Walter Kempowski: Hamit. Tagebuch 1990

München: Knaus Verlag, 2006

1990 war für Walter Kempowski nicht nur das Jahr der deutschen Wiedervereinigung, sondern zugleich ein Wiedersehen mit der Heimat. 1929 in Rostock geboren, wurde er 1948 von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher Wirtschaftsspionage zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er acht in Bautzen verbüsste. Nach der Haftentlassung zog er in den Westen, arbeitete lange als Dorfschullehrer und widmete sich dann ganz dem Schreiben. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Romane «Tadellöser und Wolff», «Uns geht’s ja noch gold», «Ein Kapitel für sich» sowie «Im Block», wo er über seine Haft berichtet. Diese Bücher liessen ihn zu einem «Chronisten des deutschen Bürgertums» werden, wie Kempowski einmal genannt wurde. Gleichwohl stiess er sowohl in der Literaturwissenschaft als auch in den Feuilletons auf Zurückhaltung, bei vielen Achtundsechzigern wegen seiner Haft in der DDR.

Das änderte sich erst mit dem mehrbändigen «Echolot», einer Collage aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Bereits zuvor war er mit zwei Tagebüchern an die Öffentlichkeit getreten, die jeweils ein Jahr seines Lebens behandelten: «Sirius» (1983) und «Alkor» (1989). An diese Tagebücher knüpft Kempowski nun mit «Hamit» an. Da «Heimat» ein altmodisches und zudem in Verruf geratenes Wort sei, habe er es durch das aus dem Erzgebirge stammende «Hamit» ersetzt.

Als Kempowski gleich zu Beginn des Jahres 1990 seine Heimatstadt Rostock mit zwei Journalistinnen und Altachtundsechzigerinnen vom Westdeutschen Rundfunk besucht, notiert er trocken: «Die Verständigung mit den Fernsehfrauen aus Köln war bedeutend schwieriger als die mit DDR-Leutchen.» Als in der Öffentlichkeit der «Ausverkauf der DDR» beklagt wird, argumentiert Kempowski: «Der Ausverkauf hat ja schon 1945 begonnen.» Der Schriftsteller beobachtet präzise, Details werden schonungslos entlarvt – der Anblick einer Schar von DDR-Unterhändlern kommentiert er mit den Worten: «Da gibt’s Leute, die sich auch in puncto Kleidung sofort umstellen. Assimilation. Andere tragen ihre volkseigenen Klamotten auf.»

Selten irrt der Tagebuchschreiber: «Nur noch die Grünen reden gegen die Wiedervereinigung. Wählerstimmen wird es sie nicht kosten.» In Wahrheit zog nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 nur das Bündnis 90/Grüne in das Parlament ein, die West-Grünen, auf die sich Kempowski bezieht, scheiterten an der Fünfprozenthürde. In persönlichen Angelegenheiten erweist sich der Autor zuweilen als Mimose. So ärgert er sich über Leser, die eines seiner Bücher in bloss zwei Tagen gelesen haben wollen. Und als Freunde zu Besuch sind, gestaltet sich die Unterhaltung schwierig, weil er sich daran stösst, dass sie seine Bücher nicht kennen. «Wie man’s macht, macht man’s verkehrt.» Doch das sind Petitessen.

Kempowskis Bemerkungen sind da am interessantesten, wo sie eine politische Dimension aufweisen. «Jetzt kommt es heraus», notiert er im Februar 1990, «dass die DDR westdeutsche Kommunisten für den Fall X militärisch ausgebildet hat. Die Leute hätten im Krisenfall Terroranschläge verüben sollen. Gott, wie hätten sie uns ausgelacht, wenn wir das noch vor einem halben Jahr behauptet hätten!» Und im April: «Die Russen geben jetzt zu, dass sie im Zweiten Weltkrieg 15’000 polnische Offiziere ermordeten. O Gott, wenn man das noch vor zwei Jahren ausgesprochen hätte! In einer Talkrunde zum Beispiel. Da wär’ es einem schlecht ergangen.» Schliesslich im September: «Jetzt stellt sich heraus, dass der Briefträger, der damals wegen seiner DKP-Zugehörigkeit entlassen worden war (‹Berufsverbot›!), tatsächlich für die Stasi gearbeitet hat. Was sagt unsere Linke dazu, wo sind die Demonstranten, die ihn als lebendes Beispiel für den BRD-Faschismus hätschelten?»

Wer wie einst Günter Grass in der Ermordung der Juden durch die Nazis eine Verpflichtung sieht, die Teilung Deutschlands aufrechtzuerhalten, den geisselt Kempowski mit schonungsloser Offenheit. «Was die Teilung Deutschlands mit Auschwitz zu tun hat, kann einem niemand erklären. Die schreien einen gleich an, wenn man danach fragt. Auschwitz wird man nie vergessen. Wer könnte das…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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