Vorlage für Sonntagskrimi

Silvio Huonder ist Schweizer, aber er ist offenbar dem Charme des Berliner Umlands erlegen, kaum besiedelt, reich an Seen und romantischen Wäldern. Dort lebt er nicht nur, dort spielt auch sein neuer Roman «Dicht am Wasser», und der malerische Hintergrund wird so sparsam wie atmosphärisch geschildert. Schliesslich dient er als Magnet für junge stadtflüchtige Familien, die auf dem Land ein gesünderes, authentischeres Leben führen wollen, insbesondere zum Wohl der Kinder. Als jedoch eines verschwindet, der neunjährige Nelson, offenbart sich innerhalb kürzester Zeit die Kluft zwischen Wunschbild und Wirklichkeit. Auch in den schmucken Dörfern rund um den Julesee – mit dem eine dunkle, blutige Legende verbunden ist – herrschen Betrug, Verrat und Vernachlässigung, büssen mitunter Kinder für die Lebenslügen ihrer Eltern.

«Dicht am Wasser» entfaltet, leise und behutsam, ein durchaus packendes Drama, in das mehrere Familien verwickelt sind, und bezieht die Naturkulisse mit ihrem düsteren Legendenflor auf reizvolle Weise ein. Einziger, aber erheblicher Störfaktor ist die eigenartige Handhabung der Erzählperspektive, die das Geschehen plötzlich banalisiert und dem Roman einen Teil seiner poetischen Konzentration raubt. So wird aus einem intensiv dargestellten, kleinen Weltausschnitt ein eher routiniertes Werk, das sich auch als Drehbuchvorlage für den Sonntagskrimi eignen würde.

vorgestellt von Patricia Klobusiczky, Berlin

Silvio Huonder: «Dicht am Wasser». Zürich: Nagel & Kimche, 2009

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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