Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Dorothea Strauss «Permanenter ästhetischer Umsturz – das ist die Aufgabe der Kunst.»
Zitiert aus «Konterrevolution und Revolte» (Herbert Marcuse, 1973)

Was heisst denn hier Freiheit?

Seit Marcuse die Kunst zum permanenten ästhetischen Umsturz aufforderte, hat sich viel verändert. In den 80er und 90er Jahren hat die Kunst meines Erachtens die Freiheit entdeckt, sich im Alltag zu verlieren und sich dabei fast bis zur Unkenntlichkeit aufzulösen. Sie hat gelernt, in kleinen, ganz feinen Details wirksam zu werden, was nichts mehr mit der Brachialgewalt eines Umsturzes zu tun hat, sondern auf den ersten Blick viel lapidarer erscheint

Ich denke, es gibt zwar noch immer die alte Sehnsucht nach der Revolte, weil es in ihrem Zusammenhang leicht scheint, eine Form der Freiheit dingfest zu machen. Dennoch haben wir wohl nichts verloren, wenn die Aufgabe der Kunst nicht mehr im Dienst der grossen politischen Themen steht. Im Gegenteil, die Kunst hat mehr Möglichkeiten und damit mehr Freiheit, wenn sie sich nicht länger auf die revolutionäre Zerstörung des Vorhandenen festlegen lässt, sondern zu einer präzisen Beobachterin der Gegenwart wird. Wenn sie zuständig wird für die feinen Ziselierungen der Unterschiede, die wir im Alltag rasch übersehen. Statt den «permanenten ästhetischen Umsturz» würde ich daher der Kunst lieber die «permanente ästhetische Aufmerksamkeit» als Aufgabe zuweisen.

Ich gehöre schon zu einer Generation, für die Freiheit sich nicht allein in der Revolte zeigt. Meine Freiheit liegt, wenn ich jetzt im Bereich der Kunst bleibe, im Umgang mit Parallelwelten, die mir die Kunst anbietet. Die Kunst zeigt, dass es viele verschiedene Dinge gibt, zwischen denen ich mich nicht entscheiden muss, auch wenn ich das vielleicht bisher geglaubt habe. Sie zeigt mir, dass es mehr gibt, als dahin oder dorthin zu gehören, als Schwarz oder Weiss zu sehen. Für die Kunst bedeutet Freiheit, dass sie pluralistisch vorgehen kann. Und es die Aufgabe der Kunst, permanent an diesen Pluralismus zu erinnern. Sie muss für die gesellschaftliche Diskussion die pluralen Sichtweisen wach halten, die im Alltag häufig allzuleicht verloren gehen.

Die Kunst ist eine Spielwiese, auf der man Alternativen und Widersprüchliches ausprobieren kann. Wirtschaft und Politik müssen auf Veränderungen ständig so reagieren, dass der Status quo nicht zu sehr ins Wanken kommt. Denn wir brauchen im Alltag auch Sicherheiten und Verlässlichkeiten. Die Kunst hat die Aufgabe, all dies permanent in Frage zu stellen. Sie bietet eine Probebühne, auf der wir schauen können, was passiert, wenn a und nicht b gilt, was passiert, wenn wir die Sicherheiten hinter uns lassen und die Verlässlichkeiten aufbrechen. Kunst kann helfen, Unterscheidungen und Widersprüche auszuhalten, die im Alltag oft ignoriert oder nivelliert werden. Sich mit der Kunst auseinanderzusetzen bedeutet, im Geist beweglich zu bleiben. Es bedeutet, einen permanenten Zweifel zu nähren, ihn überhaupt ertragen zu können und immer mehrere Optionen wachzuhalten. Gleichzeitig fordert uns die Kunst jedoch auch auf, uns zu entscheiden. Auf der Probebühne der Kunst findet sich die Freiheit, spielerisch etwas auszuprobieren, bevor es sich im Faktischen des Alltags bewähren muss.

Die Kunst muss meines Erachtens daher von der Gesellschaft mehr zur Rate gezogen werden. Im Sinne eines Auftrags an die Kunst und auch im Sinne eines offenen Blicks für die Kunst. Kunst müsste eine Disziplin sein, die in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wirksamer wird und mit einer grösseren Selbstverständlichkeit als bisher den privaten und beruflichen Alltag begleitet. Denn mit ihr könnten wir das humanistische Anliegen wachhalten, nach dem das Unterschiedliche nebeneinander existieren kann und sogar muss, wenn wir als Gemeinschaft überleben wollen. Permanente Unterscheidungen bis hinein in die feinsten Nuancen offenzulegen, ohne Rücksicht auf die damit möglicherweise hervorgerufenen Ängste und Verunsicherungen: hier liegt meiner Erachtens die Freiheit der Kunst.

aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger

Dorothea Strauss, geboren 1960, ist Direktorin von Haus Konstruktiv

in Zürich (www.haus-konstruktiv.ch)

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»