Was ist Humor?

Teil II von XI: Humor vs. Gelächter

Nachdem wir im ersten Teil dieser Reihe dargelegt haben, dass Humor eine Charakteranlage ist, die es uns erlaubt, über Dinge zu lachen, die uns eigentlich empören oder frustrieren, wenden wir uns nun dem Lachen selbst zu.

 

Lachen auslösen

Der Komiker, der ein Lachen auslösen will, bedient sich hierzu bestimmter Mechanismen, die in die Gefühlsebene seiner Zuhörer greifen. Humor kann er dabei nicht «produzieren», denn Humor ist ein Charakterzug. Man kann Humor haben, entwickeln und fördern, und man kann ihn auch wieder verlieren. Aber Witze und Pointen, die Lachen provozieren, werden gemacht, konstruiert und erfunden, bei ihnen handelt es sich um in wenigen Sätzen aufgebaute Probleme, kleine Problemstauseen sogar, die vom Erzähler angelegt werden, um dann den Staudamm mit einer unerwarteten Pointe bersten zu lassen. Dieses Prinzip des Spannungsaufbaus und seiner Entladung ist auch nicht auf ein humorvolles Publikum angewiesen. Wäre das der Fall, hätten Komiker nichts zu lachen.

 

Schamgrenze und Peinlichkeit

Zu den unerträglichen Spannungen, die wir mittels Gelächters auflösen, gehört zuvorderst die Peinlichkeit. Wird unsere Schamgrenze verletzt, werden wir rot und müssen vor Verlegenheit lachen. Diese Schamgrenze ist angeboren. Viele Künstler, Psychologen, Pädagogen usw. sind zwar immer noch der Ansicht, die Schamgrenze habe viel mit gesellschaftlichen Tabus zu tun, aber das ist ein Irrtum. Unsere aufgeklärte Gesellschaft kennt schon lange keine sexuellen Tabus mehr. Die Schamgrenze hat die sexuelle Revolution dennoch schadlos überstanden – sie kann kulturell bedingt etwas höher oder tiefer liegen, aber grundsätzlich ist sie jedem psychisch gesunden Menschen angeboren. Dass das durchaus auch Sinn macht, wissen wir spätestens seit Mani Matters Lied «Hemmige».

Obwohl wir es also gewohnt sind, mit anderen Menschen nackt in der Sauna zu sitzen, löst die Vorstellung, wir sässen im morgendlichen Berufsverkehr nackt im Bus, ein fast panisches Lachen aus. Die Situation wäre uns peinlich. Aber nicht nur die eigene Entblössung, sondern auch die Entblössung anderer verletzt unsere Schamgrenze. Sollten wir einem nackten Menschen auf der Strasse begegnen, wäre uns das ebenfalls peinlich, und wir müssten zumindest ebenso berührt grinsen.

 

Unter der Gürtellinie

Eine der folgenschwersten, durch Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse im Showbusiness ist: Peinlichkeit senkt die Lachschwelle. Bedeutet: Schlechte Pointen braucht man bloss unter die Gürtellinie zu verlegen, und schon «funktionieren» sie. Die wenigsten Komiker wissen, dass das Publikum nicht lacht, weil die Pointe gut ist, sondern weil es peinlich berührt ist. Jeder kennt diese Situation: Man lacht über eine schamlose Pointe und denkt gleichzeitig: «Mein Gott, ist der Witz schlecht.» Würde man solche Pointen über die Gürtellinie verlegen, gäbe es in vielen Comedy Shows nichts mehr zu lachen. Die Schamgrenzverletzung gehört also zu den profaneren Mechanismen, die von Komikern genutzt werden, um das Publikum zum Lachen zu bringen.

 

Umgang mit der Schamgrenze

Das Lachen über Peinlichkeiten kommt schnell und ist laut. Aber es macht nicht glücklich. Das ist der Grund, weshalb man Sprüche und Witze, die unter der Gürtellinie angelegt sind, höchstens im engeren Freundes- oder Kollegenkreis von sich geben sollte – dort, wo man sich gut kennt. Sonst kann es sein, dass die anderen zwar laut lachen, gleichzeitig aber auch denken: «Mein Gott, was für ein ordinärer Typ.»

Was aber tun, wenn Sie in eine Runde geraten, in der schmutzige Witze erzählt werden? Was tun, wenn Sie mit dieser illustren Gesellschaft um zwei Uhr nachts in einer Striptease Bar landen, nur weil dies der einzige Ort ist, wo es noch etwas zu trinken gibt? Wie verhalten Sie sich, wenn Ihnen die Anwesenheit von nackten Frauen peinlich ist? Kein Problem! Nehmen Sie es mit Humor und heben Sie Ihre Gedanken über die Schamgrenze: Anständige Menschen schauen nackten Frauen ins Gesicht.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»