Von helvetischem Wohlfühlen und brasilianischer Dynamik

Herrn Schweizers Weltzentrum ist Europa. Die mentale Orientierung an den Zuständen in den benachbarten EU-Staaten ist angenehm für ihn. EU-Vergleiche geben die negative  Folie  ab, vor deren Hintergrund Herr Schweizer das eigene Land in umso schönerem Glanz erstrahlen lassen kann. Kritisiert er die Schuldenwirtschaft der EU-Staaten, lobt er eigentlich sich selbst: wir waren so klug, eine […]

Herrn Schweizers Weltzentrum ist Europa. Die mentale Orientierung an den Zuständen in den benachbarten EU-Staaten ist angenehm für ihn. EU-Vergleiche geben die negative  Folie  ab, vor deren Hintergrund Herr Schweizer das eigene Land in umso schönerem Glanz erstrahlen lassen kann.

Kritisiert er die Schuldenwirtschaft der EU-Staaten, lobt er eigentlich sich selbst: wir waren so klug, eine Schuldenbremse einzuführen, als die anderen das nicht vorhandene Geld noch im grossen Stil zum Fenster hinauswarfen! Und man schaue sich einmal den Arbeitsmarkt der EU-Staaten an. Weltfremde Politiker machen Gesetze im Namen der Arbeitnehmer, die dazu führen, dass immer weniger Arbeitnehmer eingestellt werden, weil die Unternehmen bloss noch die Wahl zwischen Anstellung auf Lebenszeit und keiner Festanstellung haben. Kein Wunder, sagt sich der Schweizer, steigt die Arbeitslosigkeit, in einzelnen Ländern wie Spanien und Griechenland gar so sehr, dass sich soziale Unrast ankündigt. Und erst die Arbeitsmoral! In Frankreich ist die Arbeit mit der 35-Stunden-Woche zur Freizeitbeschäftigung geworden. Da haben wir es in der Schweiz besser. Wir arbeiten mehr als unsere Nachbarn. Wir sind produktiver. Wir haben mehr ökonomischen Sachverstand. Wir haben liberalere Gesetze. Und so weiter. Und so fort.

Das alles ist richtig. Und dennoch ist es falsch, weil Europa nicht die Welt ist.

Der helvetische Eurozentrismus entspringt letztlich einem etablierten Willen zum Wohlfühlen. Wir rufen uns zu: schaut mal, wie schlecht es die anderen machen. Und fühlen uns gut dabei, weil dies für uns bedeutet: uns geht es gut, jedenfalls viel besser als den anderen. Aber eben, Europa ist nicht die Welt. Und so merken wir nicht, dass wir uns, gemessen an nichteuropäischen Standards, längst auf dem Weg der Europäisierung befinden.

Ich habe jüngst drei Wochen in Brasilien verbracht, in den beiden Millionenmetropolen Belo Horizonte und São Paolo. Seit nun schon fast zehn Jahren bereise ich dieses faszinierende Land. Und ich bin von seiner Dynamik jedes Mal aufs neue beeindruckt.

Erklären Sie einmal einem Bewohner von São Paolo – egal ob arm oder reich, ob gut oder schlecht ausgebildet –, dass wir im Ernst (im Ernst!) darüber abstimmen, die Ladenöffnungszeiten zu liberalisieren. Er wird freundlich lächeln und erstaunt  fragen: Wie meinen Sie das? Sie werden ihm selbst unter Aufbietung aller rhetorischen Kunst nicht verständlich machen können, dass in der Schweiz viele Leute Öffnungszeiten von 9 bis 19 Uhr unter der Woche (Sonntag geschlossen!) als soziale Errungenschaft betrachten. Er wird Ihnen sagen: mit solchen Gesetzen schaden Sie den Arbeitnehmern. Sie enthalten ihnen Arbeit vor. Und die Arbeit ist der Weg zum Erfolg. Und der Erfolg ist das einzige, was den Paulista interessiert.

Oder erklären Sie dem Paulista, dass das Volk eine Initiative lanciert hat, um die Ferien von vier auf sechs Wochen im Jahr zu erhöhen. Er wird freundlich lächeln und erstaunt fragen: Warum tun Sie das? Haben Sie nicht genug Arbeit für alle? Der Paulista würde am liebsten 365 Tage im Jahr arbeiten.

Natürlich haben wir uns in der Schweiz auch Abwehrreflexe gegen diese Art von Rückmeldungen aus der Neuen Welt antrainiert. Wir sagen dann zum Beispiel, dass die Armut in Brasilien stossend sei, dass es keinen Mittelstand gebe, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffe.

Das Problem ist nur, dass dies alles nicht stimmt. Die Armut in Brasilien schwindet rasant; es hat sich in den letzten Jahren ein solider Mittelstand herausgebildet, der echtes Arbeitsethos hochhält; die jungen Leute sind gut, und immer besser, ausgebildet und unternehmerisch orientiert; die soziale Kohäsion wächst.

Die Brasilianer wissen das alles und sind mittlerweile ziemlich selbstbewusst geworden. Ein Paulista sagte mir freundlich lächelnd, dass er den Glauben an die Wirtschaftskraft des früher bewunderten Europa verloren habe. Aber die Europäer verfügten ja über reiche kulturelle Ressourcen, die sie bewirtschaften könnten. Sie, die Brasilianer, würden künftig investieren, wären mithin Eigentümer und Besucher des alten Kontinents. Und wir wären die Museumswärter.

Ich frage mich noch immer: Hat er das ernst gemeint?

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»