Was heisst: Etwas ist gegeben?

Die Philosophie Jean-Luc Marions Die im deutschsprachigen Raum noch weitgehend unbekannte Philosophie Jean-Luc Marions setzt sich mit den Erscheinungen auseinander. Anders als die Naturwissenschaften, die an den objektivierbaren Dingen interessiert sind, die sie hinter den Erscheinungen vermuten, beschäftigt sich Marion mit dem Erleben von Erscheinungen ‹an sich› und betont die passive, empfangende Rolle des erkennenden Individuums.

Namen wie Foucault, Derrida, Deleuze und Lyotard sind auf dem deutschen Buchmarkt sehr präsent. Die meisten ihrer Texte sind übersetzt und Teil des gängigen intellektuellen Diskurses geworden. Doch man sucht vergebens nach Übersetzungen der Texte von Jean-Luc Marion, eines der wichtigsten und wohl interessantesten Vertreter der zeitgenössischen französischen Philosophie.

Marion, Professor für Philosophie an der Sorbonne sowie an der University of Chiacago, wurde als Spezialist für die Philosophie Descartes’ bekannt. In den letzten Jahren befasste er sich jedoch vor allem mit Husserl. Mit seinem 2001 erschienenen Buch «De surcroît» schliesst er an eine intensive Beschäftigung mit der Phänomenologie an. Marion greift in seinen Publikationen das grundlegende Problem der Gegebenheit der Erscheinungen auf. Was heisst: «es gibt» Dinge, die uns erscheinen? Wie sind sie uns gegeben? Die Antworten, die Marion auf diese Fragen findet, eröffnen neue Horizonte im Umgang mit den Dingen und der Welt. Dabei versucht Marion an der Entwicklung der Phänomenologie weiterzuarbeiten, wie sie von Heidegger, aber vor allem von den Franzosen, von Lévinas, Sartre, Merleau-Ponty, Ricœur und Derrida, geleistet wurde.

Erscheinungen – ein Ereignis?

Das Interesse der Phänomenologie gilt den Erscheinungen an sich und der Art und Weise, wie sie sich geben und zeigen. Mit anderen Worten: die Erscheinungen sollen zu ihrem vollen Recht kommen. Sie sind kein blosser sinnlicher Schein mehr, der aufgelöst werden muss, um zum eigentlichen Sein vorstossen zu können. Für Marion haben die Begegnungen mit den Erscheinungen einen grundsätzlichen Ereignis- und Erlebnischarakter, von dem man nicht durch ein distanzierendes und verobjektivierendes Denken abstrahieren kann.

Wenn ich etwa sage, «ich sehe ein Haus», so stimmt diese Aussage nur bedingt, denn ich vermag nicht das ganze Haus auf einmal zu sehen. Ich sehe immer nur höchstens drei Seiten gleichzeitig. Will ich aber das Haus in seiner ganzen Ausdehnung sehen, so bin ich gezwungen, meinen Beobachterstandpunkt zu verändern und um es herum zu gehen. Obwohl es sich um dasselbe Haus handelt, habe ich trotzdem, je nach Standpunkt, verschiedene Ansichten. Bin ich um das ganze Haus herumgegangen, so muss ich mich an alle zeitlich vorangegangenen Ansichten erinnern, um mir ein Gesamtbild machen zu können. Mit andern Worten, ich bringe sie in meiner Vorstellung in eine virtuelle Gleichzeitigkeit, die aber nur durch den konkreten Gang um das Haus herum überhaupt erst möglich wurde.

Diese Erscheinung taucht in mir, als wahrnehmendem und erkennendem Subjekt, in stets besonderer Weise auf. Sie eröffnet sich mir vorerst nicht als ein erkennbares Objekt, sondern in Form eines Ereignisses, für das es keine apriorischen, das heisst die Erscheinung im voraus in irgendeiner Weise strukturierenden Kategorien gibt. Bei diesem Ereignis fungiere ich nicht als unbeteiligter Beobachter. Vielmehr bin ich ein empfangendes Subjekt, das durch seine Leiblichkeit immer schon in einen konkreten, erlebnishaften Bezug zu den Erscheinungen eingebunden ist. Das Erscheinen stellt die Dinge nicht so vor, wie sie sind, sondern gibt sie uns in erlebnishafter Form. Sie stossen uns in gewisser Weise zu. Jedes Phänomen berührt mich als ein Bewusstseinserlebnis und nicht als Objekt, dem ich distanziert gegenüberstehen könnte.

…oder eine objektivierbare Gesetzmässigkeit?

Im Gegensatz dazu versucht der wissenschaftlich-technische Zugriff auf die Welt, gerade diese erlebnishafte, je einmalige Gegebenheit der Erscheinungen auf allgemeine und quantifizierbare Gesetzmässigkeiten von Gegenständen zu reduzieren. Diese Gesetzmässigkeiten und die objektiven Aussagen, die sie über die Gegenstände ermöglichen, müssen an jedem Ort der Welt beliebig oft in identischer Weise erkennbar und wiederholbar sein. Das erkennende Subjekt wird damit zum Forscher, der den Dingen die Kategorien der wissenschaftlichen Erkennbarkeit und Objektivität aufzwingt.

Was am Beispiel der Erscheinung des Hauses vielleicht keine unmittelbaren Folgen zeitigt, kann in anderen Bereichen ernsthaftere Formen annehmen. Es gibt Phänomene,…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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