Von Menschen, Stachelschweinen und Robotern
Jürgen Schmidhuber, fotographiert von Eleana Hegerich / Wort und Bild Verlag.

Von Menschen, Stachelschweinen und Robotern

Der bekannteste KI-Forscher der Schweiz glaubt: Künstliche Intelligenzen werden in nicht allzu ferner Zeit das Universum kolonisieren und uns, ihre Schöpfer, hinter sich lassen.

Herr Schmidhuber, zur Vorbereitung dieses Interviews habe ich mir viele ihrer Wortmeldungen und Publikationen angeschaut: Sie geben sich alle Mühe, auch dem Laien zu erklären, was künstliche Intelligenz (KI) alles kann – und können wird. Eine Frage hat mich nach der stundenlangen Recherche deshalb besonders umgetrieben: Wann nimmt mir eine KI diese Arbeit im Vorfeld von Begegnungen mit Wissenschaftern, deren Tätigkeit mir bisher rein gar nichts sagte, ab?
Das wird zwar noch etliche Monate dauern. Aber kaum 75 Jahre nach Konrad Zuses erstem programmgesteuertem Rechner erledigen unsere selbstlernenden künstlichen neuronalen Netze heute schon manch andere Aufgabe bereits besser als Menschen. Automatisch entdecken sie Tumore in menschlichem Gewebe, erkennen Sprache, Handschrift oder auch Verkehrsschilder für selbstfahrende Autos, sagen Aktienkurse voraus, übersetzen Texte oder steuern Roboter. Langfristig können wir uns darauf einstellen, dass selbstlernende künstliche Intelligenzen fast alles können, was wir Menschen können – und noch viel mehr.

Wie viel mal mehr als ein Mensch kann eine KI heute schon?
Ein Menschenhirn vermag wohl nicht mehr als 1020 – das ist eine 1 mit 20 Nullen – elementare nützliche Rechenoperationen pro Sekunde auszuführen. Alle bald 10 Milliarden Menschenhirne zusammen schafften also wohl höchstens 1030 Operationen. Setzt sich der Trend fort, dass alle 5 Jahre die Rechenkraft etwa 10mal billiger wird, so haben wir wohl bald billige, kleine Rechner mit der Rechenkraft eines Menschenhirns, und 50 Jahre später aller Menschenhirne. 1 kg Masse kann aber theoretisch noch über 1020-mal mehr rechnen. Und wenn Sie sich ins Gedächtnis rufen, dass die Erdmasse weit über 1024 kg beträgt, und die des Sonnensystems über 1030 kg …

Moment: KI-Vordenker behaupten schon seit Jahren, dass diese Vorgänge rasant ablaufen. Bisher sind aber nicht einmal die mir vorgeschlagenen Bücher bei Amazon – trotz vieler Buchkäufe – allzu zielführend für meinen Geschmack oder meine Arbeit. Auch das Tracking von Onlinewerbung ist oft bemerkenswert schlecht. Woran liegt das?
Das ist halt eher künstliche Dummheit als künstliche Intelligenz.

Eine Definition von Intelligenz lautet: eine breite Palette von Fähigkeiten haben, und dabei nicht nur eine spezialisierte Fertigkeit zu beherrschen, sondern eben fähig sein, sich rasch an eine Reihe von Dingen anpassen zu können.
Intelligent ist in der Tat, wer flott lernen kann, alle möglichen wichtigen Probleme zu lösen.

Bis vor wenigen Jahren wurde Ihre Arbeit mit künstlichen neuronalen Netzen ein wenig belächelt, heute sind Sie so etwas wie ein Superstar der KI-Branche. Welcher Meilenstein hat die KI in den letzten Jahren wirklich vorangebracht?
Eigentlich sind unsere «Deep Learning»-Verfahren, die in den letzten Jahren diese Aufmerksamkeit erregt haben, viel älter. Der Durchbruch kam aber erst mit der stärkeren Rechenleistung. Alle 5 Jahre werden neuronale Netzwerke rund 10mal billiger. Was früher lagerhallengrosse Computer in Tagen errechneten, erschliesst ein Smartphone heute in Sekunden. Und die Software Ihres Smartphones lernt heute selbsttätig. Die wertvollsten Firmen der Welt – Google, Apple, Amazon, Microsoft, Facebook – verwenden dazu vor allem ein «Deep Learning»-Verfahren namens LSTM, das mein tolles Team seit den 1990ern in München und in der Schweiz entwickelt hat. LSTM macht heute Googles Spracherkennung, Facebooks Übersetzung, Apples Quicktype, Amazons Stimme für Alexa und so weiter – Technik also, die wir jeden Tag nutzen und die uns noch dazu jeden Tag nützlicher werden kann.

Kommt denn der Mensch beim Entdecken neuer produktiver Tätigkeiten künftig noch nach? Man hat den Eindruck, dass beim Thema KI momentan vor allem Ängste im Hinblick auf Entwicklungen wie Robotisierung, Digitalisierung und Rationalisierung geschürt werden.
Ich bin Optimist, aber nicht naiv: natürlich verstehe ich die Ängste, allerdings halte ich sie für grösstenteils unbegründet.

Warum?
Es wird ja gern behauptet, Menschen fänden bei einem Siegeszug von KI und Robotik keine Arbeit mehr. Das…