Von «Haus und Heer» zu «Lüthi und Blanc»

Peter-Christian und Martin A. Fueter sind ungleiche Brüder und Söhne des Schweizer Filmpioniers Heinrich Fueter. Und sie wurden selbst zu treibenden Kräften des Schweizer Films. Ein Gespräch über Hollywood-Abenteuer, geistige Landesverteidigung und gutes Handwerk.

Von «Haus und Heer» zu  «Lüthi und Blanc»
Peter-Christian und Martin A. Fueter, photographiert von Florian Rittmeyer.

Reden wir über die Bewegungen des bewegten Bildes. Sie kennen und gestalteten das Schweizer Filmschaffen seit beinahe 60 Jahren mit. Wie beurteilen Sie dessen heutige Lage?

Peter-Christian Fueter (PC): Wir verfügen in der Schweiz sicher über hervorragende Leute, es gibt hier sehr begabte Filmemacher und mindestens zwei ernstzunehmende Filmschulen. Auf dieser Seite ist also Potential vorhanden. Wegen ihrer Kleinräumigkeit ist die Schweiz aber andererseits ein kommerziell schwieriges Pflaster. Der Film, insbesondere der Spielfilm, ist ein teures Medium, für das in der deutschen Schweiz ein viel zu geringes Zuschauerpotential in der Grössenordnung von maximal 5 Millionen besteht. Dieser kleine Markt wird dem hiesigen Filmschaffen immer enge Grenzen setzen.

In anderen Branchen gilt die geringe Grösse als Vorteil: Sie hat die Unternehmen von Anfang an gezwungen, sich international auszurichten. Ist das für den Film keine Option?

PC: Das ist schwierig bis unmöglich. Wir haben ja nicht ein Produkt wie eine Schraube, die überall auf der Welt eine Schraube ist. Die Sprache und die Mentalität sind von Land zu Land und also von Publikum zu Publikum unterschiedlich. Wenn man im internationalen Geschäft mitmischen will, muss man vor Ort sein, dort, wo alles passiert – in Los Angeles, London, Paris und heute immer mehr auch in Berlin, dort, wo die grossen Märkte sind. Wir haben Ende der 1980er Jahre versucht, eine Brücke in die USA zu schlagen, die Schwierigkeiten jedoch, wie andere Europäer, unterschätzt: Hollywood ist so hermetisch abgeschlossen, da muss gar niemand irgendetwas wollen. Sich dort zu etablieren, verlangt einen enorm langen Atem…

Martin A. Fueter (M): … und sehr viel Geld. Wir waren zwar immer anständig angezogen, aber Geld war nie wirklich da.

Immerhin sind Sie mit Condor Films zum schweizweit wichtigsten Player geworden. Blicken wir zurück: Heinrich Fueter  hatte als Produktionsleiter bei der Abteilung «Heer und Haus» und im «Armeefilmdienst» begonnen…

PC: … genau. Als 27jähriger wurde er bei Praesens-Film, der damals einzigen grossen Produktionsgesellschaft, eingestellt. Gegen Ende der 1930er Jahre kam der Schweizer Film dank der staatlichen Förderung im Rahmen der «geistigen Landesverteidigung» ja erstmals so richtig auf…

… doch als nach dem Krieg die Gelder aus diesem Budget versiegten, war Ihr Vater gezwungen, neue Geschäftsfelder zu erschliessen: 1947 hat er eine eigene Firma gegründet und die Condor Films bald zum grössten Produzenten ausgebaut. Ist eine solche Aufbauleistung heute noch möglich?

PC: Ich glaube, dass die Möglichkeiten dazu heute teilweise sogar besser sind als damals. Man verfügt über ein Potential an Mitarbeitenden, das früher undenkbar gewesen wäre, und die nötige Technik hat damals ein Mehrfaches dessen gekostet, was man heute auslegen muss. Das unternehmerische Risiko war, so meine ich, zur Zeit unseres Vaters mindestens so gross wie heute.

Für den Notfall soll Ihre Mutter, Anne-Marie Blanc, eine Auswanderung in die USA vorgesehen haben: als Diener-Ehepaar, sprich: sie als Zimmermädchen und Ihr Vater als Koch.1

PC: Das haben die beiden durchaus ernst gemeint, das Risiko war ein reales.

M: Er konnte ja auch wirklich sehr gut kochen!

PC: Allerdings besass unser Vater damals schon grosse filmische Erfahrung, er war bereits zehn Jahre lang in der Branche tätig gewesen und war zeitlebens ein Meister im Aufbauen von Netzwerken – zwei Faktoren, die dafür sprachen, das Risiko tatsächlich einzugehen.

Welchen Einfluss hat die starke Persönlichkeit Heinrich Fueters auf Ihre Karrierewahl gehabt – war der Film ein Kindertraum oder hat Ihre Familie Sie in diese Richtung geleitet?

M: Ich wollte Automechaniker werden, aber das ist sehr lange her. Dadurch, dass Unternehmen und Familie bei uns nie wirklich getrennt waren – Wohnen und Arbeiten fanden anfänglich am gleichen Ort statt –, kamen wir natürlich sehr früh mit dem Film und den Filmleuten in Berührung, und mir wurde sehr schnell klar, was es für ein Glück ist, überall reinzusehen und alles von der Pike auf zu erlernen. Bei meinem Bruder hat es etwas länger gedauert, da war ein wenig moralischer Druck nötig.

PC: Ich hatte mit Film im Prinzip nichts am Hut, sondern wollte zum Theater. Ich studierte in Berlin, als unser Vater den ersten Herzinfarkt hatte, ich in die Schweiz zurückreiste und der Verwaltungsrat meinte, dass jetzt eigentlich der Moment wäre, um in die Firma einzusteigen. Ich hatte inzwischen aber auch schon begriffen, dass an mir kein unersetzbares Regietalent verlorenging.

1972 haben Sie beide dann offiziell die Leitung der Filmfirma übernommen. Ein väterliches Erbe anzutreten ist nicht immer eine leichte Sache. Wie sind Sie damit umgegangen?

PC: Unser Vater blieb Verwaltungsratspräsident und hat sich als solcher weiterhin eingeschaltet.

M: Aktiv!

PC: Es wurde aber alles diskutiert und mit etwas Diplomatie liessen sich die Dinge eigentlich immer regeln.

M: Insgesamt hat er uns machen lassen – natürlich nicht ohne ein «Na, hab ich doch gesagt», wenn einmal etwas in die Hose ging. Zwar haben wir vermutlich nichts gemacht, das er entschieden ablehnte, wir haben aber doch immer wieder Filme gedreht, vor denen er gewarnt hat. Den Condor-Filmen haftete anfangs noch ein gewisser «Dr.-Fueter-Stempel» an, und dieses etwas betuliche Image wollten wir loswerden.

Können Sie diesen Stempel beschreiben, was hat man damals mit einem «Fueter-Film» in Verbindung gebracht?

PC: Exzellentes Handwerk, makellose Technik, gut strukturierte Konzepte, die aber in den späten 1960er Jahren konventionell wirken mochten.

Wie ist es Ihnen gelungen, dieses Image abzulegen? Sie waren ja in den 1970er und 80er Jahren ausserordentlich erfolgreich.

M: Wir mussten beweisen, dass wir mit der Zeit gehen konnten. Dazu gehörten verschiedene Schritte. Zum Beispiel haben wir den Grossteil des eigentlich schönen Verdienstes reinvestiert, unter anderem in unsere zwei Studios – das Bellerive und das Studio
Gockhausen – und ins Material, das wir in Gockhausen auch vermieteten. Wir waren immer die ersten, die die neusten Geräte und Technologien für unsere Filme einsetzten.

PC: Das war Teil unserer neuen Aufstellung. Wir gliederten die Firma in drei Sparten: die wissenschaftlich-technische Abteilung, den Auftragsfilm – also das «Baby» unseres Vaters, um das ich mich fortan kümmerte – und den Werbefilm, den Martin übernahm.

M: Damit hatte ich Glück, weil sich unser Vater darin nie gross einmischen wollte, er sah das eher als Scharlatanerie. Unter anderem, weil es in diesem jungen Metier Leute gab, die sich plötzlich mit Titeln wie «FFF» schmückten, ohne eine Ahnung davon zu haben, was das war. «Film und Fernsehen und…», stammelten diese Schaumschläger – dabei heisst es Film, Funk und Fernsehen.

Das Dreigespann verweist auf das Aufkommen eines riesigen neuen Mediums: Wie hat sich das Fernsehen auf die Entwicklung des Filmgeschäfts ausgewirkt?

PC: Auf unseres positiv. Ab Mitte der 1970er Jahre begann die Condor intensiv mit dem Fernsehen zusammenzuarbeiten und trat dabei in ihr goldenes Zeitalter ein.

Sie haben den Konkurrenten durch Kooperation gebändigt?

PC: Durch Voraussicht. Unser Vater hat schon Ende der 1940er Jahre erkannt, dass das Fernsehen die Zukunft sein wird und dass das für die Filmwirtschaft nicht schlecht sein muss. Diese frühe Erkenntnis haben wir uns zu eigen gemacht. Die Umstellung auf die Elektronik lief im Fernsehen in unvorstellbaren Dimensionen ab; die konnten das nur schrittweise bewältigen, weshalb sie anfingen, gewisse Aufgaben und Aufträge auszulagern. Wir waren das erste grössere Unternehmen, bei dem sie das in beträchtlichem Umfang taten. Wir haben ihnen beim Übergang von den alten kinematografischen zu den neuen elektronischen Technologien geholfen, haben Kamera- und Tonteams, Schnittplätze mit Personal und Vertonungskapazitäten zur Verfügung gestellt, Vorabendmagazine wie z.B. «Besuch beim Hausarzt» oder «Besuch beim Tierarzt» und Serien wie z.B. «Unglaublich, aber wahr» zu produzieren begonnen.

M: Aber auch an den Verfilmungen von Schweizer Literatur in Kooperation mit dem Schweizer Fernsehen wie z.B. «Violanta» von Daniel Schmid oder «Der Landvogt von Greifensee» von Wilfried Bolliger waren wir massgeblich beteiligt.

PC: Unser Vater hatte vorausgesehen, dass die Zusammenarbeit mit dem Konkurrenten eine grosse Chance sein kann – und wir konnten das umsetzen und so selbst zu einem ernstzunehmenden Player werden.

M: Wobei sich unser Vater auch wahnsinnig geärgert hat über das Schweizer Fernsehen!

Wieso?

M: Wegen dieser Staatsbetriebsmentalität. Irgendwann fing das Fernsehen ebenfalls an, Material zu vermieten – und zwar zu Bedingungen, die uns das Leben schwer machten –; die mussten sich ja nie fragen, wo das Geld herkam.

Und wie steht es mit den Inhalten des Fernsehens, boten oder bieten die Ihnen auch Anlass zu Ärger?

M: Lustigerweise hatte das SRF lange Zeit ein ähnlich angestaubtes Image wie wir mit dem «Dr. Fueter Stempel» und musste demzufolge dieselbe Verjüngungskur einleiten. Wir hatten diese damals bereits eingeleitet und trotz unseres eigenen jungen Alters einige Erfahrung. Deshalb wurden wir vom Fernsehen für diese Formate auch engagiert und konnten etwa dem Röbi Koller oder dem «Aeschbi» eine Starthilfe geben.

PC: Inhaltlich war die jüngere Vergangenheit leider weder besonders kreativ noch ausgesprochen erfolgreich.  Die letzte Lichtfigur war Peter Schellenberg. Als Journalist, Fernsehmacher und nicht zuletzt als Stratege hat er sich die zentrale Frage gestellt, nämlich: Wie binde ich Publikum? Die richtige Antwort darauf lautet: nicht mit einzelnen Filmchen, sondern mit Serien. Er forderte auch «Swissness», als dieser Begriff noch nicht in aller Munde war. Ihm sind Sitcom-Formate wie «Fascht e Familie» – ein Dekor, fünf Schauspieler: einfacher und billiger geht’s nicht – oder die Prime Time Soap «Lüthi und Blanc» ebenso zu verdanken wie das Aufkommen des Schweizer Fernsehfilms. Das alles hat er im Rahmen einer Strategie zur Publikumsbildung lanciert, ohne die Filmindustrie primär im Blick zu haben, jedoch durchaus in Partnerschaft mit dieser.

Die hat natürlich von diesen Neuentwicklungen profitiert. Ganz grundsätzlich scheint das internationale Fernsehen mit seinen Serien zurzeit eine der innovativsten Kräfte des erweiterten Filmsektors zu sein. Liegt hier die Zukunft?

PC: Es ist ganz klar: Ohne Fernsehen geht heute nichts – nirgendwo. Innovationen entstehen heute bei den Serien, und in der Schweiz gibt es für den einheimischen Film nur eine nennenswerte Zukunft, wenn sich die beiden Sparten näherkommen und stärker zusammenarbeiten.

M: Heute gibt es in keinem Land mehr Spielfilme, die gemacht werden, ohne dass a priori ein Sender mit von der Partie ist. In den Serien und also beim Fernsehen steckt nicht nur die Innovation, sondern auch das Geld. Kooperationen sind daher so frucht- wie unabdingbar.

Wenn man Ihnen zuhört, hat man den Eindruck, dass Sie einen pragmatischen Mittelweg zwischen Kunst und Kommerz beschreiten. Wie gross ist die Absturzgefahr bei dieser Gratwanderung?

M: Ich würde eher sagen, dass die Breite unseres Interesses entscheidend war, dass wir nicht abstürzten. In unserer Familie wurden Kunst, Film, Musik und Theater hochgehalten, mich hat immer die Werbung interessiert, häufig hatte ich zwanzig Projekte parallel nebeneinander am Laufen. Es galt stets etwas Neues zu bringen, um Geld einnehmen zu können. Mit diesem haben wir dann die künstlerisch anspruchsvollen Geschichten gemacht. Diese Art von Quersubvention war ganz normal. Anders hätte das auch gar nicht funktioniert.

PC: Eine ganz wichtige Erfolgskomponente ist überhaupt die kaufmännische. Die Budgets in der Schweiz sind in der Regel immer zu knapp, gerade auch im Vergleich mit dem Ausland. Deshalb muss man immer genau kalkulieren und wissen, wo und wie man das Geld richtig einsetzt. Sparen heisst eben nicht einfach, das Budget zusammenzustreichen, sondern nach anderen Wegen und Lösungen zu suchen. Findet man die, legt man damit oft die Basis für einen Erfolg und eigentlich immer für einen späteren Fortschritt.

Stichwort Fortschritt: Wagen Sie für uns einen Blick in die Kristallkugel und sagen, wohin sich die Filmbranche in näherer Zukunft entwickeln wird?

M: Filme und Kinos gibt es immer weniger. Im Grunde könnte man alle Daten zentral speichern und über Satelliten abrufen lassen. Die Kinos könnten so selbständig bestimmen, wann was läuft. Das Problem ist, dass man nicht weiss, wer was hacken kann. Da geht es um ganz viel Geld, und solange Hacker Fort Knox knacken, wird kein grosser Filmverleiher es wagen, die Sachen einfach in den Himmel hoch zu hängen…

PC: Kurzum, wir stehen vor riesigen Umwälzungen, von denen heute niemand genau weiss, ob und wie sie stattfinden werden. Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann, ist: Content, Inhalt, wird es immer brauchen. Deshalb glaube ich, dass sich alle, die wie wir auf der produzierenden Seite stehen, nichts zu fürchten brauchen. Auf welchen Distributionskanälen die Ideen künftig vermittelt werden, ist ungewiss; dass die Ideen aber produziert werden müssen – daran wird sich nichts ändern.

M: Genau. Der Inhalt wird auch in Zukunft über den Erfolg entscheiden. Ideen und ein Feu sacré: daraus werden gute Filme gemacht.

 


 

1 Das Leben Heinrich Fueters ist nachzulesen in: Bernhard Ruetz und Susanna Ruf: Heinrich Fueter (1911-1979). Produzent – Unternehmer – Filmpionier. Zürich: Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2012 (Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Bd. 95).

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