Waldrausch und Weltuntergang

Er will Griechenland kaufen. Europa nennt er eine Desastertorte mit rosa Zuckerguss.
Und in Indien ist sowieso alles besser, da chaotischer, also freier. 20 Tage Korrespondenz, nicht ohne Unterbrüche, mit dem Indienreisenden Andreas Thiel.

Ändu, wo in Indien bist du gerade? Kriegt man dort mit, was hier in Europa passiert?

Ich bin mit meiner Frau in Rishikesh, am Fusse des Himalajas. Wir haben heute für ein Ei und ein Fladenbrot einen alten Padmini Premier 137D gekauft, einen rechtsgesteuerten indischen Old-timer ohne Heizung und ohne Handbremse, bekannt auch als «Bombay Taxi». Damit wollen wir ein bisschen im Himalaja rumfahren. Was in Europa läuft, interessiert hier keinen. Wieso auch? Die Inder haben genügend eigene Probleme für die nächsten Jahrzehnte. Was mich persönlich angeht, nun, erst habe ich mir überlegt, anstatt eines alten Wagens Griechenland zu kaufen. Ich habe mich dann für den Wagen entschieden, weil er, wenn er den Geist aufgibt, billiger abzuwracken ist als Griechenland.

Schön. Ich verspüre ebenfalls eskapistische Tendenzen. Als in der Schweiz ansässiger Schweizer sitze ich nun aber leider mittendrin. Im Desaster.

Europa ist eine fett gepuderte Desastertorte mit rosa Zuckerguss. Und die Schweiz ist die Cocktailkirsche obendrauf. Dummerweise ist die Zuckerschicht so zähflüssig, dass man kleben bleibt. Da ist das Desaster in Indien dann doch ungeschminkter und somit
offensichtlicher. Da fühlt man sich irgendwie freier. Und diese Freiheit geniessen wir. Heute sind wir in Richtung Dharamshala aufgebrochen. Es herrscht Monsun, und die Strasse ist ein steiniges Bachbett. Zum Glück haben die früheren Besitzer den Padmini höherlegen lassen. Diese Bodenfreiheit fehlt der EU in stürmischen Zeiten offensichtlich.

Der EU geht die Kohle aus, die sie schon früher nicht hatte. Das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen soll deshalb schon wieder eine CD mit gestohlenen Bankkundendaten gekauft haben.

Ich habe mitbekommen, dass die Deutschen wieder mal versuchen, mit Unrecht Gerechtigkeit zu schaffen. Da scheinen sich ein paar ehemalige Stasioffiziere in die nordrhein-westfälische Steuerbehörde verirrt zu haben. Bald versuchen sie auch wieder, durch Folter die Wahrheit zu finden. Wir sind heute in Dharam-shala angekommen. Die Buddhisten hier versuchen, mittels Bescheidenheit und Meditation zur Wahrheit zu finden. Bei uns im Westen muss es entweder Folter oder Selbstkasteiung sein. Hauptsache, jemand leidet. Die Wahrheit muss bei uns weh tun. Für diese westliche Sichtweise sprechen auch all die Klimahysteriker. Buddhas wichtigste Lehre ist: Der Ursprung allen Leidens ist das Verlangen, die Begierde. Diesen Glaubenssatz muss man unseren Weltverbesserern hinter die zugehaltenen Ohren schreiben. Es ist erhellend, was man daraus folgern kann. Auch das Verlangen nach Gerechtigkeit schafft Leiden. Deutschland ist das beste Beispiel dafür.

Stimmt im Prinzip. Für einmal ist es jedoch gerade andersherum: Der Sozialist François Hollande quält die Semisozialistin Angela Merkel. Zumindest fiskalpolitisch.

Was die Franzosen tun, ist mir egal, solange sie nebenbei noch guten Wein machen. Nicolas, ein guter Freund von uns, ist heute eigens mit einer Flasche Champagner aus der Schweiz nach Dharamshala geflogen, um auf unseren ersten Hochzeitstag anzustossen. Das sind Werte. Um auf die Steuerabkommen unseres Bundesrates anzustossen, hätte er nicht einmal eine Schachtel Würfelzucker mit dem Velo in den nächsten Tearoom gebracht.

Stilsicher, euer Freund. Was machst du, wenn die EU den Bach runtergeht und deine deutschen Zuschauer kein Geld mehr haben, um Eintritt für deine Auftritte zu bezahlen?

Was ist das für eine Frage? Dann nimmt ja alles nur seinen natürlichen Lauf. Ich frage mich eher, was ich tue, wenn die EU nicht crasht. Wie ginge ich mit einer solch unerwarteten Situation um? Was tun wir, wenn die Gesetze der Logik nicht mehr spielen? Ich würde meinen Glauben an die Schlüssigkeit aller Dinge verlieren. Das würde heissen, dass mein Leben vermutlich auch keinen Sinn macht und ich nach dem Tod auch gar nicht mehr weiterzuleben brauche. Ich bin ja ein religiöser Mensch und glaube an ein Leben nach dem Tod, nur weil es einfach Sinn macht. Wäre mit dem irdischen…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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