Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Christian Schopper «Eine gute Verwirrung ist mehr wert als eine schlechte Ordnung.» (Ludwig Tieck)

Was heisst denn hier Freiheit?

«Das Zitat hat eine grosse Beziehung zu meinem Fach, der Psychiatrie. Denn die ‹gute Verwirrung›, von der Tieck spricht, ist die Basis, auf der das gesunde Seelenleben entstehen kann. Die alten Griechen kannten die Polarität zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen. Mich fasziniert das, weil sie damit die Ordnung und die Verwirrung, die Struktur und das Chaos, in einer lebendigen permanenten Polarität erfasst haben, als ein Spannungsfeld, in dem Kreativität wachsen kann.

Jeder totalitäre Staat sieht die ‹gute Verwirrung›, die dionysische Kunst, als etwas sehr Gefährliches an. Ich lese gerade eine Biographie über Federico García Lorca. Da wird das ganz deutlich. Die spanischen Faschisten hatten eine unglaubliche Angst vor dem Wesen Lorcas, vor seiner homosexuellen, dionysischen Seite, seiner Dichtkunst; er war ja damals schon weltberühmt. 1936 haben sie ihn daher gefoltert, übelst zugerichtet und umgebracht. Aus der Angst heraus, dass da jemand sei, der ihnen zeigte, dass dieser Ordnungsbegriff, mit dem sie antraten, eine absolut hohle Sache ist.

Ordnung bedeutet Kontrolle. Wenn man eine Ordnung vorschreibt und es sanktioniert, wenn sie übertreten wird, dann versucht man die ‹gute Verwirrung› zu verhindern. In totalitären Systemen ist der Ordnungsbegriff ein Machtinstrument, um Kreativität zu unterdrücken und Freiheit zu unterbinden.

Als Psychiater frage ich mich: Wo endet das konstruktive Genie, wo die vitale Emotionalität? Wann kippt die seelische Verfassung eines Menschen in Manie, psychotischen Wahnsinn oder epileptische Tobsucht, in manifeste Pathologien also, in denen sich das Ich auflöst und die Kontrolle vollkommen verloren geht? Bei psychiatrischen Krankheitsbildern hat die Verwirrung eine Seite, die nur noch gefährlich ist und häufig zu dramatischen Situationen führen kann.

Die Polarität des Dionysischen und Apollinischen verstehe ich als etwas Dynamisches, als etwas, das im Gleichgewicht gehalten werden muss. Das hat für mich auch mit der Idee von der gesunden Seele zu tun. Ich muss mir als Psychiater ja immer Rechenschaft darüber ablegen, warum ich jemanden als einen Patienten ansehe, der behandelt werden muss. Ein Kriterium ist für mich die Frage, ob ein es Mensch schafft, die beiden Pole in Balance zu halten. Bei der Psychose dominiert der dionysische, bei der Zwangsneurose der apollinische Pol. Beides ist in der Ausschliesslichkeit katastrophal. Weder der Zwangskranke noch der in entgrenzter Verwirrung lebende Psychotiker ist fähig, gegenzuregulieren.

Das Tragische ist, dass ein Mensch in der psychiatrischen Verwirrung nicht mehr frei handeln kann. Die Pferde gehen nicht nur mit ihm durch, sondern haben ihn als Reiter abgeworfen und schleifen ihn hinterher. Doch der Patient besitzt die Illusion, er sitze noch immer obenauf. Die ‹gute Verwirrung› wird destruktiv. Manche Menschen können – im Verlauf einer stabilisierten Therapie – wieder zurück zur Balance finden. Sich ihre Bizarrität und Andersartigkeit bewahren und sie konstruktiv umsetzen.

Ich glaube, dass die Tiecksche Verwirrung nicht für alle Menschen erstrebenswert ist. Sie kann sogar ziemlich gefährlich werden. Es gibt Menschen, die schnell überfordert sind, wenn sie aus ihrer Ordnung herauskommen. Doch Neues entsteht nur dann, wenn man alte Ordnungsstrukturen verlässt. Persönliche Reife entwickelt sich für gewöhnlich nicht in den Grenzen bürgerlicher Zufriedenheit. Positive Veränderung und Fortschritt entsteht an Brüchen, geht von Menschen aus, die im positiven Sinn verwirrt sind.

Viele werden nicht von der Verwirrung überfordert, sondern von der mit ihr verschwisterten Freiheit. Der Mensch, der von der Ordnung in die Unordnung fällt, wird mit einem Freiheitsbegriff konfrontiert, der für ihn zu gross sein kann. Und dann wird die Verwirrung bedrohlich. Wenn er sie jedoch meistert, wird ihm ein kreatives Leben geschenkt.»

aufgezeichnet von Suzann-Viola Renninger

Christian Schopper, geboren 1959,

ist Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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