Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Dulcie Smart «Real freedom lies in wildness, not in civilization.»
(Zitiert aus Charles A. Lindbergh, «Autobiography of Values» (1978).)

Was heisst denn hier Freiheit?

Civilization. Das erste, schnelle Bild, das jetzt vor meinen Augen aufsteigt ist: Steine, ordentlich aufeinandergeschichtete Steine, römische und griechische Säulen und das neue Getty-Museum in Los Angeles. Alles gut und solide gebaut nach einem Satz von Regeln. Bei wildness hingegen habe ich den Dschungel vor Augen, mit Urwaldriesen, Kletterpflanzen, Orchideen, vielen Tieren – so gesehen gibt mir Wildheit sofort die Idee einer viel grösseren Vielfalt. Und grösserer Freiheit.

Lindbergh hat wohl bewusst das Wort «wildness» gewählt, nicht «wilderness». Also «Wildheit», nicht «Wildnis». Bei Wildnis denke ich an eine rauhe, lebensfeindliche Natur. Wildheit hingegen klingt für mich nach einem wilden, starken Tier, das da draussen gut zurechtkommt. Ich denke jetzt nicht an den Hasen, der vor dem Fuchs davonrennen muss, sondern an den Fuchs. Doch wie eben gesagt, das sind nur die ersten, schnellen Bilder, wenn ich dieses Zitat höre.

Wo ich nun die Wildheit finde? Wo ich sie finde, nun wo ich seit sovielen Jahren in Berlin lebe, in einer zivilisierten, demokratischen Gesellschaft mit einer Menge von Regulierungen? Ich möchte sagen: als erstes schaue ich in mich. Das hat auch viel mit Mut zu tun, mit Risikobereitschaft.

Aus der Zivilisation kommen ja so viele Zwänge. Einige sind uns nicht bewusst. Andere könnten uns bewusst sein, aber wir wollen nicht. Die offensichtlichsten Beispiele sind die Werbung, der Hollywood-Film, die Massenmedien. Sie beeinflussen, wie wir leben, bestimmen, wer wir sind. Und das alles auf eine Art und Weise, dass wir denken, wir wählten selbstbestimmt. Auch die Gesellschaft schränkt unsere Freiheit ein. Eltern etwa haben Erwartungen an ihre Kinder. Und die Kinder versuchen, diesen gerechtzuwerden, weil sie Liebe und Anerkennung wollen. Selbst wenn die Kinder rebellieren, dann ist dies noch immer eine Einschränkung, weil sie auf etwas reagieren, das von aussen kommt.

Um Freiheit zu finden, muss ich nicht aus der Zivilisation fliehen. Lindbergh findet seine Freiheit ja auch in einer Maschine, mit der er durch die Luft fliegt, in einer Maschine also, die ein Produkt der Zivilisation ist. Insofern verstehe ich Wildheit und Zivilisation nicht als Gegensätze.

Freiheit finde ich in mir, indem ich versuche herauszufinden, was ich wäre, gäbe es nicht die gesellschaftlichen Erwartungen und die zivilisatorischen Zwänge. Denn diese trainieren uns, gute Bürger zu sein, nützlich und gehorsam. Aber sie machen aus uns nicht notwendigerweise kreative, feurige und freie Individuen.

Der erste grosse Schritt ist, sich in sich selbst frei zu fühlen. Und dann, sich in der Gesellschaft frei zu fühlen, so frei, dass man tun könnte, was man will. Sagen wir mal: soviel Schokolade essen und so dick werden, wie man will, so viele Sexpartner haben wie man will, so viele Autos auf der Strasse anstecken, wie man will. Der letzte Schritt zur Freiheit ist, all dies nur dann zu tun, wenn es auch der eigenen Persönlichkeit entspricht, wenn man sich also die Freiheit nimmt, der zu sein, der man ist. Wahre Freiheit liegt in einem selbst und nicht ausserhalb der Persönlichkeit.

Ich möchte das Zitat von Lindbergh so reformulieren: Du musst deine innere Wildheit leben, um deine innere Zivilisation zu erhalten. Es gibt doch diesen schönen Ausdruck von der Wiege der Zivilisation. Sie nicht zu sprengen und dennoch zu seiner eigenen Wildheit zu finden, hier liegt für mich die Freiheit. Aber das dauert oft das halbe Leben, wenn nicht das ganze.»

aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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