Wanderer in lesbaren Welten

Goethe, Leigh Fermor und Kerkeling – gemeinsam ist ihnen, dass sie wanderten und darüber schrieben. Wer selbst im Sessel sitzen bleiben mag, dem sei hier empfohlen: Lesen!

Theodor Fontanes Roman «Effi Briest», 1894/95 erschienen, ist auch ein Roman über prägende, unterlassene und gewünschte Lektüren. Beispielsweise empfiehlt Medizinalrat Rummschüttel der sichtlich psychisch und – vorgetäuschtermassen – physisch angeschlagenen Effi Briest absolute Ruhe. «‹Und worauf ich noch dringen möchte: keine geistigen Anstrengungen, keine Besuche, keine Lektüre.› Dabei wies er auf das neben ihr liegende Buch. ‹Es ist Scott.› ‹Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind Reisebeschreibungen.›»

Rummschüttel ist der Überzeugung, dass Reiseliteratur eine Form der Lektüre darstelle, die keine geistigen Anstrengungen verursache. Zweifellos wird hier eine Art des Lesens empfohlen, die dem Leser eine Flucht in fremde Textwelten ermöglicht, bei der er sich regenerieren kann. Der Vorteil der zumeist autobiographischen Reisebeschreibungen gegenüber dem heroisch-phantastischen Abenteuerroman, der in sagenhafte Ferne führt, ist evident: die in menschlichem Mass gehaltenen Erlebnisse können nacherlebt werden. Die zeitliche Situierung knüpft an die eigene Erfahrungswelt des Lesers und leitet ihn, dem Weg des Reiseschriftstellers entlang, hinaus aus der eigenen Umgebung. Schon vor Fontanes Zeiten, aber auch gerade heute wieder, sind es besonders die wandernden Reisenden, deren Aufzeichnungen eine grosse Leserschaft erreichen und faszinieren; und so lesen sich einige Zeilen aus Henry David Thoreaus «Vom Spazieren» von 1862 wie ein Kommentar zu Rummschüttels Präferenz: «Vielleicht sollten wir noch den kürzesten Spaziergang im Geist eines unendlichen Abenteuers angehen, als wollten wir nie zurückkehren […]. Der heldenhafte Geist, der einst den Ritter beseelte, scheint heute den Wanderer ergriffen und sich in ihm festgesetzt zu haben: vom fahrenden Ritter zum fahrenden Spaziergänger.»

Nach Thoreaus Überzeugung ist es für die körperliche und geistige Gesundheit des Menschen unerlässlich, täglich mindestens vier Stunden, frei von allen Forderungen der Welt, durch Feld und Wald zu gehen, dabei «auch im Geist dort zu sein», statt sich «an die Belagerung der eigenen Person zu machen», sondern um andere Erkenntnisse «als beim Denken im Sessel» zu gewinnen. Eine Art meditatives, auf das Hier und Jetzt konzentriertes Gehen also, das uns «einigen für unser geistiges und moralisches Wachstum bedeutsamen Einflüssen zugänglicher macht». Thoreau ermutigt zum Gehen in «Freiheit» und «Wildheit», mit dem Pilgerziel, der eigenen Natur näher zu kommen als dem eigenen Ich, das als Mitglied der Gesellschaft in Rollen gezwängt wird. Auch in der Literatur, verlangt Thoreau, sei «das Wilde» zu suchen, das den Geist befreit und öffnet, «unzivilisierte, freie, wilde Gedanken» aufkommen lässt und letztlich auch wilde «Manifestationen der Wahrheit», wir würden sagen, Glaubensformen verschiedenster Art: «Ich gestehe, dass diese wilden, den geordneten Ablauf der Zeit und der Entwicklung transzendierenden Phantasien mir gefallen. Sie sind die sublimste Entspannung des Intellekts.» Thoreaus «Wildheit» ist im Gegensatz zu dem inzwischen sehr belasteten Begriff der Authentizität geeignet, eine Qualität des ursprünglichen Erlebens zu bezeichnen und eine Darstellungsweise zu charakterisieren, die diesem adäquat ist.

2006 erschien das Buch «Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg» von dem als Fernsehkomiker bekannten Hape Kerkeling. Es wurde sofort ein Bestseller. Der Autor hatte sich 2001 auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela begeben und schildert seine Erfahrungen des Wanderns in «Wildheit». Es war dies für ihn eine bewusste Suche nach der Zurückgeworfenheit auf sich selbst und die eigene Körperkraft, die dem couch potato fast schon abhanden gekommen war. Der Wanderer betrachtet die Umwelt aufmerksam, nimmt sich Zeit. Er ist glücklich, weil er alles, war ihm positiv erscheint, so betrachtet, als sei es eine von Gott gesandte Ermutigung. Kerkeling schildert überzeugend die ursprüngliche Freude an Freundschaften und eigenen, unerwarteten körperlichen Leistungen, aber auch den mühevollen Umgang mit Schrägheiten und absonderlichen Menschen, die ihm begegnen. Er gibt spirituelle Erfahrungen und damit verbundene Assoziationen, Erinnerungen und Deutungsversuche unbelastet von zu persönlichen Äusserungen oder Bekenntnissen, in…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»