Was ist Humor?

Teil IX von XI: Die Groteske

Wie die Überraschung ist auch die Wiedererkennung oft schuld daran, wenn wir lachen müssen. Mit jeder Wiedererkennung wird ein bis anhin offener Prozess unseres Gehirns erfolgreich abgeschlossen – wofür es sich selbst gleich mit der Ausschüttung von befriedigenden Hormonen belohnt. Erfolgt die Wiedererkennung plötzlich, werden die Hormone entsprechend unvermittelt freigegeben, und wir atmen so lustvoll aus, dass dabei lustige Töne entstehen. Diese Töne nennen wir: Lachen.

 

Parodie

Die Wiedererkennung ist also eine Art intimes Erfolgserlebnis. Wir lieben es deshalb, Dinge wiederzuerkennen. Dabei ist es uns gleichgültig, ob ein Kind erstaunlich verwechselbar eine Fremdsprache imitiert, ob der Pantomime einen Elefanten mimt – oder ob der Parodist einen prominenten Politiker parodiert. Für letzteres gilt: Parodisten leben ausschliesslich von diesem Mechanismus. Dabei fällt auf, dass die meisten von ihnen mit erstaunlich schlechten Pointen auskommen. Das Vergnügen scheint tatsächlich vor allem in der reinen Wiedererkennung des parodierten Objekts zu liegen. Der im Jahre 2000 verstorbene geniale Schweizer Komiker Kaspar Fischer konnte nicht nur Menschen aller Sprachen und Dialekte und alle erdenklichen Tiere, darunter Ameisen und Mehlwürmer, sondern auch Wasser in verschiedenen Aggregatzuständen, Wasserleitungen, Stroh, Werkzeuge und Holzbalken überzeugend parodieren. Seine Texte reduzierten sich bei Gegenständen wie Holzbalken schliesslich auf kaum mehr wahrnehmbare Knarrgeräusche. Aber: das Publikum tobte vor Lachen.

 

Karikatur

Mit der Karikatur verhält es sich gleich. Der Spass liegt auch hier primär in der Wiedererkennung der karikierten Person. Ist die Karikatur oder Parodie schlecht erkennbar, dann erfolgt die Ausschüttung befriedigender Hormone nur allmählich, und man erntet allenfalls ein anerkennendes Kopfnicken. Die Wiedererkennung verzögert sich aber auch, wenn die parodierte Person schon länger nicht mehr im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stand. Deswegen weinen Karikaturisten wie Parodisten besonders unbeliebten Politikern grosse Krokodilstränen nach, wenn diese abtreten.

 

Aktualitäten

Die Aktualität ist, umgekehrt, ein fliegender Wiedererkennungsteppich, der dauernd umgeknüpft wird. Je aktueller ein Thema ist, desto weiter vorne ist es in unserem Gedächtnis gespeichert und desto leichter ist es deshalb, überraschend darauf zuzugreifen und damit jemanden zum Lachen zu bringen. Wenn das Thema ganz zuoberst liegt, kann der Zugriff blitzschnell erfolgen. Die sofortige Wiedererkennung garantiert eine maximale Hormonausschüttung, und man kann ein brüllendes Gelächter ernten. Ich bin beispielsweise gerade auf Deutschlandtournee und eröffne die Show jeden Tag mit dem Satz: «Keine Angst, ich werde heute nichts zu VW sagen.» Obwohl dieser Satz gar nicht lustig ist, lacht das Publikum laut, weil das Thema VW zuvorderst in ihren Köpfen liegt und ich sie somit genau dort abhole, wo sie im Moment stehen. Und wenn ich in Zürich auf der Bühne stehe und im Zuschauerraum ein Mobiltelefon klingelt, sage ich: «Wenn es Christoph Mörgeli ist, dann sagen Sie ihm, ich sei nicht da.» – Das Publikum lacht ebenfalls, obwohl ich wieder nichts Lustiges gesagt habe.

Schwierig wird’s also erst wieder in ein paar Wochen, wenn Nationalrat Mörgeli vergessen ist – und ich mir etwas Neues, Gescheites einfallen lassen muss, denn niemandem von uns ist es gegeben, über Fremde zu lachen. Das wiederum hat etwas sehr Beruhigendes, finden Sie nicht?