Warum Ihre Firma eine eigene Aussenpolitik braucht

Multinationale Unternehmen können sich weder auf ihre eigene noch auf fremde Regierungen verlassen. Sie brauchen internes Know-how im Umgang mit geopolitischen Risiken.

Warum Ihre Firma eine eigene Aussenpolitik braucht
John Chipman, zvg.

Im Februar 2014 besetzte Russland die ukrainische Halbinsel Krim, und einen Monat später erklärte es die Krim zu russischem Boden. Dieser plötzliche Schachzug markierte für Europa den Anfang der ersten grösseren diplomatischen Krise seit einer Generation. Er war ausserdem ein Weckruf für viele Unternehmer und Führungspersonen. Während sich die Krise ausweitete, befragte die Bank of England Manager nach ihrer Haltung zu systemischen Risiken – und veröffentlichte im Juni die erstaunlichen Resultate: 57 Prozent der Befragten nannten geopolitische Risiken als grösste Herausforderung für ihr Unternehmen. Im Jahr zuvor waren es noch 13 Prozent gewesen. Seither haben nachfolgende Umfragen das Resultat bestätigt: Immer wieder standen geopolitische Risiken zuoberst auf der Liste – vor Cyberattacken, finanziellen Unruhen und sogar vor Konjunktureinbrüchen. Die Geopolitik ist damit zurück auf der Agenda.

Der Krim-Konflikt ist kein Einzelfall: Der Entscheid zum Brexit wird nicht nur das Verhältnis Grossbritanniens zur EU verändern, sondern ebenso drastisch die künftige Gestalt der EU. China meldet mit erstarktem Selbstvertrauen territoriale Ansprüche im Südchinesischen Meer an. Im Nahen Osten bedroht das Fortschreiten des sogenannten Islamischen Staats und sein ausgerufenes Kalifat die Integrität gleich mehrerer Staaten. Die Aktionen des IS in Libyen – und die anderer Terrorgruppen in Westafrika – destabilisieren grössere Gebiete in dieser Region. Nicht zuletzt ist die Innenpolitik verschiedener afrikanischer und südamerikanischer Staaten von unberechenbarer Launenhaftigkeit.

Zu diesem generellen Klima der Destabilisierung kommt die Tatsache hinzu, dass bei Provokationen in der einen oder anderen Region mit einer Intervention des langjährigen Weltpolizisten USA nicht mehr gerechnet werden kann. Auch nachbarschaftliche Verteidigungsbündnisse haben an Bedeutung und Effektivität verloren. Kurz: weite Teile der Welt sind unberechenbarer geworden. Das wirkt sich nicht zuletzt auf Unternehmen aus: Sie können nicht davon ausgehen, dass irgendein Gleichgewicht der Mächte oder die Schutzversprechen von Supermächten für Stabilität sorgen.

In einem solchen Umfeld werden jene multinationalen Unternehmen Erfolg haben, die in aussenpolitisches Know-how investieren und etwas aufbauen, das am ehesten als Unternehmensaussenpolitik beschrieben werden könnte. Eine solche Aussenpolitik hat zwei Komponenten: sie stellt einerseits mit Hilfe diplomatischer Bemühungen sicher, dass ein Unternehmen im Ausland überhaupt aktiv sein kann, und sie sorgt andererseits mit geopolitischer Due Diligence1 dafür, dass es dort auch tatsächlich Erfolg hat.

Staatskunst für die Firma
Zunächst: um sich in der geopolitischen Komplexität der heutigen Welt zurechtzufinden, müssen Unternehmen ein Stück weit Aussenpolitik privatisieren. Sie müssen, mit anderen Worten, Strategien beherrschen, die traditionell Teil der Staatskunst sind. Die Aussenpolitik von Staaten hat üblicherweise die Aufgabe, die Interessen der Nation zu definieren, Informationen zu sammeln und auszuwerten, regionale und lokale Verbündete zu finden und ein dem eigenen Erfolg förderliches Umfeld aufzubauen. Ein Staat muss ausserdem achtsam sein gegenüber anderen Kulturen und sich gegebenenfalls anpassen, ohne die eigenen moralischen Prinzipien zu verraten. Multinationale Unternehmen müssen all das ebenfalls tun – und noch mehr.

Unternehmen übernehmen die Verantwortung für ihren internationalen Ruf und ihr Image. Wenige, falls überhaupt noch irgendwelche Unternehmen wollen heute noch als kommerzielle Vertretung einer bestimmten Nation gesehen werden, wie das beispielsweise mit der East India Company zu Zeiten des britischen Imperiums vom Ende des 17. bis ins späte 19. Jahrhundert der Fall war. Unternehmen haben auch eher weniger Interesse daran, dem Beispiel der United Fruit Company zu folgen, die sich beim Staatscoup von 1954 in Guatemala zur Komplizin der US-Regierung machte. Solche und ähnliche Ereignisse haben weltweit für ein tiefes Misstrauen gegenüber Konzernen gesorgt, und viele Unternehmen haben sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beide Beine ausgerissen, um unbedingt als politisch neutral wahrgenommen zu werden.

Spätestens seit den 1980er Jahren versuchen viele Unternehmen, öffentlich zu zeigen, dass sie sich als positive Kraft für die Gesellschaft einsetzen: Sie betreiben professionelle Corporate Social Responsibility, kennen…