Wagnis Öffentlichkeit

Denken in der Öffentlichkeit erfordert Mut. Die Philosophin Hannah Arendt hat auf die Risiken des Sich-Exponierens hingewiesen, aber auch darauf, dass Nichtdenkende weit gefährlicher sind.

 

Die ersten Risikomanager der Vormoderne waren Kaufleute in den norditalienischen Stadtstaaten. Sie suchten potentielle Verluste im Seehandelsgeschäft zu beziffern und prägten einen mathematisch-kalkulatorischen Risikobegriff, der für die frühe Versicherungswirtschaft massgeblich war. Es ging ums Geld, aber man reflektierte auch grundsätzlich die Möglichkeiten und Grenzen der Antizipation von Folgen (nicht zwingend nur der materiellen) und fand Wörter für die entwickelte Praxis. Norditalien war ein Hauptschauplatz der Denk- und Kulturgeschichte des Risikos.

Wie aber steht es eigentlich um das Risiko von Ideen? Welche Risiken birgt das öffentliche Exponieren von Werten wie Freiheit, Gleichberechtigung oder Individualität (und, ebenso relevant, ihre Diffamierung)? Lassen sich die Auswirkungen persönlicher Haltungen und Werte, die öffentlich wahrnehmbar gelebt und exponiert werden, vorwegnehmen – und zwar als Folgen für einen selbst ebenso wie diejenigen für Zeitgenossen und Nachgeborene?

Nichtdenker sind gefährlich

Für Hannah Arendt (1906 –1975) war das Reich des Geistes ein Wagnis sui generis. Der Interviewer Roger Errera fragte Arendt explizit nach dem Risiko des freien, sich aus allen Traditionen bedienenden Denkens, als er sie 1973, zwei Jahre vor ihrem Tod, für ein Interview gewinnen konnte, das ihr letztes werden sollte. Selber denken sei nicht ungefährlich, aber es sei das einzige Risiko, das jeder Mensch unbedingt auf sich zu nehmen habe. Alles andere, nämlich das Nichtdenken, sei noch viel gefährlicher, meinte Arendt. Sie äusserte sich unmissverständlich: «The only thing that can help us is to réfléchir. And to think always means to think critically. And to think critically is always to be hostile. I don’t deny that thinking is dangerous, but I would say non-thinking, ne pas réfléchir, c’est plus dangereux encore.» Zwischen den Zeilen schwingt ihre persönliche Erfahrung mit – auch die erlittene Anfeindung als öffentlich Andersdenkende, ganz besonders als Gerichtsreporterin im Jerusalemer Prozess gegen Adolf Eichmann.

Hannah Arendt war eine deutsche Jüdin, Doktorin der Philosophie, Aktivistin am Schreibtisch und an Kathedern amerikanischer Universitäten, in Zeitungen und Zeitschriften, auf Radiosendern und TV-Sendungen. Bildungsbiografisch bedingt bewegte sie sich zwischen Deutsch, Latein, Griechisch, Französisch und Englisch. Sie war 1940 nach Paris geflohen und wurde im Frauenlager Gurs interniert, aus dem ihr dann die Flucht aus Europa gelang. Gemeinsam mit ihrem Mann Heinrich Blücher kam sie am 22. Mai 1941 im New Yorker Hafen Hoboken an.

Arendt verfolgte fortan die soziopolitische Entwicklung beidseits des Atlantiks. Sie arbeitete in den USA, unter anderem als Lektorin, war publizistisch tätig und wurde sehr bald zu einer unüberhörbaren Stimme. Sie sprach am amerikanischen Radio und reiste 1949 erstmals nach Deutschland zurück, um von ihren Eindrücken zu berichten. In einem Brief schrieb sie, das Land sei auch nach 1945 überzogen «von einer so vernagelten, bösartigen, ressentimentgeladenen Dummheit». 1951 erschien ihr Buch «The Origins of Totalitarianism», das sie weltberühmt machte. Lange vor der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland und Österreich erschien 1955 die ergänzte deutsche Fassung unter dem Titel «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft».

Im Herbst 1958 hielt sie die Laudatio auf Karl Jaspers, ihren Doktorvater und Freund, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam. In der Paulskirche sagte sie zum ersten Mal, dass sie das exponierte Leben als öffentliche Person «nur zögernd und eigentlich verzagend» auf sich genommen habe, wie alle «modernen Menschen» bewege auch sie sich in der Öffentlichkeit nur «mit Misstrauen und Ungeschick». Entscheidend ist aber, dass sich Arendt dem «Wagnis der Öffentlichkeit» (die Formel stammt von Jaspers) vorbehaltlos stellte.

Dann kam Jerusalem. Im Mai 1960 hatte der israelische Geheimdienst Adolf Eichmann in Buenos Aires gekidnappt und nach Israel gebracht, um dem SS-Obersturmbannführer vor dem höchsten Gericht den Prozess zu machen. Als Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt trug er die Verantwortung für den organisatorischen Vollzug der Deportationen…

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