Was ist Humor?

Teil III von XI: Die Schadenfreude

Dass wir lachen können, wenn jemand mit einem Tablett voller gefüllter Suppenteller über einen Hund stolpert, dient wie fast jedes Lachen der Entschärfung der Situation. Wenn etwas schiefläuft oder ein Fehler passiert, so löst das negative Gefühle aus, die wir nicht haben möchten: Missmut, Enttäuschung, Empörung, Scham oder Frustration. Deshalb, so habe ich in den letzten beiden «Monaten» dargelegt, wurde dem Menschen die wunderbare Fähigkeit mitgegeben, sich der aufbauenden Gefühlsgewitterfront durch einen spontanen Platzregen zu entledigen bzw. die aufziehenden Wolken in Gelächter aufzulösen. Dieser Platzregen dient aber nicht nur dem Zuschauer, sondern auch der Person, der das Missgeschick passiert ist – und die somit im Regen steht. Denn: wenn gelacht wird, ist die Situation allseits ruckzuck wieder entspannt.
Wir bewegen uns hier also ganz tief in der wunderbar austarierten Welt der menschlichen Psyche.

 

Mensch vs Kreatur

Was den Menschen vom Tier unterscheidet ist, dass bei ihm der Instinkt durch den freien Willen ersetzt wurde. Mit anderen Worten: der Mensch ist ein Opfer seiner eigenen Ratlosigkeit.
Der freie Wille sorgt für eine maximale Fehlerquote in unserem Handeln. Das macht den Menschen nicht nur zu einem äusserst flexiblen Überlebenskünstler, sondern geradezu zu einem Spezialisten darin, mit allem leben zu können, was schieflaufen kann. Auf Unvorhergesehenes zu reagieren, das ist seine Stärke.
Jedenfalls, sofern er sich dieser Stärke bewusst ist, sie also bei sich und anderen zulässt, fördert und trainiert. Einen Teil dieser Stärke nennen wir Humor.

Hier sind wir wieder beim Herrn mit Tablett, der lachend im Regen steht. Die sogenannte Schadenfreude – die der Zuschauer und auch die unseres Herrn – ist Ausdruck von Humor, denn sie stellt eine eigentliche Schadensbegrenzung dar. Dank seiner einschlägigen Erfahrung mit der eigenen Fehleranfälligkeit besitzt der Mensch die Fähigkeit, blitzschnell zu erkennen, ob eine entgleiste Situation bedrohlich ist oder nicht. Erkennt er sie als bedrohlich, kommt denn auch keinerlei Schadenfreude auf. Sie setzt nur dann ein, wenn das einzig Bedrohliche an der Situation potenziell aufkommende negative Gefühle sind – um ihnen mit einem kurzen Lachanfall vorzubeugen.

 

Der Slapstick

Nebst der Schamgrenzverletzung, der wir uns im letzten Beitrag gewidmet haben, zählt die Schadenfreude zu den wichtigsten Mechanismen, derer sich Komiker bedienen, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Der sogenannte «Slapstick» baut sehr stark auf den Effekt der Schadenfreude.

 

Politische Satire

Das Moment der Schadenfreude kommt aber auch zur Anwendung, wenn sich Komiker über Politiker oder andere Prominente lustig machen. Denn damit holen sie bekannte Personen mit Spott vom hohen Ross. Da der Sturz vom hohen Ross nur rhetorisch passiert und für den Verspotteten dabei keine reale Verletzungsgefahr besteht, erkennt das Publikum sofort die Ungefährlichkeit der Situation – lacht also herzhaft und unbekümmert aus voller Schadenfreude.

Aber: solcher Spott greift nur bei Personen, die Machtpositionen einnehmen und somit tatsächlich auf dem hohen Ross sitzen. Trifft die Verhöhnung jemanden, der auch physisch verletzt wird, indem man z.B. Witze über Opfer von Hunger oder Folter macht, dann handelt es sich im besseren Fall nicht um Schadenfreude, sondern um den Versuch, auch eine besonders unerträgliche Situation mittels Gelächters zu entschärfen und das Elend damit etwas erträglicher zu machen. Andernfalls haben wir es nicht mit einer Spielart des Humors, sondern mit einer Form von Sadismus zu tun. Die Qualität des Lachens ist dann eine völlig andere. Das dünne, hilflose Lachen, das ein besonders trauriger Witz bei uns hervorruft, unterscheidet sich wesentlich vom kehligen, hämischen Grinsen der Niedertracht. Mit anderen Worten: egal wie schlimm etwas ist, das anderen widerfährt, Sie dürfen immer lachen – aber nicht hämisch, sondern nur händeringend. 

«Unverzichtbare Lektüre:
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Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»