Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Peter Ruch «Der grösste Nutzen, den die Einführung des
Sozialismus brächte, liegt ohne Zweifel
darin, dass der Sozialismus uns von der
schmutzigen Notwendigkeit, für andere zu
leben, befreite. … Die meisten Menschen
verderben ihr Leben mit einem heillosen,
übertriebenen Altruismus – sie sind geradezu
gezwungen, es zu tun.»
(Oscar Wilde: «Der Sozialismus und die Seele des Menschen»)

«Oscar Wilde tut so, als hätte das Leben bloss eine Sonnenseite,

die er mit der künstlerischen Selbstverwirklichung

gleichsetzt. Die Arbeit für den eigenen Lebensunterhalt betrachtet

der Dandy als mindere Tätigkeit, sie führe zu Elend

und Auszehrung. Vor diesem Anblick will er sich und die

Seinen bewahren. Ich halte die Unterscheidung zwischen

wahrem Künstlerleben und falschem Arbeiterleben, zwischen

guter Selbstverwirklichung und schlechter Fremdbestimmung

in dieser Radikalität für irreführend. Wilde

träumt von einer Gemeinschaft absolut autonomer Künstlerindividuen,

einer Gemeinschaft, die, bei Lichte besehen,

nichts anderes wäre als ein Haufen gefühlloser Egomanen

und Egoisten. Zum Leben eines jeden Menschen gehören in

Wahrheit beide Aspekte, die Freiheit und das Dienen.

Gerecht ist nicht jene Gesellschaft, die bemüht ist, möglichst

viele Menschen vor Arbeit zu bewahren. Gerecht ist

vielmehr jene Gesellschaft, die den Einzelnen motiviert, sich

im Spannungsfeld von Freiheit und Dienen zu situieren.

Nicht der Neid sollte uns leiten, sondern die Neugier und

der Ehrgeiz. Der heutige Wohlfahrtsstaat fördert die Neidkultur.

Er bläut dem Individuum ein: du hast wenig, weil

andere viel haben, und legitimiert damit eine zunehmend

exzessive Umverteilung von Gütern. Tatsächlich geht es je-

ner Gesellschaft am besten, die möglichst wenig umverteilt

und möglichst stark motiviert. Einkommensunterschiede

sind nicht unmoralisch, im Gegenteil, sie sind Ansporn

für viele Menschen, tätig zu sein und tragen zum gesamtgesellschaftlichen

Wohlstand bei. Die Rede von der Schere

zwischen Arm und Reich hat wenig Aussagekraft, weil die

Messlatte für die Armut variabel ist. Entscheidend ist vielmehr,

wie viel die Ärmeren und Benachteiligten absolut haben.

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass der Wohlstand,

von dem nicht alle gleich viel, aber letztlich alle profi tieren,

seit der Industrialisierung in unglaublichem Masse angestiegen

ist. Wenn hingegen zu viel umverteilt wird, mithin der

gesamtgesellschaftliche Wille zum Arbeiten und zum Dienen

nachlässt, dann wird die Gesellschaft als ganzes ärmer

und hat weniger zu verteilen. Dies hat zur Folge, dass die,

die ohnehin wenig haben, noch weniger haben.

Die moderne Neidkultur richtet nicht nur materiellen,

sondern auch immateriellen Schaden an, den ich als Pfarrer

noch höher gewichte; die Menschen entwickeln eine Anspruchshaltung,

die sie letztlich untätig und unglücklich

macht. Zwar spricht Jesus Christus uns Gnade zu, aber diese

ist nicht mit Lebensunterhalt auf Kosten anderer gleichzusetzen.

Ausnahmen sind selbstverständlich Kranke und

Behinderte. Ansonsten soll jeder sich selbst bemühen und

kann nur darauf hoff en, dass ihm Gnade widerfährt.

Als Pfarrer erbringe ich eine Dienstleistung. Nun ist

es so, dass der christliche Glaube an Einfl uss einbüsst, die

Kirchen immer schlechter besucht sind, die Kirchensteuer

als Basis der Pfarrgehälter immer weniger Akzeptanz fi ndet.

Ich bedaure diese Entwicklung, kann sie aber nicht ändern.

Wie weiter? Es gibt kein verbrieftes Recht auf das Pfarramt.

Sollte die Nachfrage zu gering sein, muss ich eben zusätzlich

eine andere Leistung anbieten. Das kann viel Zeit erfordern,

viel Kraft und Vertrauen. Vielleicht bin ich in einer Überbrückungszeit

auf die Unterstützung des Staates in Form

von Know-how und Geld angewiesen, die später möglichst

wieder zurückzuzahlen wären. Der Staat sollte jedoch nicht

versuchen, aus Anbietern Bittsteller zu machen, die in eine

fatale Abhängigkeit geraten. Damit hätte er zwar einen neuen

Sympathisanten des Sozialstaates, aber auf die Dauer ist

damit niemandem geholfen.»

Peter Ruch ist Pfarrer in Schwerzenbach

aufgezeichnet von René Scheu

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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