnis, dass nichts so ernst ist, wie es scheint. Humor ist unerlässlich, um friedlich mit Andersdenkenden zusammenleben zu können.

 

Humorlosigkeit

Humorlosigkeit ist die Unfähigkeit, eine Welt zu akzeptieren, die anders ist, als man sie gerne hätte. Die Humorlosigkeit sitzt im Vorzimmer der Gewalt. Sie ist die Schwester der Intoleranz und die Tante des Rassismus.

Durch die Häufung von Anzeigen gegen Komiker wegen angeblicher Verletzungen der Anti-Rassismus-Strafnorm werden in den Medien verschiedene Fragen zum Humor diskutiert, wie z.B. die Frage, ob man über einen rassistischen Witz lachen darf. Solche Fragen sind absurd. Denn das Lachen ist ein spontaner Gefühlsausbruch, der ausgelöst wird durch bestimmte Mechanismen wie Wiedererkennung, Überraschung und Überforderung. Wir Komiker nennen diese Mechanismen Pointen. Die Pointen funktionieren unabhängig vom Inhalt. Das heisst, über einen rassistischen Witz darf man nicht lachen – man muss. Die Frage, ob man über einen rassistischen Witz lachen darf, ist also genau so absurd wie die Frage, ob man sterben soll, wenn man erschossen wird.

Es wird in diesem Kontext auch gerne darüber diskutiert, welche Themen man überhaupt noch humoristisch betrachten dürfe und bei welchen Themen etwas mehr Ernsthaftigkeit verlangt werden könne. Auch diese Frage ist grotesk. Denn das Gegenteil von Humor ist nicht die Ernsthaftigkeit. Das Gegenteil von Humor ist die Frustration und die Empörung. So wie eine humoristische Haltung in der Bereitschaft besteht, die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen, entsteht Frustration und Empörung, wenn man etwas zu ernst nimmt. Und da wir Menschen die schlechte Angewohnheit haben, uns selber für zu wichtig zu halten und Dinge, die uns betreffen, zu ernst zu nehmen, ist die humoristische in der Regel auch die objektivere Betrachtung. Political Correctness ist so gesehen bloss ein Synonym für Humorlosigkeit.

 

Selbstüberschätzung

Die Fähigkeit, zu lachen, ist die Fähigkeit, Spannungen abzubauen. Das Lachen ist eine Deeskalationsfunktion unseres Gefühlsbaukastens: Der Mensch sieht sich ständig mit scheinbar unüberwindbaren Hürden, unvorhergesehenen Problemen oder eigenen Fehlern konfrontiert. Könnten wir darüber nicht lachen, empören wir uns oder verfallen gar der Frustration.

Nicht das vorgefundene Hindernis ist dabei das Problem.
Das Problem ist, dass wir das Hindernis vorher nicht einkalkuliert haben. Wenn es unerwartet auftaucht, sind wir vor den Kopf gestossen und halten erst einmal die Luft an. Wir haben uns zu ernst genommen, überschätzt, verkalkuliert – und verlieren Zeit mit Frust. Das belastet. Und solange wir die Luft anhalten, gebannt vor dem Hindernis stehen bleiben und uns selbst bemitleiden, werden wir auch die Lösung des Problems nicht finden.

Deshalb muss erst die Luft raus. Am schnellsten geht das mit einem herzhaften Lachen! Das Lachen ist ein Dammbruch an der Sollbruchstelle: Es schafft uns Raum, und wir gewinnen geistige Bewegungsfreiheit. Klar, das Hindernis ist damit nicht überwunden. Aber unser Problem, nämlich der Unsinn, das Hindernis nicht zu akzeptieren, ist mit dem Lachen aus dem Weg geräumt.

Humorvolle Menschen gehen deshalb schneller dazu über, Lösungen für das Problem zu suchen, weil sie sich auch in Anbetracht grosser Probleme nicht so schnell frustrieren lassen oder empören. Sie akzeptieren überraschende Hindernisse und begreifen sie als interessante Herausforderungen. Und wissen deshalb: unüberwindbare Hindernisse sehen oft bloss auf den ersten Blick unüberwindbar aus.

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Werner Kieser, Unternehmer,
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