Von unfreien Freiern

Den Freiern in Europa weht vom Norden her ein garstiger Wind entgegen. Schweden büsst sie seit 1999, und Norwegen, Finnland und Island haben ähnliche Gesetze erlassen. Nun wird in Deutschland und Frankreich über ein Prostitutionsverbot debattiert, und auch hierzulande haben jüngst 43 Parlamentarier das Postulat der EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller unterzeichnet, in dem sie sich für […]

Den Freiern in Europa weht vom Norden her ein garstiger Wind entgegen. Schweden büsst sie seit 1999, und Norwegen, Finnland und Island haben ähnliche Gesetze erlassen. Nun wird in Deutschland und Frankreich über ein Prostitutionsverbot debattiert, und auch hierzulande haben jüngst 43 Parlamentarier das Postulat der EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller unterzeichnet, in dem sie sich für ein Verbot des Kaufs sexueller Dienstleistungen stark macht.

Das Spektrum der Befürworter ist breit: Konservativ-religiöse Kreise zählen genauso dazu wie feministische Gruppen. Neben Moralvorstellungen treibt die Verbotsbefürworter vor allem der Wunsch, den Menschenhandel und die Ausbeutung von Notlagen zu bekämpfen. Edle Motive, zweifellos – aber das falsche Rezept. «Le Monde» kommentierte treffend: «Es ist nicht Sache des Staates, sich in die Privatsphäre einzumischen. Das Gesetz muss aber dafür sorgen, dass die Zuhälterei verfolgt und den Opfern des Menschenhandels dabei geholfen wird, die Prostitution verlassen zu können.» Die Stadt Zürich versucht es unbürokratisch und hat nun einen Strichplatz mit «Verrichtungsboxen» eingerichtet. Im ersten Augenblick erinnerte er mich an die «Versäuberungsplätze» für meine Hündin. Dort darf diese legal ihre Notdurft verrichten. Anfangs mischten sich also Ekel und Amüsement, aber je länger ich über die Einrichtung nachdenke, desto besser finde ich sie: Die Anwohner am Sihlquai sind vom Strassenstrich befreit, und auf dem Strichplatz können Sozialarbeiterinnen und Sicherheitsbehörden das Sexgewerbe vielleicht in den legalen Schranken halten.

Es ist noch zu früh, um Bilanz zu ziehen, aber: Werden solche Voraussetzungen geschaffen, um den Missbrauch der Sexarbeiterinnen zu unterdrücken, sehe ich keinen Grund, Prostituierte wie Freier in die Kriminalität zu drängen. Denn eins ist sicher: Einen (schwarzen) Markt für sexuelle Dienstleistungen wird es auch nach moralinsauren Verboten noch geben. Und auf diesem ist der Schutz von Prostituierten wie von Freiern dann um einiges schwieriger.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»