Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Stefan M. Seydel: «Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.»
(«Briefe vom Berge» (1764), in «Schriften», hrsg. von Henning Ritter, 1988)

«Das möchte ich gerne um- und kürzer formulieren: Freiheit ist die Möglichkeit, nein zu sagen. Ich verstehe diesen Gedanken entwicklungspsychologisch. Denn die Entwicklung läuft über das Nein, wird erst möglich durch das Nein. Erst durch die Auflehnung, durch das trotzige Neinsagen, lernt das Kind zu unterscheiden. Es lehnt etwas ab, und dieser Moment ist die erste Äusserung seines erwachenden Selbstbewusstseins. Durch das Nein erfährt das Kind den Unterschied zwischen innen und aussen, zwischen den Ansprüchen dritter und den eigenen Wünschen. Die Phase des Trotzes und des Neins: das ist das Fest des entstehenden Ichs.

Ist es denn nicht so: du kannst erst dann ja sagen, wenn Du gelernt hast, nein zu sagen? Erst dann ist das Ja ein kräftiges Ja – und keine Nachlässigkeit, Hörigkeit oder Unterwürfigkeit. Allerdings darfst Du beim Nein nicht stehen bleiben. Du musst Dir die Möglichkeiten zum Ja offen halten. Das Neinsagen darf nicht zum Prinzip werden. Auch dann also, wenn Du nein sagen könntest, musst Du Dich für ein Ja entscheiden können. Das ist doch ein befreiendes Gefühl: ich hätte die Freiheit, nein zu sagen, doch ich sage trotzdem oder gerade deswegen ja. Nur dieses Ja ist ein starkes Ja.

Die engste Beziehung zwischen Menschen ist der Streit. Die Liebste kannst Du vergessen, den Feind niemals. Streit ist eine intime Beziehungsform, eher als Liebe. Die Liebe ist doch ein Verschmelzungsprozess, der Streit hingegen ein Differenzierungsprozess. Wir wollen ja gerne alle ja sagen. Doch erst durch den Streit werden die Freiräume dafür erstritten.

Aber was rede ich hier: Freiheit ist doch eine Selbsttäuschung! Ein ausgelutschtes Stück Süssholz! Ausspucken sollte man es! Alle reden von der Freiheit, beliebig und inflationär. Der Begriff ist wertlos geworden. Es gibt doch gar keine Freiheit, oder? Biologisch, psychisch, sozial; wir sind niemals unabhängig, niemals autark. Wir leben – ich finde das irritierend – in ständigem Austausch. Als biologischer Organismus bin ich verquickt mit der Umwelt. Unser Stoffwechsel: ein ununterbrochener Austausch, der abläuft, ob ich will oder nicht. Von Freiheit keine Spur. Und psychisch – auch da gibt es keine Freiheit. Ebenfalls nichts als Austausch. Immer müssen wir uns entscheiden zwischen dem, was auf uns einströmt: zack, zack. Wir können dem nicht ausweichen: weiss oder schwarz, a oder b, immer müssen wir zwischen zwei Alternativen wählen. Wo ist da noch ein Freiraum? Auch sozial haben wir keine Freiheit. Ich bin doch ständig auf den Austausch mit anderen Menschen angewiesen; ohne den Austausch mit meiner Mutter wäre ich gar nicht aus den Windeln herausgekommen, und später, wenn ich alt bin, dann wird der Austausch wieder existentiell. Das ist doch alles eine enorme Abhängigkeit.

Genau, ich hab’s: Freiheit ist eine begeisternde Selbsttäuschung, die nicht enttäuscht werden darf. Denn der Glaube an die Freiheit und die Suche nach ihr sind Ausdruck von Individualität. Und Individualität ist die wirksamste Waffe gegen den Totalitarismus. Daher muss die Täuschung aufrechterhalten werden. Ich darf mich in meiner Täuschung nicht enttäuschen. Also muss ich mich zu den Austauschprozessen bekennen. Und muss die Spannung suchen, die zwischen a und b existiert. Muss zu beiden nein sagen können, auch wenn ich mich dabei dem Austausch nicht entziehen kann. Wir müssen die Unfreiheit anerkennen, um die Selbsttäuschung der Freiheit nicht zu enttäuschen.»

aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger

Stefan M. Seydel

ist Mitinhaber von www.rebell.tv und social worker in residence im Cabaret Voltaire, Zürich.

zuletzt fragten wir zur Freiheit:

Philippe P. Rey, Martin Bäumle, Michael Hagner, Roland Baader, Peter Ruch

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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