Was ist Humor?

Teil IV von XI: Die Überforderung

Wie wir in dieser Reihe bisher dargelegt haben, handelt es sich beim Lachen um die Entladung einer Gefühlsspannung. Heute beschäftigen wir uns mit einem besonders befreienden Lachen: dem aus Überforderung.

Nehmen wir an, Sie nähmen an einem öffentlichen wissenschaft-lichen Diskurs teil und merkten, dass Sie der Unerfahrenste auf dem Podium seien (und der einzige, der überhaupt keine Ahnung hat, worum es geht). Sie werden versuchen, im Gespräch Anhaltspunkte über den ungefähren Gegenstand der Diskussion zu finden, dann aber irgendwann etwas gefragt werden, woraufhin sich alle Zuschauerblicke auf Sie richten, während auch Ihre Diskussionspartner mit grösster Spannung auf Ihre gescheite Antwort warten – die natürlich nicht kommt. Das ist peinlich. Oder nehmen wir an, Sie versuchten, von Ihrem indischen Chauffeur eine Antwort auf die Frage zu erhalten, warum er Richtung Norden fährt, obwohl der Flughafen im Süden der Stadt liegt, worauf Sie der Chauffeur immer wieder mit seinem strahlenden Lächeln im Rückspiegel beobachtet und nickend «Yes, yes» sagt, sobald sich Ihre Blicke treffen. In solchenSituationen sind Sie verloren. Wenn Ihnen eine Situation dergestalt völlig entgleitet, Sie also überfordert sind, brechen Sie irgendwann entweder in sich zusammen – oder auf eine entwaffnend fröhliche Art in ein resigniertes bis panisches Gelächter aus.

Dieses hilflose Lachen zeugt von Selbstironie: Wer über sich selbst lachen kann, wenn er verloren ist, zeigt Humor. Wer nicht über Selbstironie verfügt, wird die Anspannung der Überforderung hingegen nicht in Gelächter auflösen, sondern in Frustration oder Empörung. Humor, so können wir hier zeigen, ist also auch die Kunst des souveränen Verlierens. Wer lachend verlieren kann, zeigt Charakterstärke. Und es gibt nichts Stärkeres als das offenherzige Eingeständnis einer Kapitulation – es wirkt buchstäblich entwaffnend.

 

Prävention

Unsichere, aber doch humorvolle Menschen beherrschen deshalb das vorbeugende Lächeln mit hochgezogenen Schultern, um drohenden Peinlichkeiten oder Missverständnissen zuvorzukommen. Das hilflose Lächeln, mit dem man auf jemanden zugeht, bevor man versucht, in einer Sprache, die man nicht beherrscht, eine Frage zu stellen, stimmt den Angesprochenen sofort wohlgesinnt, geduldig und hilfsbereit.

 

Geschwindigkeit

Oft überfordert uns auch die Geschwindigkeit. Das gilt einerseits für die physische Geschwindigkeit: das Gelächter auf der Achterbahn ist das Lachen derer, die über ihre eigene Hilflosigkeit lachen können. Lachen heisst: loslassen, aufgeben. Wer sich auf der Achterbahn verkrampft, kriegt bloss noch mehr Angst. Besonders gerne lachen wir übrigens, andererseits, wenn uns die Redegeschwindigkeit überfordert. Etwa, wenn wir über einen Zungen-brecher stolpern. Aber wir lachen auch, wenn uns jemand einen Zungenbrecher unnachahmlich schnell und fehlerfrei vorträgt.

Diesen Effekt nutzen Komiker, wenn sie schneller reden, als ihnen das Publikum folgen kann. Um die Überforderung des Publikums noch zu steigern, spickt man Schnellsprechpassagen oft mit wissenschaftlichen Begriffen. So wie Boulevardkomiker, die mit dem Zweihänder dreinschlagen, ihre Pointen gerne unter die Gürtellinie verlegen, weil mit der Verletzung der Schamgrenze die Lachschwelle gesenkt wird, machen sich die Degenfechter der Satire den überfordernden Effekt der Geschwindigkeit zunutze, welcher ebenfalls die Lachschwelle senkt.

Sätze wie «Wenn hochenergetische Protonen aus der kosmischen Strahlung auf das interstellare Gas der Milchstrasse treffen, kann Gammastrahlung entstehen» beschleunigen die Achter-bahnfahrt der Gedanken im Gehirn. Wenn nun eine solche Achterbahnfahrt mit der Erkenntnis endet, dass die Langsamkeit des Lichts Quantenphysiker an die Grenzen der Physik bringt, dann weicht die Überforderung einem wissenschaftlichen Vergnügen, welches uns von der Selbstironie zur Ironie führt.

Hier entstehen dann auch Physikerwitze wie «Oh, meine Kugel ist umgefallen», womit wir bei der Absurdität wären. Ihr widmen wir uns im nächsten MONAT – um Sie hier nicht zu überfordern.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»