Was heisst denn hier Freiheit?

Eine Antwort aus dem Stegreif von Pius Knüsel «Nur im Schatten verbrauchter Gottheiten kann man frei atmen.»
(Emile M. Cioran)

Was heisst denn hier Freiheit?

Das Zitat passt zu mir, denn ich komme aus einer katholischen Gegend; der liebe Gott, oder wie immer er nun heisst, hat in meiner Sozialisierung eine sehr grosse Rolle gespielt. Katholizismus bedeutete bei uns eine erzwungene Form, wie Leben und Alltag zu strukturieren seien. Er war keine gelebte Überzeugung. Später, an der Universität, habe ich mich dann auch einige Semester mit Nietzsche beschäftigt. Da wurde der Gottesbegriff umgedeutet und der Mensch selbst an den Platz von Gott gestellt. Doch bin ich deswegen noch kein Nietzscheaner geworden. Zum Glück! Dennoch würde ich sagen, dass ich mich im Schatten verbrauchter Gottheiten bewege. Ich fühle mich in dieser Schattenzone frei. Die Götter stehen mir zwar im Licht. Doch kann ich mir nicht vorstellen, direkt ins Licht zu schauen. Stellen Sie sich eine Welt ohne Schatten vor! Sie würden sie nicht ertragen.

Das Zitat sagt ja nicht, dass ich mich immer im Schatten bewegen muss. Es drückt die Erfahrung aus, die Sie in der Wüste machen, wenn die Sonne Sie zu verbrennen droht. Die Sonne ist eine alte Metapher für die Wahrheit, für Gott. Sie müssen sich in den Schatten retten, um aus dem sengenden Licht der Wahrheit herauszukommen. Der Schatten, der hier gemeint ist, ist meines Erachtens nicht der Schatten als Mangel, als der Ort, wo kein Licht hinkommt, sondern der Schatten als Erlösung, als der Ort, der schützt.

Verbrauchte Gottheiten – damit sind verbrauchte Wahrheiten gemeint. Wir leben in einer Welt, die aus Überresten vergangener Wahrheitssysteme besteht. Ich finde es sehr beglückend, dass diese Systeme sich mit der Zeit verbrauchen, dass sie verfallen und dadurch so etwas wie Schutzzonen bieten. Ich sehe vor mir riesige Trümmerhaufen, zwischen denen ich mich wie ein Kind bewegen kann. Mir gefällt der Gedanke, dass die Trümmer mir Hinweise geben, was einst gewünscht war oder was möglich wäre. Ich sehe da viele Bezüge zu meinem aktuellen Job. Die Kunst beschäftigt sich doch ständig damit, Gottheiten zu demontieren. Allerdings hilft sie auf der anderen Seite auch, neue aufzubauen. Derzeit ist sie ja selbst schon fast so etwas wie eine Gottheit. Der Glaube an die heilsame Kraft der Kunst hat bei vielen eine schon religiöse Dimension. Diese Heilserwartung, die mit ihr seit den 80er Jahren verbunden ist, erscheint mir problematisch.

Ich kann mich nicht aus dem Nichts selbst erfinden, ich brauche einen Rohstoff, aus dem ich mich gestalten kann. Der schönste Rohstoff, das wissen wir seit wir Kinder waren, sind die Trümmer, die Zerfallsprodukte, weil in ihnen Geschichte und Bedeutung steckt. Man kann die Trümmer verwenden, um etwas Neues damit zu bauen. Dieser Prozess ist in der gesamten Kunst und Kultur ein Schlüsselprozess. Kein Künstler sitzt vor einem weissen Blatt, entleert sein Hirn und beginnt aus dem Nichts. Sondern er beginnt immer mit Trümmern.

Das Verbrauchte ist der Anfang. Das Zitat ist daher ein Zitat für den Sperrguttag, an dem man frühmorgens um sechs durch die Stadt geht und aus den Haufen, die sich angesammelt haben, die Elemente zieht, die einem passen. Sperrgut und die Trümmer von Gottheiten sind Traumplätze der Phantasie.

Ich beobachte ständig Versuche, neue Gottheiten zu errichten. Das ganze Glaubensgeschäft erlebt einen Boom. Und all diese Gottheiten werden aus den Versatzstücken der alten zusammengebaut. Da wird nichts Neues erfunden. Doch nur im Schatten jener Gottheiten, die so profaniert sind, dass sie keine Autorität mehr besitzen und keinen Wahrheitsanspruch mehr erheben können, da lässt sich gut leben. So ein Leben hält den Gedanken daran wach, dass wir auf der Suche nach Wahrheit sind, und dass die Wahrheit immer ein provisorisches System ist. Vollkommen und unverbraucht erscheinen Götter und Wahrheiten immer nur im Rückblick. Doch in der…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»