Von einem Überlebenden des Estadio Nacional de Chile

Um das Trauma der psychischen und physischen Folter zu überwinden, ist ein Menschenleben zu kurz. Im Traum bleibt oft präsent, was am Tag verdrängt werden kann. Vor dreissig Jahren, im September 1973, wurden im Nationalstadion von Chile 5000 Frauen und Männer über Wochen von den Militärs festgehalten. 1991 besuchte der Autor dieses Beitrags zusammen mit einem der Überlebenden ein Fussballspiel, das an eben diesem Ort ausgetragen wurde.

Erinnerungsnotizen, September 1973: Ich habe Angst. Von überall her dringt das Gebrüll von Männern in meine Ohren. Die Männer erteilen Befehle, und es macht diesen Moment so unwirklich, dass die Herumkommandierten keinen Laut von sich geben. Es ist, als gäbe es sie gar nicht, als gäbe es nur mich, als gälten all diese Befehle nur mir. Ich spüre Hände meine Schultern packen, mich mal in die eine, mal in die andere Richtung zerren, ich spüre Gewehre in meinem Rücken. Ich werde geschlagen. Mit der flachen Hand auf den Hinterkopf, mit Gewehrkolben in die Seite. Plötzlich soll ich stehen bleiben. Irgendwo vor mir brüllt jemand: «Name», ungefähr alle zehn Sekunden. Das Wort hallt nach wie in einer Kathedrale. Alle zehn Sekunden erhalte ich einen Schlag auf den Hinterkopf, als Zeichen, dass ich einen Schritt nach vorne gehen soll. «Name», Schlag, Schritt. Ich will den nächsten Schritt von alleine gehen, warte auf «Name», höre es, mache einen Schritt und stosse an jemanden. Ein Hieb in die Magengrube versetzt mir einen gewaltigen Schmerz, ich kriege keine Luft, mir wird schlecht, ich will zu Boden sinken, da packt mich jemand am Ohr und zieht mich hoch. Er brüllt mir direkt ins Ohr. «Nur bewegen auf Befehl.» Er spricht mich nicht an, ich bin ein Ding, das wie auf Knopfdruck reagieren soll. Er will, dass es funktioniert. Er brüllt «Name», er schlägt es, es geht einen Schritt voran. Es funktioniert. «Name», Schlag, Schritt. «Name», Schlag, Schritt. «Name…» Es wartet auf den Schlag. Was ist? Wo bleibt der Schlag? Es zittert, es wirft den Kopf hin und her, es braucht einen Befehl. Endlich «Name», dann ein Schlag, aber eine andere Stimme direkt ins Ohr: «Verdammt, Name.» Es hat verstanden, es sagt seinen Namen. Es erhält einen Schlag auf den Hinterkopf: «Weitergehen.» Es geht. Schlag auf den Hinterkopf. «Links rum.» Es geht nach links. Schlag auf den Hinterkopf: «Stillgestanden.» Es steht still. Es kriegt die Augenbinde vom Kopf gerissen. Es wird von Tageslicht geblendet. Es kriegt einen Schlag auf den Hinterkopf. «Da hoch gehen und warten, bis der Name aufgerufen wird.» Langsam erkennt es Tribünen, es erkennt Menschen auf Tribünen, es erkennt vor sich einen Rasen, es stolpert Stufen hoch an Sitzreihen und Soldaten vorbei. Es setzt sich. Es begreift: Es ist im Nationalstadion. Es sagt sich: Ich bin so gut wie tot.

Am Morgen des 17. November 1991 wachte der Politiklehrer Manuel Medina aus einem quälenden Halbschlaf auf, seine Gelenke schmerzten, seine Brust war wie von Tauen zusammengeschnürt. Bei Sonnenaufgang war er erschöpft eingeschlafen, nachdem er sich im Bett hin und her gewälzt hatte, doch je mehr er sich zu zwingen versucht hatte, die Erinnerungen an den September 1973 zu verdrängen, desto deutlicher erschienen ihm die Bilder aus dem Estadio Nacional de Chile. Es war wie in den ersten Jahren nach seiner Folter. Wann immer er damals in fiebrige Träume gesunken war, riss ihn das leiseste Geräusch in der Wohnung seines Londoner Exils wieder aus dem Schlaf. Von Krämpfen geschüttelt sass er dann im Bett, besinnungslos vor Angst. In manchen Nächten dachte Manuel Medina darüber nach, seinem Leben ein Ende zu machen. Am späten Abend des 5. November 1977 war er über den Gedanken, ob sein Freitod ein letzter Akt des Widerstandes sein würde oder seine Kapitulation vor der Militärdiktatur in seiner Heimat, in einen tiefen Schlaf gesunken, aus dem er erst am nächsten Morgen erwachte. Auf dem Wandkalender notierte er: 6. November 1977 – Wiedergeburt. Zum ersten Mal seit vier Jahren hatte er eine Nacht überstanden, ohne vom Nationalstadion zu träumen.

14 Jahre später hing der Wandkalender in Manuel Medinas Wohnung in La Reina, einem Vorort von Santiago de Chile. An den Kalender hatte Manuel Medina zwei Eintrittskarten für ein Fussballspiel geheftet. 17. November 1991. Er starrte auf die Karten, starrte auf das Datum, während er versuchte, den Druck aus seinem Kopf zu massieren. «Vielleicht ist es zu früh für mich», sagte er, «vielleicht verkrafte ich es nicht.» Vor zehn Monaten erst war er aus England zurück in seine Heimat gekehrt, sechzehn Monate, nachdem sich das Volk mit knapper Mehrheit gegen die Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet und für Demokratie entschieden hatte. Seither regierte Patricio Aylwin das Land, ein Christdemokrat. Polizei und Militär aber standen nach wie vor unter dem Befehl Pinochets, so, wie es der Diktator als Bedingung für freie Wahlen gefordert hatte.

«Es werden seine Polizisten sein, die beim Fussball für Ordnung sorgen», sagte Manuel Medina am Vormittag dieses 17. November 1991, wenige Stunden, bevor er zum ersten Mal nach 18 Jahren das Nationalstadion von Chile wiedersehen sollte.

«Warum willst du dann dorthin?», fragte ich. «Ich muss.»

Am 11. September 1973, kurz nach Sonnenaufgang, riss General Augusto Pinochet die Macht an sich. Panzer rollten in Santiago ein, Kampfflugzeuge bombardierten den Präsidentenpalast La Moneda, aus dem heraus der sozialistische Präsident Salvador Allende seine letzte Rede ans Volk über den Äther schickte. Minuten später war er tot. Die Sozialisten sagten, er habe sich mit einer Pistole den hereinstürzenden Putschisten entgegengestellt, die Faschisten sagten, er habe sich selbst erschossen. Von da an machten die neuen Machthaber Jagd auf Allendes Anhänger. Hunderte ermordeten sie sofort, Tausende wie den Volkssänger Victor Jara verschleppten sie in Sportstadien, foltern sie, töteten sie, warfen ihre Leichen ins Meer oder verscharrten sie in der Wüste. Frauen demonstrierten auf den Strassen mit Fotos ihrer vermissten Verwandten. Die Bilder aus dem mächtigsten Gefängnis gingen um die Welt. 5000 Männer und Frauen schlossen die Militärs wochenlang auf den Tribünen des Nationalstadions ein. Was in den Katakomben geschah, dort, wo nie ein Fernsehteam filmen durfte, dafür hat Manuel Medina nur ein Wort: Hölle.

Er war so stolz auf dieses Stadion, damals in den 50ern, als die Fifa die Weltmeisterschaft des Jahres 1962 nach Chile vergab. Einen Tag und eine Nacht lang feierte das Volk auf den Strassen. Im Vorgarten ihres kleinen Hauses im Künstlerstadtteil Bellavista hatten Manuels Eltern einen Grill aufgestellt und reichten den Vorbeitanzenden Maiskolben und Hühnerfleisch. Die Zeitung präsentierte auf ganzseitigen Fotos das Modell des 1938 erbauten Nationalstadions, wie es nach der Renovierung aussehen sollte. Manuels Vater hängte die Zeitungsseiten in der Küche auf und sagte: «Wir werden dort sein, wenn Chile Weltmeister wird.» Am Tag der WM-Eröffnung flatterten die Fahnen der 16 Nationen an den Laternenmasten. In den Cafés und in den Häusern drängten sich die Menschen um die Fernsehgeräte, aus allen Fenstern ertönte die Stimme des Radioreporters. 70 000 waren ins Nationalstadion zum ersten Spiel gegen die Schweiz gepilgert. Hunderttausende verstopften die Strassen nach dem 3:1-Sieg Chiles. Von den Autokolonnen stieg Qualm empor, bald waberte dichter Dunst im Andenkessel und legte sich auf die Dreimillionenstadt. Manuel und seine Freunde wälzten sich vor Freude im Vorgarten, als sein Vater zu ihnen kam, sich niederkniete und mit zwei Papierstreifen wedelte. «Schau her, Manuelito, ich habe Karten gegen Italien.»

Der 2. Juni 1962 war der schönste Tag seines Lebens gewesen. Auf einem Meer von Menschen und Fahnen waren sein Vater und er die Allee hinab zum Nationalstadion gezogen, von den Schlachtrufen, die zwischen den in Landesfarben geschmückten Häusern hin und her hallten, dröhnten ihm bereits am Stadioneingang die Ohren. Männer knieten vor ihren Fahnen und beteten, Volksmusik schepperte in den Lautsprechern, der Duft von gebrannten Mandeln lag in der Luft. Vor ihnen ragte das schönste Fussballstadion der Welt empor, und als erklommen sie den Himmel, stiegen sie langsam die steile Treppe hinauf. Mit jeder Stufe pochte Manuels Herz ein bisschen mehr, und wie sie durch den schmalen Eingang aus dem dunklen Schatten hinaus traten ins gleissende Sonnenlicht, in dem die 70 000 rot, blau und weiss schimmerten, und Manuel endlich die chilenischen Spieler auf dem leuchtenden Rasen erblickte, da traten ihm vor Ergriffenheit Tränen in die Augen. Chi-Chi-Chi-le-le-le, immer wieder setzte dieses ohrenbetäubende Staccato ein, und Manuel schrie es jedes Mal so brustzerreissend mit, dass er am Abend keinen Ton heraus bringen konnte. Zwei Italiener wurden unter grossem Jubel des Feldes verwiesen, zwei Tore schoss Chile, worauf der Vater Manuel umklammerte, damit dieser von keinem der Männer, die das Gleichgewicht verloren hatten und die Tribünenreihen hinunterstürzten, mitgerissen werden konnte. Chile war im Viertelfinale. Sekunden nach dem Abpfiff setzte irgendwo im Stadion eine Gruppe zur Nationalhymne an. Vom zweiten Takt an sangen alle mit. Als sie das Stadion verliessen, sah Manuel, wie Männer die Säulen des Stadions küssten. Da küsste er sie auch. Den 2:1-Sieg gegen die Sowjetunion im Viertelfinale erlebte er am Radio mit. Endlich wartete das grosse Brasilien – im Halbfinale. Die Männer auf den Plätzen und in den Bars waren sich einig: Es würde das eigentliche Endspiel werden. Dann die Tragödie, Brasilien schlug Chile 4:2. Wie konnte das passieren? Wie konnte Chile im Nationalstadion verlieren? Brasilien wurde drei Tage später Weltmeister, 3:1 gegen die Tschechoslowakei. Der Erzfeind nahm den Weltpokal in Empfang, im Nationalstadion von Chile.

«Ich war so enttäuscht von unserem Nationalstadion. Es hatte uns im Stich gelassen, uns, die wir es gebaut, geliebt und verteidigt hatten. Ich war entschlossen, nie mehr dorthin zu gehen. Mein Vorsatz hielt fünf Jahre, bis zu einem Spiel gegen Peru. Ich hasste das Stadion inzwischen nicht mehr, ich küsste es aber auch nicht mehr. Niemand küsste es mehr.»

Manuel Medina sass am Küchentisch und trank die fünfte Tasse Tee. Auf 14 Uhr standen die Zeiger der Wanduhr. Zwei Stunden noch bis zum Anpfiff des Spiels Universidad de Chile gegen Cobreloa, zweier Mannschaften, für die es um die letzte Chance ging in der Meisterschaft 1991. Manuel war gleich, wer gewinnen würde. Als Jugendlicher hatte er für Universidad geschwärmt, für LaU, wie sie den Traditionsverein nennen. LaU trägt die Farben der Nationalmannschaft, rote Trikots, blaue Hosen, weisse Stutzen. Weil aber LaU seine Heimspiele im Nationalstadion austrägt, ist Manuels Liebe verflogen.

«Die haben da kurze Zeit nach dem Putsch wieder gespielt. Die haben sich in Räumen umgezogen, in denen Menschen ermordet wurden. Die Fans haben Schlachtgesänge angestimmt auf den Rängen, auf denen Menschen ihrem Tod entgegen gebangt haben. Die Spieler jubelten auf dem Rasen, auf dem Soldaten patrouilliert waren. Für mich ist dieser Klub gestorben. Aber so widersprüchlich es sein mag: Ich glaube, dass ich die Rückkehr in dieses Stadion nur bei einem Fussballspiel ertrage.»

«Warum musst du dorthin?», fragte ich. «Neulich sagte ein Freund, ich wolle mich vermutlich mit diesem Ort versöhnen. Vielleicht ist es so, ich aber habe ihm geantwortet: Ich kann nicht den Rest meines Lebens einen Bogen um dieses Stadion fahren. Dafür sind die Busse von Santiago zu teuer.»

Um von La Reina zum Nationalstadion zu gelangen, muss der Bus auf der breiten Nord-Süd-Achse durch Santiago fahren, auf halber Strecke in den Stadtteil Providencia abbiegen und diesen durchqueren, bis er schliesslich den Stadtteil Nunoa erreicht. Die Fahrt dauert eine Dreiviertelstunde. Manuel starrte aus dem Fenster. An den Haltestellen beobachtete er die Fans von LaU, wie sie grölend in den Bus stiegen. Zuweilen schien es, als läge Abscheu in Manuels Augen, dann wieder wirkte er abwesend, als tauchte er ein in das Rot der Trikots. An uns vorbei zogen gerade die Villen Providencias, da nuschelte Manuel plötzlich etwas vor sich hin, laut genug, dass ich es trotz der Gesänge um uns herum hören konnte.

«Alles klar mit dir, Manuel?» «Das ist die Strasse, auf der ich 1962 an der Hand meines Vaters zum Stadion gelaufen bin. Diese Strasse war für mich der Weg zum Glück.»

«Warst du niemals mehr hier?» «Nicht, seit ich aus dem Exil zurück bin. Ich habe eben überlegt, ob wir diese Strasse auch gefahren kamen, als wir mit den Militärlastwagen ins Stadion gebracht wurden. Sie hatten uns die Augen verbunden. Wir durften nicht sprechen, also hörte ich nur den Verkehr und unser Keuchen. Mein Nebenmann zitterte am ganzen Leib, irgendwann schnappte er nach Luft, als würde er ersticken. Dann hörte ich einen Soldaten fluchen, kurz darauf einen dumpfen Schlag, wie mit einer Eisenstange auf morsches Holz. Plötzlich war Ruhe. Als wir nach draussen geführt wurden, hörte ich, wie der Mann zur Seite sackte. Da ging es dann los, dass ich an mein Leben zurückdenken musste. Manchmal hörte ich in mir die Stimmen meiner Familie, und jedes Mal erschrak ich, weil ich meine Erinnerungen wie einen Abschied verstand. Das Schlimme an der Erniedrigung ist nicht, dass sie dich behandeln wie einen Hund. Das Schlimme ist, dass du fühlst wie ein Hund. Ein Hund spürt, wenn es mit ihm zu Ende geht. Das lähmt, das ist nicht gut. Ich frage mich gerade, auf welcher Höhe dieser Strasse sie meinen Nebenmann erschlagen haben.»

«Kanntest du den Mann?» «Ich wusste nicht, wer mit mir im Lastwagen sass, ob es meine Leute waren. Wir waren da schätzungsweise zu sechst, bewacht von vielleicht vier Soldaten. Die waren ja mit vier Lastwagen und fünf oder sechs Militärjeeps gekommen. 40 Mann waren die, ganz bestimmt. So fuhren die durch Santiago und luden Menschen auf wie Frachtgut. Die machten das auffällig, am helllichten Tag. Das gehörte zur Einschüchterungstaktik. Es wusste ja alle Welt, was bei uns los war. Die Soldaten erschossen eines Abends sogar einen ausländischen Kameramann, mitten auf der Strasse. Die trieben Leute von der Strasse, Leute, die die Sperrstunde nicht eingehalten hatten. Wie wild schossen die um sich. Dieser Kameramann filmt das, und plötzlich zielt ein Soldat auf ihn und – peng – sieht man, wie die Kamera zu Boden geht. Die filmte das alles weiter. Der Mann war tot. Ich habe die Aufnahmen in England gesehen, die gingen um die Welt. Verstehst du, die schämten sich für nichts. Ich sah einmal, wie sie nahe der Universität einen Keller aushoben und drei Genossen abführten. Ein Genosse rief: Viva Allende, viva la revolucion. Da schlugen sie ihn halbtot, und wir standen da und fühlten uns so wehrlos. Um uns herum blieben Passanten stehen und applaudierten, einige riefen: Bringt sie um, diese Kommunisten.»

Der Bus hielt. Wir quetschten uns zum Ausgang. Kaum auf der Strasse, riss uns ein Menschenstrom mit sich. Von überall her donnerten Trommelschläge, Trillerpfeifen und Hupen schmerzten wie Nadelstiche in den Ohren, und plötzlich sah man sie hinter einer grossen Strassenkreuzung auftauchen: die Front des Nationalstadions, dessen Grau sich wie eine Festung vor uns auftürmte. Auf den Bürgersteigen reihten sich Polizisten Schulter an Schulter, einige trugen ihr Visier offen, einige verbargen ihre Gesichter hinter undurchdringlichem Schwarz. Kräftige Kerle, die sich mit Schals vermummt hatten, warfen aus der Mitte des Menschenstroms Steinchen nach ihnen. Vor uns geriet die Masse in Wallung, weil vier Polizisten sich mit nach vorne gehaltenen Knüppeln einen Pfad bahnten. Sie packten zwei Burschen an den Kapuzen ihrer Sweatshirts und zogen sie hinter sich her zurück zum Bürgersteig. Einer der Jungen fiel zu Boden, ein Polizist trat ihm in die Rippen. Ein gellendes Pfeifkonzert hob an, worauf einige Polizisten, Knüppel schwingend, einen Schritt vorpreschten. Wie scheue Tiere wichen wir zurück. Nahe des Stadions stieg schwarzer Rauch auf, Sirenen heulten. Vor uns versammelten sich immer mehr Polizisten. Mit ihren Schilden bildeten sie enge Gassen, durch die wir Richtung Haupttor geleitet wurden. Ständig wurden wir von hinten oder von der Seite gegen die Schilde geschubst, jedes Mal stiessen uns die Polizisten mit Gewalt zurück in die Spur. Manuel ergriff meinen Arm und zog mich zwischen zwei Polizisten hindurch in einen von Gittern abgesperrten Gang. Über die Gitter hinweg bellten uns Polizisten Anweisungen entgegen. Manuel musste seine Jacke ausziehen. Ein Polizist durchsuchte die Taschen. Vor zwei anderen Polizisten musste sich Manuel breitbeinig hinstellen und sein Hemd hochziehen. Während der eine die vielen Narben auf Manuels Körper betrachtete, tastete der andere Manuel ab und griff ihm dabei fest zwischen die Beine. Dann winkte er ihn durch. Mich liess er mit höflicher Geste passieren. Wir standen vor dem Nationalstadion, und Manuel schwieg. Es gibt Fotos von den Wochen nach dem Putsch. Unter dem Vorbau richten Soldaten ihre Maschinengewehre auf Männer, die in Schlangen stehen, ihre Augen verbunden, ihre Arme hinter den Köpfen verschränkt. Auf manchen Fotos sieht man Gefangene bäuchlings vor der Stadionrückwand liegen, ihre Hände auf den Rücken gefesselt, ihre Gesichter im staubigen Boden. Ob Manuel auch hier stand, ob er auch den Dreck einatmen musste? Ich traute mich nicht zu fragen. Wir waren an unserem Aufgang angelangt. Manuel blieb stehen vor den steilen Stufen, an deren Ende man tatsächlich nur das Blau des Himmels leuchten sieht. «1962 ist 30 Jahre und ein Militärputsch her», sagte er, «aber es ist wie damals.» Dann gingen wir den schattigen, kühlen Aufgang hoch, langsam, bestimmt 60 Stufen. Auf der Drittletzten, als die einfallenden Sonnenstrahlen uns blendeten, hielt Manuel erneut inne. «Also dann!» Es klang wie ein Stossseufzer, und plötzlich eilte er los, hinaus auf die Tribüne, die Stufen hinab, in unsere Sitzreihe hinein, bis zu seinem Platz. Da sass er nun, rupfte nervös kleine Fetzen aus seiner Eintrittskarte, hustete unentwegt, während er den Kopf ruckartig mal nach links, mal nach rechts drehte und die Augen zusammenkniff, als erwartete er jeden Augenblick jemanden Bestimmtes aus dem grellen Licht schreiten. Das Stadion wirkte kleiner als auf den Fotos von der WM 1962, das Spielfeld näher. Unten wärmten sich die Spieler auf. In der Kurve unter der Anzeigetafel wackelte die Masse der Hartgesottenen wie Teig, schwenkte Fahnen, sang Lieder, Leuchtkugeln sausten in den Himmel. Die anderen Tribünen waren nur zu einem Viertel besetzt. Kurz vor dem Anpfiff lagen die Bänke vor uns wie abgenagte Rippen.

«Ich glaube, ich sass die meiste Zeit ganz in der Nähe unseres Blocks», sagte Manuel, «vielleicht sogar genau hier. Die Anzeigetafel war links von mir, wie heute. Da, diese Andenkette hinter der Stadt, dort hinüber habe ich den ganzen Tag gestarrt. Am Tag hat man kaum mit den anderen geredet, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, verhielt man sich still.»

«Wie viele wart ihr hier?» «In unserem Block vielleicht 300, bewacht von 50 Soldaten, die mit ihren Maschinengewehren ständig auf uns zielten. Bei der kleinsten Bewegung wurden die nervös, vor allem nachts. Da strahlten sie dich mit ihren Suchscheinwerfern an, während du auf und ab liefst, um die Kälte aus den Knochen zu vertreiben. Es gab Genossen, die litten unter hohem Fieber. Ein Alter ist irgendwann gestorben, einfach so. Ein anderer sagte: Wer weiss, was dem armen Teufel erspart geblieben ist. Manchmal hörten wir Maschinengewehrsalven von unten aus den Katakomben.» «Woran dachtest du in diesen Momenten?» «An die Familie, an mein Mädchen, daran, dass ich sie nie wieder sehen würde. Die führten am Tag drei Leute aus unserem Block, und nie kam einer wieder. Ich war überzeugt, dass alle ermordet wurden, dass auch ich in diesem Stadion sterben würde.»

«Wie hast du diese Gewissheit ertragen?» «Ich weiss es nicht, vielleicht steckten die anderen mich mit ihrer Hoffnung doch irgendwie an. Da gab es einen Mann namens Heraldo, einen Zeitschriftenhändler, der jeden Tag die Hälfte aller Mercurios mit in seinen Keller genommen und verbrannt hatte. Irgendwann erwischten sie ihn. Der Mercurio war wichtig für sie, er machte Propaganda für Pinochet. Heraldo gehörte zu den fünf Männern, deren Anschrift ich kannte und die meinen Namen kannten, damit im Fall, dass einer von uns überlebte, er den Familien Bescheid sagen konnte. Heraldo war 45, verheiratet und hatte vier Kinder. Sein Ältester, Sebastiano, war in meinem Alter.»

«Du erinnerst dich an den Namen des Jungen?» «Ich werde ihn nie vergessen. Nachts bin ich zu Heraldo geschlichen und habe mir von seinem Sohn erzählen lassen. Und da erzählte mir Heraldo, wie er mit Sebastiano bei einem Länderspiel im Nationalstadion gewesen war und wie glücklich Sebastiano hier gewesen war. Begreifst du, wie ich damals mit meinem Vater. Und dass er, Heraldo, sich vorstelle, dass die Soldaten auch Söhne hätten, mit denen sie hierher zum Fussball gegangen seien, und es ihnen deshalb doch unmöglich sein müsste, hier, wo ihre Kinder gelacht hätten, Menschen zu erschiessen. Ich werde den Soldaten von Sebastiano erzählen, sagte Heraldo. Er war überzeugt, dass sie ihm dann nichts tun würden.» «Was ist aus Heraldo geworden?» «Er ist drei Tage vor mir abgeführt worden, seither ist er verschwunden.» «Hast du Heraldos Familie besucht?» «Ich telefoniere mit ihr, ich fühle mich noch nicht in der Lage, sie zu besuchen. Da bohrt diese Frage in mir: Warum ist Heraldo tot und lebe ich? Wie soll ich mit dieser quälenden Frage unter Sebastianos Augen treten, unter die seiner Mutter? Ich druckte Flugblätter, wir wollten Pinochet ermorden. Und diesen kleinen Zeitungsverkäufer bringen sie um. Kannst du mir den Sinn erklären?»

Ich antwortete nicht. Manuel nickte mit dem Kopf Richtung Spielfeld, wo die Mannschaften von LaU und Cobreloa nun den Anpfiff erwarteten. «Mach’ dir nichts daraus», sagte er, «keiner kann mir das erklären.»

Während des Spiels redeten wir kaum. Um uns herum wurde gelacht und geflucht, aus dem Block der Hartgesottenen zischten Leuchtkugeln auf des Gegners Tor zu, worauf vor ihnen eine Hundertschaft in Stellung ging und mit Knüppeln auf das Stacheldrahtgitter schlug, im immergleichen, nervtötenden Takt. Als der Schlusspfiff ertönte und die 18 000 das Stadion verliessen, blieb Manuel sitzen. Marschmusik schepperte seltsam fern aus den Lautsprechern, von der Strasse geisterten letzte Gesänge zu uns hinüber; es war, als wären die Stimmen im Stadion gefangen geblieben. «Wie geht es dir?», fragte ich.

«Ich höre die Maschinengewehre und dieses dunkle Grummeln auf den Rängen. Ich sehe die von Verzweiflung verzerrten Gesichter der Gefangenen, die unsicheren Gesichter dieser Milchbärte, die unter ihren Soldatenhelmen so einschüchternd dreinzublicken versuchten wie ihr Chef. Unseren Block befehligte einer, den wir den Spanier nannten, weil er stolz wie ein Torero die Brust reckte und verächtlich auf jeden herab sah, der an ihm vorbei nach unten geführt wurde. Er ist heute bestimmt ein feiner Herr. Er wohnt in einer Villa in Providencia, sonntags geht er in die Kirche und anschliessend zum Fussball. Dann sitzt er da drüben, nahe der Ehrenloge, und streichelt das Köpfchen seines Sohnes. Und sein Söhnchen sagt: Das ist ein tolles Stadion, Papa. Er lächelt und sagt: Ja, es ist unser Nationalstadion.»

Am Abend des 17. November 1991 verliess Manuel Medina ein letztes Mal das Estadio Nacional de Chile. Auf der Allee Richtung Providencia trennten sich unsere Wege. «Ich will jetzt allein sein», sagte er zum Abschied. Zwei Tage später sagte er, er habe auf dem Weg zum Stadiontor für einen Moment daran gedacht, auf eine der Säulen zu spucken, es aber sein gelassen, weil er fürchtete, lächerlich zu wirken.

Erinnerungsnotizen, Oktober 1973. Ich friere erneut und bin traurig. Heraldo fehlt mir. Ich will mich hinlegen, versuchen, ein wenig zu schlafen, da höre ich meinen Namen. Ich schnelle hoch und lausche. Es ist ruhig, aber die anderen im Block schauen sich um, so, wie ich es immer tue, wenn ein mir fremder Name gerufen wird. «Medina, Manuel!» Da, wieder. Mein Name. Augenblicklich weicht jede Kraft aus mir, Gedankenfetzen jaulen wie Sirenen in meinem Kopf. Ich schaue hinüber zu den Anden, vor ihnen tauchen Bilder auf, die Familie, mein Mädchen, die WM 1962. Angst befällt mich und macht mir noch mehr Angst, meine Beine könnten jetzt versagen. Ich stehe langsam auf, wanke auf die Soldaten zu. Ich blicke in die Gesichter anderer Mitgefangener, manche flüstern mir

zu. «Viva Allende, Genosse», «Gott sei mit dir, Bruder». Ich bin kein Held, verdammt. Ich will nicht sterben, ich will keine Schmerzen erleiden müssen. Aber ich muss stillhalten, wir haben es uns geschworen. Kein Verrat. Der Soldat vor mir entsichert und brüllt: «Manuel Medina?» Ich nicke. Ich muss vorausgehen, vorbei am Spanier. Ich gehe die Stufen hinunter dem Spielfeld entgegen. Unten öffnen Soldaten das Tor. Ich trete auf die Laufbahn. Es ist so ruhig, dass ich meine schlurfenden Schritte höre und die stapfenden Stiefel des Soldaten hinter mir. Nach dem Viertelfinalsieg gegen Italien drehten sie hier ihre Ehrenrunde. Wie infernalisch laut muss der Lärm gewesen sein, den wir da oben veranstaltet haben. Wie eine Höhle liegt vor mir nun der Gang, aus dem sie damals hinaus unter die Sonne und 70 000 Augenpaare traten. Ich verschwinde im Schwarz. Ich sehe ein Licht. Ich gehe darauf zu. Es wird heller. Ich höre Stimmen und Stechschritte. Ich warte auf den ersten Schrei. Ich nehme mir vor, nicht zusammen zu brechen. Plötzlich stehe ich in kaltem Licht. «Rechts rum», brüllt der Soldat hinter mir. Ich biege in den Kabinengang ein. Soldaten lehnen an der Wand und unterhalten sich. Keiner von ihnen sieht zu mir herüber. «Gesicht geradeaus», brüllt der Soldat hinter mir. Der Kabinengang ist lang. Hier fielen sie sich vor Glück in die Arme, hier weinten sie voller Enttäuschung. Diese Angst, diese unglaubliche Angst. Meine Knie werden weich. Ich darf nicht schreien, ich darf nicht umkippen. Der Kabinengang ist so schrecklich lang. «Links rein», brüllt der Soldat. Eine Tür steht offen. Ich gehe in einen matt beleuchteten Raum. In der Mitte steht ein Stuhl mit Ledergurten daran, in der Ecke eine Liege mit Ledergurten. Unter mir, über mir, an den Wänden, überall sind weisse Kacheln. Ich sehe Duschköpfe. Hier haben sie gesungen, hier verspritzten sie Sekt. An zwei Duschköpfe sind Schläuche geschraubt. «Hinsetzen», brüllt der Soldat. Zwei weitere Soldaten kommen herein, zurren mich am Stuhl fest, knebeln mich. Eine Stehlampe wird nahe an mich heran getragen. Sie blendet mich. Die Tür knallt zu. Es ist totenstill. Ich schliesse die Augen. «Augen auf», brüllt jemand aus der Ecke. Ich starre ins Licht. Ich starre eine Ewigkeit ins Licht. Ich nenne es in Gedanken Lebenslicht. Sie schlagen mir ins Gesicht, ich falle in Ohnmacht, ich wache auf und schaue ins Lebenslicht. Sie ziehen mich aus, jagen mir Stromstösse durch Hoden und Penis, ich falle in Ohnmacht, wieder bei Besinnung, leuchtet mir das Lebenslicht. Sie halten mir eine Pistole an den Kopf, es klickt, ich falle in Ohnmacht, das Lebenslicht strahlt. Sie stellen tausendmal dieselben Fragen, sie treten mich, bis ich mit dem Stuhl umkippe, sie brechen mir den Arm, sie drücken ihre brennenden Zigaretten in seine Haut. Es funktioniert nicht. Es weiss nicht mehr, wer es ist. Sie sagen, dass es Manuel Medina heisst, und dass es ein Mädchen hat, und dass das Mädchen jetzt bei ihnen ist. Sie erzählen, wie sie das Mädchen vergewaltigen. Sie sagen, seine Mutter hätten sie auch. Aber es weiss nicht, was das mit ihm zu tun hat. Es ist nichts mehr ausser Schmerzen und Licht. Es hasst das Licht. Es wird losgebunden. Es muss aufstehen. Es steht auf, fällt hin, steht wieder, geht zwei Schritte, fällt hin. Es steht wieder auf, sie packen es, schleifen es durch den Kabinengang. Sie verbinden ihm die Augen. Endlich kein Licht mehr, endlich sterben. Sie schleifen es um eine Ecke. Es spürt milde Nachtluft auf dem Körper. Es hört einen laufenden Motor. Es muss auf ein Trittbrett steigen und sich auf eine Bank setzen. Es spürt den Motor, es spürt die Strasse. Wohin? Warum? Es kriegt Angst. Wo ist das Lebenslicht? Sie bringen mich um. Der Wagen hält. Ich muss aussteigen, ich stürze vom Trittbrett, sie schleifen mich Stufen hinauf, einen Gang entlang. Ich will nicht sterben. Ich will schreien. Der Knebel bricht mir fast den Unterkiefer. «Ganz ruhig», sagt eine Stimme. Sie werfen mich auf eine Matratze. Sie nehmen mir die Augenbinde ab. Sie lösen den Knebel. Ich keuche. Die Tür fällt ins Schloss. Es ist dunkel. Ich zittere, ich weine, ich kann nicht schreien, die Schmerzen rauben mir den Atem. Ich schlafe ein. Ich wache auf. Dunkel. Ich brenne, ich spüre Ratten an mir nagen, Messer mein Fleisch aufreissen. Ich schlafe ein. Ich wache auf. Tageslicht dringt durch ein winziges Fenster oben an der Decke. Ich brenne immer noch. Ich sehe an mir herab, sehe entzündetes Fleisch, sehe blutende Furchen, dreckige Krater, einen grotesk verbogenen Arm. Ich schliesse die Augen. Ich sehe die Bilder zu den Wunden. Ich sehe, was ich gar nicht sehen konnte. Ich versuche zu trennen: Ich sah das Licht, die Duschen, den Kabinengang. Ich muss die Bilder zu den Wunden geträumt haben. Ich bin erleichtert. Ein Traum, nur ein Traum. Dann entsetzt. Träume. Ich werde da sein. Mein ganzes Leben lang. Jede Nacht. Im Nationalstadion.

Mark Obert ist Redaktor bei der Frankfurter Rundschau.

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