Was ist Eitelkeit?

Schon seit frühen Jahren wurde ich in der Auseinandersetzung mit Rom stets der Eitelkeit angeklagt. Deshalb sei hier gegen Ende meines Lebens im Rückblick ausdrücklich die Frage gestellt und beantwortet.

Ist es «Eitelkeit», wenn man um rechtliches Gehör bittet von einer römischen Autoritätsperson, die mich weltweit durch Verurteilung diskriminierte, ohne mich je angehört oder auch nur gelesen zu haben? Ist es denn schon «Eitelkeit», wenn man ein gesundes Selbstbewusstsein zeigt und für kirchliche Aktionen Begründungen fordert? Nicht selten stellen Journalisten, wenn ihnen nichts mehr einfällt, die persönliche Frage: «Sind Sie eitel?», was ich am liebsten mit der Gegenfrage beantworten würde: «Und Sie?» Doch dann erschiene man ja selber als «eitel».

«Die Eitelkeit anderer geht uns nur dann wider den Geschmack», so ein Aphorismus in Nietzsches «Jenseits von Gut und Böse» (Nr. 176), «wenn sie wider unsere Eitelkeit geht.» Für manche Zeitgenossen ist man schon «eitel», wenn man aufgrund seiner Kompetenz und vor allem Wahrhaftigkeit und Verständlichkeit öfter als andere Theologen zu Fernsehsendungen eingeladen wird; oder wenn man auf einen sportlichen Körper und angemessene Kleidung Wert legt und bisweilen einen Schlips trägt; wenn man gut rasiert ist und mit 85 noch nicht alle Haare verloren hat.

Ich verabscheue Dünkel, akademischen besonders, verabscheue Pose, vor allem fromme, verabscheue Wichtigtuerei, auch die liturgisch verbrämte oder vergoldete; in der römischen Kurie hat man über Papst Benedikt wegen seiner roten Schuhe, Goldring und Kopfbedeckung als den «bestgekleideten Papst seit der Renaissance» gespottet. Was aber ist «Eitelkeit»? Genau definiert: die kritiklos-gefallsüchtige Verliebtheit in sich selbst und illusionistisch überschätzte Eigenschaften. Meine Eigenschaften und Fähigkeiten, darf ich sagen, habe ich selten überschätzt, manchmal aber die anderer und sie dann damit überfordert.

Von meiner Erziehung her habe ich die Bejahung des eigenen Wertes, der eigenen Fähigkeiten, aber auch der eigenen Grenzen mitbekommen. Meine Leistungen, etwa in der Schule und auch in Rom, wurden anerkannt, aber nicht überschätzt. Vielmehr lernte ich Selbstbejahung und Selbstbescheidung verbinden, Wunschbild und Wirklichkeit der eigenen Person unterscheiden. Selbstkritik ist Medizin gegen Eitelkeit. Und Selbstkritik wurde mir durch all die Jahre anerzogen, einerseits durch spirituelle Schulung und methodische Gewissenserforschung, andererseits durch wissenschaftliche Bildung und ständiges Hinterfragen eigener Positionen.

Das alles hat mich auf meine schon frühen Medienauftritte vorbereitet; ich berichtete bereits von meiner ersten Pressekonferenz in den USA, mit 35 Jahren in Boston. Ich dachte gar nicht an meine «Wirkung nach aussen», wie ich denn auf Menschen wirke. Ich dachte einfach an die Sache, die ich zu vertreten habe, und die verlangte meine volle Konzentration. Doch wenn ich eine Sache studiert und als richtig erkannt habe, dann bin ich auch bereit, für sie hinzustehen und einzustehen.

Und genau dies hat man in Rom nicht geschätzt. Wobei kundige Beobachter der Szene vermuten, der Papst aus Polen hätte sich nicht zuletzt deshalb dem Gespräch mit mir und auch anderen kritischen Theologen verweigert, weil er aufgrund seiner höchst beschränkten theologischen Ausbildung – nicht etwa wegen mangelnder Intelligenz – gar nicht fähig gewesen wäre, an der Päpstlichen Universität Gregoriana ein theologisches Doktorat zu erlangen und dann über exegetische, dogmenhistorische und aktuelle systematisch-theologische Fragen angemessen zu diskutieren. Das war beim hochgebildeten Papst aus Deutschland anders. Wie viel Eitelkeit in den erneut pompösen römischen Manifestationen in aufwendiger, oft weibischer Kleidung vom Scheitel bis zur Sohle und kostbar-kostspieliger Ausstattung zum Ausdruck kommt, sei dahingestellt, dem Geist des Vatikanums II widerspricht sie jedenfalls.

Natürlich will ich bei alldem nicht leugnen, dass ich wie an manchen Dingen des Alltags so auch an eigenen Erfolgen noch immer eine kindliche Freude haben kann, die ich mir von niemandem nehmen lasse. Doch darf man sich auch nicht zu früh freuen.

Der hier vorliegende Auszug stammt aus Hans Küngs «Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen», © 2013 Piper Verlag GmbH, München. Der dritte Band seiner Memoiren erscheint am 1. Oktober 2013. Wir danken dem Autor sowie dem Verlag für die freundliche Genehmigung dieses Abdrucks.
Am 31.10.2013 spricht…

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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