Was bleibt vom Augenblick

Die Künstlerin Caro Niederer

1/125-Momente. Klick – und das Sommerglück am Meer, die spielenden Kinder im Sand, sind eingefangen; das kleine Mädchen lacht in die Kamera. Klick – und die prachtvolle Stimmung, der Spaziergang am Morteratschgletscher, kann nicht mehr vergessen gehen; der Schnee glüht rosa im Sonnenuntergang. Klick – und der Blick aus dem Küchenfenster, die metallisch glänzenden Briefkästen am Strassenrand, sind für immer gebannt; die einbrechende Nacht liegt dunkel in den Bäumen.

Schnappschüsse. Von Reisen und Ferientagen. Von Jubiläen und Feiern. Von Kindern, Eltern, Grosseltern, der gesamten Verwandtschaft, Freunden und Bekannten. Klick. Sehenswürdigkeiten, Alltäglichkeiten, Nichtigkeiten. Klick. Schauen wir das alles jemals wieder wirklich gern und lange an? Oder ist damit nicht immer auch die geheime Scheu verbunden, eine Art Totenruhe zu stören? Der Moment ist ja vorbei. Von der Vergangenheit verschluckt. Unwiderruflich. Klick. Und das war’s.

Sommer am Strand und klick: nur einen Sekundenbruchteil später ist nichts mehr wie zuvor. Eine neue Welle erreicht den Strand, und das lachende kleine Mädchen dreht sich schon wieder weg. Wenn wir das Photo das nächstemal hervorholen, wird das Kind älter sein, vielleicht schon erwachsen. Und irgendwann, zahllose 1/125-Momente später und doch gewiss, wird nur noch der Schnappschuss daran erinnern, dass es diesen Moment, dieses lachende kleine Mädchen gab, und damit auch mich oder dich, der auf den Auslöser drückte. 1/125-Momente, papieren oder digital, ein Memento mori. Klick.

Wenn wir schon ein gebrochenes Verhältnis zu unseren eigenen Schnappschüssen haben, wie stehen wir zu denen anderer Leute? Meist liegt uns ja nur daran, die unsrigen zu zeigen. Um durch den Blick des andern uns unser selbst zu vergewissern, in der irrsinnigen Hoffnung, dass das, was war, noch weiterhin sein könnte – unvergänglich sogar? Immer im Präsens zeigen wir auf unsere Photos. Das sind wir am Strand. Hier bin ich als Kind. Hier ist meine Freundin, hier mein erstes Auto, hier der Blick aus unserem Ferienhaus. Und noch während der andere alles mit wohlwollender Höflichkeit betrachtet, holt er seine eigenen Erinnerungen hervor. Hier sind meine Kinder, hier meine Enkel, hier der Sommer in den Alpen.

Klick. Auch Caro Niederer photographiert ihren Alltag. Doch dabei bleibt es nicht. Für die Künstlerin sind die Schnappschüsse Vorlagen zu ihren Gemälden. Nicht eins zu eins, nicht Detail für Detail. Photorealismus ist nicht ihre Sache. Die Farben sind anders, die Proportionen verschoben, die Perspektive aufgebrochen. Caro Niederer lässt aus, verkürzt, fasst zusammen. Die Kinder am Strand, der Spaziergang im Schnee, der Blick aus dem Fenster – in der Kunst von Caro Niederer verändert sich das Private und Alltägliche so, dass es zu einer anziehenden Allgemeingültigkeit findet. Viele ihrer Bilder geben eine bunte Heiterkeit vor, ein Versprechen, dass die Momente nicht verloren seien, um deren Vergänglichkeit wir so sehr bangen.

In seinem Essay «Die helle Kammer» versucht Roland Barthes zu erklären, warum ihn viele Photographien gleichgültig lassen, nur wenige hingegen berühren und packen. Er führt dies darauf zurück, dass aus diesen Bildern ein Pfeil hervorschiesse, der ihn durchbohre. Er fühle einen Stich, eine Verletzung. Alle anderen Photos könnten nur artiges, von der Kultur andressiertes Interesse hervorrufen. Welche Stellen oder Elemente von Bildern – Barthes braucht dafür den Begriff punctum – zu Pfeilen werden, sei nicht vorauszusehen. Es passiere einfach – oder auch nicht. «Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).»

Das punctum ist oft eine Kleinigkeit, eine Nebensächlichkeit, es ist subjektiv, schwer mitteilbar und nur in den seltensten Fällen zu teilen. Ganz anders das studium, das Roland Barthes als Gegenbegriff einführt. «Das studium bezieht sich auf das höchst ausgedehnte Feld der unbekümmerten Wünsche, des ziellosen Interesses, der inkonsequenten Neigung … es ist die…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»