Von sowjetischen Supercomputern zu Online-Scheidungen

Das IT-Unternehmen Volo entwickelt E-Government-Lösungen und diskutiert beim Mittagessen über gesellschaftliche Initiativen. Ein Gespräch über armenischen Erfindergeist, Schweizer Qualitätslabel und die Jobs der Zukunft.

Herr Bartelsian, Sie sind gebürtiger Amerikaner und haben als Brand Developer auf der ganzen Welt gearbeitet. Was unterscheidet den armenischen Markt von anderen Emerging Markets?

B: Ich habe wohl in allen grossen Emerging Markets gearbeitet: 1995 in Polen, als sich die polnische Entwicklung hin zu einer Marktwirtschaft auf dem historischen Höhepunkt befand. Ich war in Singapur tätig, als es im Jahr 2000 seinen grossen Wandel vollzog – es näherte sich gerade wieder an China an und musste sich die Frage stellen: «Wie erfinden wir uns neu?» Und das haben sie geschafft. Ich war in China selbst, in Hongkong. Was den Unterschied zwischen all diesen Ländern und Armenien ausmacht: Armenier sind Innovatoren.

Ein stolzes Statement. Inwiefern?

B: Ich weiss, in Europa scheut man sich vor solch ethnischen Zuschreibungen. Ich sehe Armenien aber trotzdem als kleines Israel. Ein Volk, das jahrhundertelang verfolgt wurde, hat sich einige Fähigkeiten angeeignet, um auch in lebensfeindlichem Umfeld durchzukommen – und dabei bleiben ein paar Werte hängen, die sich als verlässlich, ja gar als erfolgreich herausgestellt haben, wie etwa die Familie und die Bildung.

Diese Werte würden wohl auch andere Länder für sich in Anspruch nehmen, gerade China.

B: Stimmt. Aber Erziehung ist in Armenien eben eine Währung. Armenische Mütter erziehen ihre Kinder nach dem Grundsatz des «Shustri», ein russischer Ausdruck. Er bedeutet: «Hintergeh, bevor du hintergangen wirst.»

K: (lacht laut)

B: Das stimmt aber, Arman! Es ist sicherlich nicht die beste Haltung der Welt, aber das Verständnis, dass die Leute darauf aus sind, dich reinzulegen, steckt hier in vielen Köpfen.

K: Sehen Sie sich unsere geographische Lage an: wir liegen auf der Kreuzung zwischen Asien und Europa. Wir mussten aufgrund dieser exponierten Lage immer auf der Hut sein.

B: Meine Beobachtung: Armenier verändern sich, wenn sie ausserhalb Armeniens sind. Sie sind ruhiger, vertrauensvoller, gesprächiger. Kaum sind sie zurück, gilt wieder das «Shustri».

K: Und das ist gerade der springende Punkt: es sind nicht die Leute, die nicht vertrauenswürdig sind, sondern es ist das politische Umfeld, das zu besonderer Vorsicht zwingt.

Aber Vertrauen ist doch der Schlüssel des Geschäftens!

B: Natürlich. Aber man kann den Misstrauensgrundsatz auch ins Positive wenden, und dann bedeutet er eine unglaubliche Arbeitsmoral: Man muss besser, schneller, klüger denken und handeln als alle anderen – und man muss mehr tun für seinen Erfolg. Unsere Kunden brauchen massgeschneiderte Programme, die es auf dem Markt noch nicht gibt. Sie wollen schnelle, saubere Lösungen.

K: Einer unserer Kunden in Dubai zum Beispiel hatte ein Projekt in den Sand gesetzt und kam damit auf uns zu. Was sie von uns wollten, war eine riesige Sache! Trotzdem bekamen wir nur eine Woche Zeit. Aber wenn wir behaupten, besser zu sein als alle anderen, müssen wir auch liefern, egal, wie haarsträubend der Zeitrahmen ist.

B: Wir arbeiten vor allem im IT-Bereich der Finanzindustrie, programmieren Plattformen für Börsenhändler. Momentan entwickeln wir eine E-Government-Plattform, die historische Dokumente mit digitalen Dokumenten verbindet.

Was muss man sich darunter vorstellen?

B: Sie haben ein 350 Jahre altes, handgeschriebenes Dokument. Unser System scannt es und wird es verstehen, strukturieren und zu neuen, digitalen Dokumenten in Beziehung setzen. Nehmen wir an, Sie wollen sich scheiden lassen. Sie haben Assets und Ihr Erbe in die Ehe eingebracht, genauso wie Ihr Partner. Anstatt nun aber vor Gericht zu gehen und darüber zu streiten, wer wie viel zugute hat, wird das System automatisch herleiten, was Ihnen gehört und was Ihrem Ex-Mann…

K: Das ist eine enorm komplexe, relationale Datenbank. Wir arbeiten an Aufgaben, an denen andere gescheitert sind, dann landen sie bei uns.

Sie sind sozusagen die Troubleshooter. Dann ist es ein Outsourcingdienst, den Sie anbieten?

B: Outsourcen…