Was es bedeutet, wenn ein Mann vom Himmel fällt

Kurzgeschichte von Lesley Nneka Arimah. Aus dem Englischen übersetzt von Richard Barth. Mit Illustrationen von Arianna Vairo.

Was es bedeutet, wenn ein Mann vom Himmel fällt

Es bedeutet Berichterstattung rund um die Uhr. Um Schadensbegrenzung bemühte Politiker, Protestaufrufe von Aktivisten. Und dass die Enkelin von Francisco Furcal zur Verteidigung des Familienerbes eine Pressekonferenz gibt.

«Die Formel meines Grossvaters ist einwandfrei. Mathematik ist eine konstante, absolute Wissenschaft. Wenn irgendwelche Probleme auftreten, hat sich der jeweilige Anwender verrechnet.»

Schlechter Zug, meine Gute. Das drängte doch nur alle in die Defensive, so dass sie ihre Protokolle, Testergebnisse und alles andere auftischen mussten, was ihre Genialität belegte. Nneoma versuchte sich zu erinnern, wo ihre eigenen Unterlagen nach dem Umzug gelandet waren, aber das erinnerte sie nur daran, wo sie ausgezogen war, und das erinnerte sie daran, wen sie dort zurückgelassen hatte.

Lieber an was anderes denken. Lieber auf die verwackelten Bilder konzentrieren, die eine per Bewegungssensor aktivierte Überwachungskamera aufgenommen hatte. Die Kamera hatte die letzten fünfzehn Meter des Falls eingefangen, die panisch um sich schlagenden Arme des Mannes wie Windmühlen, das lange Hinstrecken seines Körpers beim Aufschlag. Als wenige Monate zuvor die Flugformel veröffentlicht worden war, hatte die Zeremonie ziemlich langweilig begonnen, mit einem Mann, der fünfzehn Minuten mönchsgleich in der Luft schwebte, ehe er in den Himmel schoss. Die Wissenschaftswelt war in heller Aufregung. Was bedeutete es, dass der menschliche Körper nun Kräften wie der Schwerkraft zu trotzen vermochte, die in Frage zu stellen der Menschheit nie in den Sinn gekommen war? Ein neues Zeitalter schien anzubrechen.

Jetzt folgte in den Nachrichten ein Schnitt zu den Mathematikern, die die Fluggleichung entdeckt hatten. Schadenfrohe Reporter lauerten ihnen auf Partys auf, im Urlaub oder während sie mit ihren schnittigen schwarzen Autos ihre Kinder abholten, und gaben so flüchtige Einblicke in einen Luxus, der den meisten Zuschauern fremd war. Diese dürften die Verlegenheit in den Gesichtern ebenso genossen haben wie die wütenden Rechtfertigungen aus gut genährten Mündern.

Indem sie die Schuld nicht der Formel, sondern den Mathematikern in die Schuhe schoben, schützten Martina Furcal und das Zentrum das Familienerbe und sorgten dafür, dass der ganze Wirbel sich auf die vermeintlich unfehlbaren Wissenschafter konzentrierte. Vielleicht doch kein so schlechter Zug.

Nneoma zappte sich durch die Programme und hörte aufmerksam zu. Sollte das Gerücht, Furcals Formel beginne an den Rändern auszufransen, in irgendeiner Weise verfangen, bliebe das am Ende nicht ohne Folgen für die 2400 Mathematikerinnen und Mathematiker wie sie, die überall auf der Welt davon lebten, Gefühle zu berechnen und zu subtrahieren, sie aus lebenden Körpern zu saugen wie Gift aus einer Wunde.

Sie war eine von 57 registrierten Mathematikern, die auf die Berechnung von Trauer spezialisiert waren. Vor einem Jahr waren es noch 59 gewesen. Alvin Claspell, der Australier, hatte sich umgebracht, nachdem er – wenn man den Geschichten Glauben schenken konnte – verrückt geworden war und angefangen hatte, sich selbst zu zerfleischen. Ihre Arbeit war nicht jedermanns Sache. Und da Kioni Mutahi einfach verschwunden war, stand Neukenia jetzt mit einem einzigen Trauerarbeiter da.

Die Biafra-Britannia-Allianz, wie Nneomas Heimat nun hiess, war mit sechs Spezialisten die Provinz mit der höchsten Konzentration von Trauerarbeitern, schliesslich gab es hier auch die grösste Konzentration von Trauernden. Oder zumindest von zahlungskräftigen Trauernden.

Die immer gleichen Bilder in einer Endlosschlaufe. Nneoma schaltete die Anlage aus. Der Wirbel würde schnell vorbei sein, wenn die Jungs von der Flugabteilung erst mal auf die Idee kämen, dem abgestürzten Mann Rechenfehler vorzuwerfen. Sie würden schon einen Sündenbock finden – «cover your ass», wie die Nordamerikaner sagten, aber von denen waren ja nicht mehr viele übrig.

Auf der Telefonkonsole piepste eine Nachricht, und Nneoma drückte schnell den Knopf, hoffnungsvoll, dann beschämt, dann noch mehr beschämt, als es noch nicht mal Kioni war, nur ihre Assistentin, die sie an den…