Was die Menschen glücklich macht

Der ehemalige Unternehmer und Nationalrat François Loeb ist im dritten Berufsleben nur noch eines: passionierter Schriftsteller. Wie er sich seinen Traum erfüllte, warum Bücher die Antithese zum täglichen Newskonsum sind und welche Lektüre er den gestressten Ex-Kollegen empfiehlt, erzählt er in unserem Online-Spezial.

Was die Menschen glücklich macht
Francois Loeb / Quelle: pd

Herr Loeb, wir haben uns schon einmal getroffen, und zwar in der Wandelhalle des Bundeshauses. Damals haben wir uns über ein Leseförderungsprojekt unterhalten und Sie betonten die Wichtigkeit solcher Anliegen angesichts der aufkeimenden Leseschwäche bei vielen jungen Menschen. Das muss nun etwa 15 Jahre her sein. Wenn Sie heute zurückblicken: was hat sich in Sachen Lesekompetenz in der Schweiz getan?

Geändert hat sich, dass heute Kinder und Jugendliche meist mit Smartphones ausgerüstet sind, und das Lesen und Schreiben damit neue Bedeutungen angenommen haben. Wenigstens in der Kurzform. Die neue technische Entwicklung hat diesbezüglich viel verändert und eine Art vorteilhaften Druck erzeugt: Jemand der im Lesen und Schreiben ungeübt ist, wird in unserer heutigen Gesellschaft beinahe ausgeschlossen.

 

Die Renaissance der Schreibkompetenz haben wir den Handys zu verdanken?

Schreibkompetenz wäre wohl etwas zu hoch gegriffen, schliesslich bedeutet die zunehmende Kommunikation in der Kurzform nicht, dass sich dadurch der generelle Umgang mit der Sprache verbessert. Das Simsen verändert nicht zuletzt auch die Alltagssprache – was mir dann wieder Sorgen bereitet, denn nicht selten geht hier das Gefühl für komplexe Zusammenhänge verloren.

 

Wie kommen die zurück?

Wollen Sie ein Beispiel?

 

Gern!

Beispielsweise Dank Harry Potter! Der erste Band erschien am 30. Juni 1997 beim britischen Bloomsbury-Verlag – und seither hat die Gemeinde der Lesenden vor allem im Jugendsektor starken Zuwachs erhalten. Das freut mich ungemein und war vielleicht erst der Anfang.

 

Nicht nur viele junge Leute klagen heute trotzdem darüber, «zu wenig Zeit» zum Lesen zu haben. Um die täglichen News abzufragen, scheint sie aber zu reichen. Gerät das Lesen als Kulturtechnik durch die möglichst rasante Informationsbeschaffung in allen Lebenslagen unter Druck?

Das glaube ich schon. Es gibt viele Menschen, die entweder kaum Zeit haben zum Lesen – oder das zumindest glauben. Die Zeit muss man sich eben nehmen! Und die Erfahrung lehrt, dass es auf solche Bewegungen immer Gegenbewegungen gibt! Beim Lesen kommt Bewegung vor allem durch die eigene Verlangsamung. Eines der schönsten Bücher das ich nur immer wieder empfehlen kann ist deshalb «Das Geräusch einer Schnecke beim Essen» von Elisabeth Tova Bailey, ins Deutsche übersetzt von Kathrin Razum*. In diesem Lesevergnügen findet der Eilige die Ruhe, nach der sich beinahe jeder Mensch, der in der täglichen Mühle der Informationsbeschaffung das Rad antreiben hilft, sich so sehnt.

 

Kulturpessimisten reden diesbezüglich von der Abnahme der Kraft von Wort und Sprache im Mediengetöse. Wie sehen Sie das als Autor? 

Ich bin kein Kulturpessimist. Das Wort hat immer Kraft – und wird es auch in Zukunft haben. Denken wir nur an ein gelesenes Buch und dessen Verfilmung. Da sind wir in der Regel sehr enttäuscht. In meinen Augen klar, da unser Kopfkino viel reicher ist und besser unsere Persönlichkeit widerzuspiegeln vermag als die Leinwand.

 

Sie galten in der Politik und Wirtschaft als ein kommunikationsfreudiger Akteur, was macht die Kommunikationswelt mit Ihnen als Pensionär? 

Ich amüsiere mich über die neuen Formen der Kommunikation. Soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Chat-Apps – die alle an «Big Brother is watching you» erinnern. Ich selbst bin ein Aussenbetrachter geworden. Ich muss nicht mehr an allem teilnehmen, kann auswählen, diesen herrlichen Luxus geniesse ich.

 

Sie selbst sind aus dem Berufs- und also auch aus dem Medien-Rad irgendwann ausgestiegen und leben heute in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Dort schreiben Sie viel. Das Themenspektrum ist vielfältig: Fussball, Fast-Read-Romane, kürzlich ist «Happy Birthday Babyboomers!» erschienen, eine Kurzgeschichtensammlung. Was hält Sie am Schreiben?

Ich schreibe nicht. Es schreibt mir!

 

Das ist, pardon, eine vielgehörte Schriftstellerfloskel unter der ich mir stets wenig vorstellen kann.

Aber sie stimmt: Ich kann nicht anders. Das Schreiben ist für mich wohl so eine Art Psychotherapie, von der ich nicht recht weiss, wie ich sie besser beschreiben könnte….

 

Sind Ihnen, als ehemaliger Kaufhausunternehmer, die Verkaufszahlen Ihrer Bücher stets nicht gut genug?

(lacht) Na ja, die könnten tatsächlich durchaus besser sein! Das ist dann jetzt eine  typische Detailhändlerfloskel. Im Ernst: als regionaler Kaufhausleiter habe ich mich nicht mit den grossen Konzernen verglichen – jedenfalls nicht, was die Umsatzzahlen angeht. Und ich bin heute wohl ein ebenso regionaler Schriftsteller. Das Genre, in dem ich schreibe, die Kurzgeschichte, ist in der deutschsprachigen Literatur noch nicht so verbreitet wie in anderen Sprachräumen. Ich selbst sehe in deren Verbreitung eine wichtige, lohnenswerte Aufgabe. Nie standen die Zeichen der Kurzgeschichte besser als in unseren Tagen, da sie die knappe, zur Verfügung stehende Zeit der meisten Berufstätigen zwar erfüllt – aber nicht überstrapaziert. Meine Geschichten sind meist sehr kurz. Sie könnten auch als Kürzestgeschichten bezeichnet werden. Ich will damit nicht nur unterhalten, sondern anregen. Kopfkino bei meiner Leserschaft auslösen. Skurrile Zusammenhänge aufzeigen, wobei ich durch die Skurrilität der heutigen Zeit manchmal von der Wirklichkeit überholt werde – also meiner Fantasie keine Zügel anzulegen brauche.

 

Nach Ihrer Karriere als Unternehmer und Nationalrat sind Sie in den Schwarzwald gezogen, wohin auch die Spuren Ihrer Familie führen. Dort, so stelle ich mir das zumindest vor, hat man jenseits allen Trubels genug Zeit und Musse zum Schreiben. Stimmt das? 

Ja, zum Teil stimmt das. Je nach Thema, das bearbeitet wird, ist aber auch Bewegung wichtig! So geniesse ich das Schreiben auch im ICE und IC, wenn ich in die Schweiz zu meinen Enkelkindern fahre. Denn nicht nur beschwingt mich die vorüberziehende Landschaft, ich bin ausserdem überzeugt: auch die Gedanken der Mitpassagiere beeinflussen mich. Deshalb ist die 2. Klasse mein Bahnheim.

 

Und wieso nicht die 1. Klasse?

Businessideen benötige ich nicht mehr. Und die sind es, die durch die 1. Klasse schwirren. Sie lenken mich bloss ab.

 

Was ist also schlussendlich besser für einen Autor und sein Schaffen: Zurückgezogenheit und Ruhe, oder Ausgesetzt- und Mittendrinsein?

Beides: Die Abwechslung. Ich schreibe mitten im Bahnhofgetümmel in einem Café, in der einsamen Schreibstube in meinem Heim, in der Bahn. Dadurch entsteht die Spannung, die ich zum Schreiben brauche. Wichtig ist mir bloss überall, dass ich zum Schreiben klassische Musik hören kann. Musik, für mich die klassische Musik, führt in die vierte Dimension.

 

Cafés, Schreibstube, Bahn – reisen wir nun rasch zurück an einen Ort, an dem Sie auch geschrieben haben, wenn auch andere Geschichte: ins Bundeshaus. Wie würden Sie die Veränderungen in der Schweizer Politik seit Ihrer Aktivzeit beurteilen, was bereitet Ihnen Kopfschmerzen?  

Das Fehlen des Anstrebens vernünftiger Kompromisse. Die Suche des Mittelwegs war die grosse Stärke unseres Landes. Derzeit, so scheint es, geht diese Tradition im tagespolitischen Geschrei unter. Ich bin aber optimistisch, dass wir unsere Wurzeln über kurz oder lang wieder finden werden – um den Erfolgsweg für die Zukunft unserer Nachfahren zu sichern.

 

Vor Jahren konnte man in der Süddeutschen Zeitung lesen, dass Sie die «Warenhäuser sexy» machten. In Deutschland steckt Karstadt in der Krise und versteckte Promoter, die Kunden in Kaufhäusern täuschen, sorgen für Schlagzeilen. Würden Sie – sofern man Sie um Hilfe böte – nochmal einsteigen in dieses Geschäft?  

Ganz klar: Nein! Ich habe jetzt meinen dritten Beruf im dritten Lebensabschnitt und der ist so fest Berufung wie die damalige Leitung des Familienbetriebs. Ich bin glücklich, dass meine Tochter mit Hilfe ihres Bruders – der als Vizepräsident eines kompetenten, mit ausserfamiliären Mitgliedern besetzten Verwaltungsrats mitwirkt – die Unternehmung hervorragend leitet.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der grossen Einkaufstempel? 

Ich bin überzeugt, dass einzig die Nähe zur Kundschaft Zukunftschancen bietet: Wer seine Kundinnen und Kunden kennt, mit ihnen über die Belegschaft aktiv und positiv kommunizieren kann, der wird auch künftig Erfolg haben. Genau in dieser Beziehung kränkeln die Einkaufstempel, die Malls. Ich denke, dass Offenheit, Ehrlichkeit und ein hervorragendes Betriebsklima, gefördert auch durch die Kommunikation zwischen Verkäufer- und Kundschaft, Garanten des Erfolgs sind. Daneben ist die Pflege der Regionalität entscheidend.

 

Dann frage ich andersherum. Gesetzt den Fall, Sie würden nochmals in die Politik und Wirtschaft einsteigen: welchen Herausforderungen würden Sie sich am liebsten neu stellen? 

(lacht) Ich steige nicht ein. Und wenn, dann würde ich versuchen, der Kultur einen noch höheren Stellenwert zu gewähren. Sie ist es, die die Menschen glücklich macht.

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*Das Buch ist erstmals 2012 im Verlag Nagel & Kimche erschienen

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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