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Von der Mutter- zur Stiefmuttersprache

Mit der St. Galler Lyrikerin Dragica Rajcic stellen wir in der vierten Folge des Fokus «Chamisso-Preis» eine weitere, in der Schweiz lebende Preisträgerin der seit 1985 jährlich vergebenen Auszeichnung vor.

Dragica Rajcic stellt in der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik schon allein deshalb eine Besonderheit dar, weil sie ihre Gedichte in einer «fehlerhaften», von den grammatikalischen und orthographischen Normen abweichenden Sprache verfasst und auch so veröffentlicht. Obwohl die in Kroatien geborene, in der Schweiz ansässige und mit dem dürftigen Label «Migrantenschriftstellerin» nicht zu fassende Rajcic fliessend Deutsch spricht, betont sie immer wieder, dass die «Fehler» (die sie auch nicht korrigieren lässt) in ihren Gedichten kein Stilmittel seien: «Bis ich wirklich die Sprache beherrsche, dass ich Schriftsteller sein könnte, ist mein Leben vorbei.»

Ganz ist solch pragmatischen Aussagen nicht zu trauen. Denn der Verzicht auf grammatikalische und orthographische Korrektheit bringt allzu häufig einen poetischen Mehrwert, zeigt ungeahnte Verbindungen von Wörtern und Konzepten, öffnet fruchtbare Assoziationsfelder – etwa, wenn in «trene» sowohl Träne als auch trennen anklingt, oder wenn die Kleinschreibung der für den Heimatdiskurs so oft zitierten «wurzeln» aus dem statischen Substantiv ein Verb macht, das auf das ständige Neuverhandeln, die Vorläufigkeit und Unsicherheit dieses Verwurzelungsprozesses hinweist. Eine Zweideutigkeit, die an Jorge Luis Borges Entwurf von Tlön erinnert, eines Kosmos ohne Substantive, in dem die Dinge dazu «neigen […], undeutlich zu werden» weil die präzise Benennung in Frage gestellt wird, die Hauptwörter zu leisten vorgeben. So protestiert Rajcics Lyrik nicht nur gegen Assimilation, gegen ein gefordertes Einbindenlassen, das lediglich auf die Negation und Aufgabe von Differenz abzielt, sondern sie besteht auf Freiheit. Durch die Verwendung einer alternativen, ver-fremdeten Form und Sprache, eines peripheren und oppositionellen Deutschs, schafft Rajcic ein Bewusstsein von Ambiguitäten und Widersprüchlichkeiten in vorgeblich geschlossenen Majoritätsdiskursen, erhebt Dissonanz zum Stilprinzip und leistet so auch Widerstand gegen vereinheitlichende Nationalkulturen. Das ist natürlich auch politisch, und so setzt Dragica Rajcic auf dem Feld der Lyrik direkt Jean-Luc Godards bekannte Forderung um, «keine politischen Filme, sondern Filme politisch zu machen».

Paradigmatisch ist die Entwicklung der Titel von Rajcics Gedichtbänden. Betont ihr literarisches Debüt in deutscher Sprache, «Halbgedichte einer Gastfrau» (1986), noch den fragmentarischen, vorläufigen und nicht dem klassischen Ideal von Gedichten entsprechenden Charakter ihrer Lyrik, verrät es schon, aus welcher Perspektive das Buch geschrieben ist, ironisiert es aber auch die Vorstellung, eine «Gastfrau» könne ja eigentlich überhaupt keine Gedichte schreiben, so ist «Lebendigkeit Ihre züruck» (1992) wegen der plakativen, auf Fremdheit verweisenden «Fehler» ein Beispiel für gelebte Differenz («ich behalte mir das Vorecht / fremd zu sein» heisst es dort in «Meine Vorzüge Ihnen gegenüber». Und dem unbestimmten «Post Bellum» (2000) folgt mit dem «Buch von Glück» (2004) ein subtiler Hinweis auf Rajcics Zwischenposition, darauf, dass hier bewusst Regeln gebrochen werden.

Gerade diese gelebte Ungleichheit vor dem Hintergrund angeblicher Integration, das Kenntlichmachen von und Bestehen auf Differenzen, oder der Versuch, die homogene und dadurch ausschliessende Narration einer zeitlosen Nation durch normabweichenden Sprachgebrauch zu unterlaufen, sind Charakteristika der Rajcicschen Lyrik. Hier macht jemand auf sich aufmerksam, der als Flüchtling und Ausländerin eigentlich keine Stimme im öffentlichen Leben hat, kommt zur Sprache, versucht, der Fremdbestimmung eine Selbstbestimmung entgegenzusetzen. Fragestellungen nach den Wechselwirkungen zwischen Welt und Ich, zwischen Eigenem und Fremdem, stehen dabei im Zentrum der Auseinandersetzung der Dichterin mit der polyvalenten Realität, die sie umgibt.

Besondere Bedeutung im Gesamtwerk Rajcics kommt ihren poetologischen Gedichten zu, diesen Thematisierungen und Wertungen des eigenen Schreibens, die auf die Schwierigkeit und gleichzeitig Unerlässlichkeit verweisen, Vertrauen in die Sprache zu finden. Ohne das Ringen mit ihrem Material zu simplifizieren, nimmt Rajcic den Raum zwischen Schreiben und Schweigen, zwischen Stellungbeziehen und Verstummen zum Ausgangspunkt einer sprachkritischen Reflexion, an deren Ende Gedichte stehen, die inhaltlich und formal traditionelle Grenzen überschreiten. Fremdheit, sowohl soziale als auch nationale oder sprachliche, wird so nicht nur begründet und akzeptiert, sondern dekonstruiert und relativiert, indem sie als universelles/r W/ort entworfen wird. Und gerade weil «Das Publikum weiss/das vor ihnen eine sitzt/wo sich auf Umwegen daran macht/aus ihre Sprache/stifmuter zu machen» («Buch von Glück»), stellt Rajcics Literatur eine Herausforderung an jene dar, die «Überschaulichkeit», Eindeutigkeit und «Einordentlichkeit» als wesentlich erachten.

JENS NICKLAS, geboren 1972, ist Germanist und arbeitet als Kulturjournalist und Filmkritiker in Innsbruck.

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