Wahre Kunst ist freie Kunst!

Er wurde nicht vom Staat gefördert. Darum war er frei, das Leben darzustellen, wie es ist – sagt Christoph Blocher über Albert Anker. Gespräch mit einem bedeutenden Sammler von Schweizer Kunst über Anker, Hirschhorn und den Unterschied zwischen Kunst und Gag.

Wahre Kunst ist freie Kunst!

Herr Blocher, Sie haben für dieses Gespräch zwei Bilder von Albert Anker ausgewählt – eine bewährte Wahl. Dabei sammeln Sie auch Werke anderer Schweizer Künstler. Warum nicht mal Giovanni Giacometti oder Giovanni Segantini?
Es ist ja nicht so, dass Giacometti oder Segantini nicht bewährt wären! Ein Teil meiner wenigen Segantini-Bilder hängt gerade in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, und auch von Giacometti besitze ich nicht so viele Werke. Von Anker hingegen habe ich eine schöne Sammlung beieinander, Ölbilder und Aquarelle. Anker wird nach wie vor unterschätzt, sozusagen als Verklärer verklärt. Also habe ich mir gesagt: Anker! Da kann ich noch aufklären. Ich habe bewusst nichts Spektakuläres ausgewählt, sondern zwei schlichte Bilder.

Anker, Giacometti und Segantini sind Künstler des 19. Jahrhunderts. Woher rührt Ihr Interesse an der Kunst jener Zeit?
Ich mag van Gogh, ich mag Monet, ich mag Manet, überhaupt die französischen Impressionisten. Mein Interesse kennt keine Grenzen, mein Ehrgeiz aber schon. Wenn Sie Kraut und Rüben sammeln, ist das nicht befriedigend. Ich habe mich deshalb bewusst auf Schweizer Künstler des 19. Jahrhunderts beschränkt. Im Mittelpunkt stehen Albert Anker und Ferdinand Hodler. Anker war Realist. Er zeigt das Leben, wie es ist. Bei Hodler, aber auch bei Segantini gibt es stets eine symbolische Dimension. Beispiel Segantini: da geht es um Tod und Neugeburt. Sie sehen dann beispielsweise eine Mutter mit Kind und ein Mutterschaf mit einem Lamm auf demselben Bild, die Anfang und Ende des Lebens symbolisieren. Anker ist kein Vertreter des Symbolismus. Segantini, Hodler, Giacometti sehr wohl.

Ankers Bilder wirken auf mich so, als wären seine Sujets irgendwie entrückt dargestellt. Kann man ihn tatsächlich einen Realisten nennen?
Anker bedurfte des Symbolismus nicht, um das Leben darzustellen. Er nimmt alltägliche Szenen, und er zeigt immer wieder aufs neue, dass der Alltag uns geschenkt, gegeben ist. Das gefällt mir. Denn damit wendet er sich gegen all jene selbsternannten Retter der Welt, die vom Machbarkeitswahn befallen sind. «Wehe, wir sind alle verloren, wenn wir unser Leben nicht sofort ändern!» Anker hält dagegen: «Siehe, die Erde ist nicht verdammt.» Das ist sein grosses Leitmotiv.

Sie mögen Anker also, weil Sie in ihm eine theologische Botschaft sehen? Dann wäre er so etwas wie ein theologischer Realist. Geht das?
Wenn Sie ein Bild von Anker anschauen, dann rührt Sie das an, dann sind Sie tief berührt von dieser Schlichtheit, dieser Schönheit. Aber es geht noch tiefer: die Menschen in Ankers Bildern sind geborgen, aufgehoben, nicht verloren trotz des auch bei ihm überall aufscheinenden Elends. In all der Not, Armut, Kälte sind die Menschen aufgehoben in der Gnade Gottes. Selbst im Angesicht des Todes ist der Trost, die Gnade Gottes sicht- und fühlbar. Beim Betrachten von Ankers Bildern hört man die Botschaft: «Du bist nicht verloren.» Theologisch geht es um den Kern der christlichen Botschaft. So wie Gott seinen Sohn dem Leben und dem Tod ausgesetzt hat und durch die Auferstehung gerettet hat, so rettet er uns Menschen durch seine Vaterliebe und Gnade. Manchmal, nach einem harten Tag, komme ich in den Anker-Raum. Ich setze mich hin, lasse die Bilder auf mich wirken, nur eine Viertelstunde, und es klärt sich alles.

Sie wettern gegen den Machbarkeitswahn. Sie selbst sind für viele das Paradebeispiel eines Machers.
Ich habe getan, was in meiner Macht stand, als Industrieller, als Politiker, als Offizier, als Familienvater. Aber ich habe immer gewusst: letztlich sind die Dinge gegeben, nicht von mir gemacht. Aus dieser Gewissheit schöpft man Kraft für sein Tun. Das ist die beste Medizin gegen Verzweiflung, weil man weiss: am Ende kommt es gut.

Blocher, der Fatalist?
Sie und ich können nichts…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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