Walter Lippmann und Deutschland: Realpolitische Betrachtungen im 20. Jahrhundert

Als Publizist und «America´s premier columnist» begleitete Walter Lippmann vor und nach der Mitte des 2 . Jahrhunderts Höhen und Tiefen der entstehenden Supermacht USA. Während er dort eine bekannte Grösse des damaligen Politik-Establishments geblieben ist, kennt ihn in Deutschland kaum noch jemand. Dabei war er häufig Gast in Bonn und Berlin – und regelmässig übernahmen Blätter wie «Frankfurter Allgemeine Zeitung», «Süddeutsche Zeitung», «Die Welt», «Stuttgarter Nachrichten», «General Anzeiger», «Tagesspiegel» oder «Frankfurter Rundschau» seine Kolumnen, bis zur letzten im Jahr 1967.

Angefangen kurz nach dem Ersten Weltkrieg, macht er auf seinen jährlichen Deutschland- und Europareisen auf sich aufmerksam. Mehr noch: Deutschland nimmt ihn als eine der massgeblichen amerikanischen Stimmen wahr. Werke wie «Die Aussenpolitik der Vereinigten Staaten» (1943) oder «Die Gesellschaft freier Menschen» (1937) werden in deutscher Sprache veröffentlicht. Nach 1945 trifft er sich nicht nur häufig mit Konrad Adenauer, sondern auch mit führenden Oppositionspolitikern. Darum kann, wer sich auf die Spuren Walter Lippmanns begibt, vieles auch über Deutschland erfahren, über wichtige Momente in den deutsch-amerikanischen Beziehungen, über die Geburt der Supermacht USA, und nicht zuletzt über eine schillernde Persönlichkeit.

Susanne Schlaack, die zwei Jahre bei einem jüdischen Institut in New York City arbeitete und die USA aus eigener Anschauung kennt, hat dies im Kontext ihrer lesenswerten Studie getan und damit einen weissen Fleck auf der Karte der deutschen Politik- und Geschichtswissenschaft ausgefüllt. Das Buch untersucht Lippmanns Deutschlandbetrachtungen und das Deutschlandbild. Der chronologisch-biographische Ansatz der Studie offenbart die enge Verknüpfung zwischen seiner persönlichen Entwicklung und seinen politischen Betrachtungen. Kontinuitäten, Widersprüche und Brüche in seinem Deutschlandbild werden von den frühen Kindertagen an bis zum Ende seiner Zeit als Kolumnist 1967 diskutiert. Die durchgehend aus Quellen schöpfende Forschungsarbeit stützt sich auf die unzähligen Kolumnen, auf die breit gefächerte aussenpolitische Publizistik Lippmanns. Ausgangspunkt sind unter anderem folgende Fragen: Blickt dieser amerikanische Jude objektiv-emotionslos auf Deutschland oder bleibt er seinen deutsch-jüdischen Wurzeln verhaftet? Stehen Deutschlandbild und Deutschlandbetrachtungen Walter Lippmanns unabhängig nebeneinander? Welche Wirkung hat Lippmann auf die politischen Eliten in den USA und in Deutschland?

In klar gegliederten Kapiteln breitet die Autorin die Antworten auf diese Fragen pointiert aus. Der Blick auf den «mover and shaker» Lippmann fördert die familiären Wurzeln, Jugend- und Studienjahre zutage und lässt den Leser in die romantische Seele eines Mannes blicken, der im politischen Alltagsgeschäft zuweilen allzutrocken daherkommt. Nach dem Ersten Weltkrieg lässt Lippmann den idealistischen Sturm und Drang der frühen Jahre ernüchtert hinter sich. Seine eisernen Gebote im Rahmen politischer Analyse sind fortan Objektivität und «detachment», Distanz. Der Blick auf Deutschland ist vor 1945 ungewöhnlich vertrauensvoll; in der Weimarer Republik und in den Jahren bis zum Krieg bleibt er dem Land zugetan, zugleich aber wachsam und kritisch distanziert, in dem Masse wie Hitler sich zu erkennen gibt. Das Kapitel zur Weimarer Republik basiert auf Quellen, die der deutschsprachigen Leserschaft erstmals zugänglich gemacht werden.

Im Zweiten Weltkrieg schweigt der Journalist deutsch-jüdischer Abstammung zur Judenverfolgung, sagt sich los von seinen religiösen Wurzeln. Der «Versuch einer Erklärung», wie die Autorin ihre Antwort auf das Schweigen Lippmanns zum Schicksal der Juden betitelt, offenbart jenes Feingefühl, das es braucht, um sich der amerikanisch-jüdischen Sichtweise zum Dritten Reich aus deutscher Warte zu nähern. Lippmanns Sorge vor radikalen Umwälzungen – auch in den USA – ist gross, grösser jedenfalls als die Sorge um Leben und Leiden der verfolgten Juden in Europa. Totalitarismus und Nationalsozialismus sind überall möglich; die Besinnung auf demokratische Grundwerte soll darum jeglicher Radikalität vorbeugen. Das Jahr 1945 wird zur Zäsur in vielerlei Hinsicht. Lippmanns Plädoyer gegen die Gründung der Bundesrepublik, seine Ablehnung des Grundgesetzes und sein Deutschlandbild zwischen Vertrauen und Misstrauen bringen Verwirrung in ansonsten wohlgeordnete politische Betrachtungen. Der Mann wird…

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