Was ist Humor?

Teil VI von XI: Die Absurdität

Kennen Sie das? Sie biegen zu Fuss um eine Ecke und stossen beinahe mit einem Fahrradfahrer zusammen. Nein? Dann sicher das: Sie konnten gerade noch Ihr SUV bremsen, weil Sie den Fussgänger auf dem Zebrastreifen erst in letzter Sekunde gesehen haben. Obwohl nichts passiert ist, trägt jeder Beteiligte einen gehörigen Schrecken davon, denn das Adrenalin ist bereits in den Adern. Und: die so entstandene Spannung müssen wir erst einmal entladen, bevor wir in eine ausgewogene Gemütslage zurückfinden. Das ist der Grund dafür, dass wir die beschriebenen Verkehrssituationen einerseits mit erleichtert lachenden Beteiligten kennen, die sich gegenseitig entschuldigen und beteuern, dass wirklich kein Schaden entstanden sei. Und – andererseits – auch mit fluchenden und sich gegenseitig beschimpfenden Akteuren. Wieso reagieren Menschen in der gleichen Situation so gegensätzlich?

Den Unterschied macht der Humor: Ein humorvoller Mensch erkennt sofort, dass ausser dem Schrecken nichts gewesen ist und er sich deshalb gleich wieder entspannen kann. Zugleich gesteht er sich präventiv ein, dass der Fehler vielleicht sogar bei ihm lag. Das macht ihn doppelt glücklich darüber, dass die Situation nicht eskaliert ist und somit folgenlos bleibt. Da sich die meisten Situationen, die wir als bedrohlich wahrnehmen, dann doch als harmlos entpuppen, ist die Fähigkeit zur schnellen Entspannung in gleichem Masse überlebensnotwendig wie die vorhergehende Anspannung zur Reaktionsfähigkeit in Extremsituationen. Die effektivste Abkürzung zur totalen Deeskalation nennt sich dementsprechend «Lachen». Ohne sie sprängen Auto- und Velofahrer sich noch öfter gegenseitig an die Gurgel. Und zwar nicht bloss in Zürich.

 

Aufatmen und Abwinken

Die Fähigkeit, nach erlebten Schreckenssekunden aufzuatmen und abzuwinken, anstatt sich in eine Empörung hineinzusteigern, ist ein wunderbarer Schutz für unser Gemüt. Humor senkt die Betriebstemperatur und schützt vor Herzinfarkt. Ein spontanes Lachen wirkt sogar ansteckend – und entspannt somit auch die anderen Beteiligten. Falls man es mit humorfähigen Fussgängern, Auto- oder Velofahrern zu tun hat. Denn: ein humorloser Mensch bleibt nach einem Schrecken angespannt. Er sucht die Ursache für seinen plötzlich alarmierten Gemütszustand bei seinem Gegenüber statt im eigenen, präventiv ausgeschütteten Adrenalin. Und da er sich seine hormonelle Überreaktion nicht eingestehen kann, wird er die Ursache für sein Unwohlsein – objektiv gesehen ein Fehlalarm – nicht finden und kann deshalb auch die Waffen nicht strecken. Sein Zustand bleibt alarmiert und sein Gegenüber unter Verdacht, ihn vielleicht doch in böser Absicht angegriffen oder ihn zumindest aus Dummheit oder Nachlässigkeit gefährdet zu haben. Statt in Entspannung geht der Schreck in Empörung über. Und da diese Empörung vergeblich ist, verwandelt sie sich in Frustration. Sie wissen ja: bei Frust hört buchstäblich jeder Spass auf.

 

Die Geisterbahn

Übrigens: weil der Vorgang des Lachens auch und vor allem nach einem Schrecken befreiend wirkt, lieben wir Geisterbahnen. Weil wir wissen, dass uns darin keine Gefahr droht, freuen wir uns sogar darauf, erschreckt zu werden! Es ist die Vorfreude auf das erleichternde, selbstironische Lachen. Einen humorlosen Menschen hingegen wird die Geisterbahn nur unnötig aufregen. Noch frustrierter finden wir ihn dann auf der Achterbahn: auch dort lacht nämlich nur, wer die eigene Machtlosigkeit anerkennt, die Kontrolle abgibt, sich ganz dem Spiel von gelassener Anspannung und ausgelassener Entspannung hingibt.

Den Meister in dieser Disziplin zeigt uns allerdings jener tibetische Mönch, der sein halbes Leben in chinesischen Foltergefängnissen festgehalten wurde und nach später Flucht im hohen Alter – auf die Folterqualen angesprochen – erklärte, das Schwierigste sei gewesen, den Respekt vor den Folterknechten nicht zu verlieren.

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