Von der Kunst, den «Grünen Heinrich» zu lesen. Folge 4

Das Glück des Wissens 1853 schrieb Gottfried Keller an einen Freund: «Ich habe gesehen und gestaunt, wie schlecht und unfähig die Produkte anderer Leute gelesen werden.» Trotz dieser pessimistischen Einschätzung Kellers wurden beide Fassungen des «Grünen Heinrichs» offenbar gut und fähig genug gelesen, um inzwischen zur Weltliteratur zu zählen. Von der Kunst, Gottfried Keller zu lesen, handelt auch eine diesjährige Vorlesung am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Wie der Zürcher Germanist Karl Wagner im folgenden erläutert, liegt der Reiz des Romans auch darin, dass er die Wissenschaft und deren Vermittlung literarisch verarbeitet und dabei auch für ein Wissen zuständig wird, von dem die Wissenschaft selbst nichts weiss.

Gottfried Keller wurde 1862 von Hermann Hettner aufgefordert, einen Beitrag für das erste Heft einer neuzugründenden Zeitschrift «Kritische Jahrbücher der Wissenschaft und Kunst» zu verfassen. Weder die Zeitschrift noch der Beitrag sind jemals erschienen. Was von diesem Projekt geblieben ist, ist eine Äusserung Kellers, in der er sich nicht zu den «streng Gelehrten», allenfalls «zu den gewöhnlich Gelehrten und Nichtbelletristen» rechnet. Er fügt aber an: «Die Hauptsache ist am Ende, dass es einem Ernst damit ist und man etwas Durchdachtes vorzubringen habe, was am Ende immer Wissenschaftlichkeit ist» («Briefwechsel Keller/Hettner», hrsg. J. Jahn, 1964). Möge es so sein.

Heutzutage versteht die Literaturwissenschaft unter «Wissen» das Resultat einer Ausdifferenzierung, die im Gefolge der kulturwissenschaftlichen Öffnung der Literaturwissenschaft und der einzelnen Nationalphilologien entstanden ist. Es handelt sich also um einen Fall von Spezialisierung und Präzisierung im Rahmen einer wie auch immer zu bestimmenden Verknüpfung von «Literatur und Kultur» oder, je nach Präferenz, einer speziellen «Poetik der Kultur». Historisch betrachtet, handelt es sich dabei um ein veritables Erbe des 19. Jahrhunderts, ein Erbe, das allerdings in den deutschsprachigen Ländern besonders schlecht bewahrt wurde, im Unterschied zu England, wo die Berührungsängste zwischen «science» und «literature» längst höchst lebendigen interdisziplinären wie auch komparatistischen Austauschbeziehungen gewichen sind, die sich durch ergiebige Forschungserträge legitimieren.

Das Erbe von «Literatur und Kultur», insbesondere von «Kulturwissenschaft», ist in Deutschland aus mehreren Gründen schlecht bewahrt worden. Erstens aus antisemitischen Gründen, da die Völkerpsychologie (= Sozialpsychologie) und Kulturwissenschaft des Juden Moritz Lazarus nicht zur Kenntnis genommen wurde, ohne die etwa die kulturwissenschaftlich orientierte Soziologie Georg Simmels nicht denkbar wäre. Zweitens aber auch durch die Weigerung der Germanistik, nichtfiktionale Prosa und Essayistik des 19. Jahrhunderts zu studieren. Dazu gehörten etwa die «Kleinen Schriften» des Keller-Freundes Hermann Hettner und anderer, wie Viktor Hehn, Herman Grimm oder Jacob Burckhardt. Drittens wegen der Vernachlässigung der literarischen Medien des 19. Jahrhunderts – Zeitschriften, Kalender oder Familienblätter –, die von eminenter Bedeutung für die Distribution und Transformation zeitgenössischen Wissens waren und eine Vorstellung geben könnten von einem Literaturbegriff, der mit dem heutigen nicht zur Deckung kommt. In einem frühen programmatischen Aufsatz, «Verdichtung des Denkens in der Geschichte», von 1862 merkt Moritz Lazarus über «Auerbach’s Volkskalender für 1861» folgendes an, der Kellers «Fähnlein der sieben Aufrechten» enthält: «Der gesammte Inhalt des diesjährigen Kalender kann in literarischer Hinsicht als ein Zeichen der Zeit angesehen werden. Im Anfang des Jahrhunderts brachten die Kalender Gedichte, Novellen, Romänchen und dgl., später häuften sich die naturwissenschaftlich populären Belehrungen; in dem vorliegenden Heftchen, in acht verschiedenen Gaben (zwei Geschichten von Auerbach, eine von G. Keller, Weltgeschichte im Dorfe von [Berthold] Sigismund, Brief eines Turners … sind sowohl die Erzählungen als die Betrachtungen ohne Ausnahme der Art, dass man sie am besten als ‹culturhistorische› bezeichnet.»**

Mit Blick auf England wäre daran zu erinnern, dass Charles Dickens ab 1850 eine Familienzeitschrift wie «The Household Worlds» herausgab, mit Artikeln über Chemie, Atmung oder den Hippopotamus, durchmischt mit Fortsetzungsromanen. Oder, intellektueller, die Zeitschrift «Westminster Review», die in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts eine Rubrik «contemporary literature» hatte, wo Rezensionen zu Werken der Theologie, Philosophie, Politik, Soziologie, Naturwissenschaften oder Geschichte erschienen – eine Zeitlang unter der redaktionellen Leitung einer Schriftstellerin, die zugleich die erste europäische Intellektuelle von Rang werden sollte: George Eliot. Einer der einflussreichsten englischen Essayisten des 19. Jahrhunderts, Matthew Arnold, schreibt 1882 in einer Replik auf Thomas Henry Huxleys «Science and Culture» (1880): «Literature is a large word; it may mean everything written with letters or printed in a book. … All knowledge that reaches us through books is literature.» Dieser für uns überraschende Literaturbegriff besagt nun nicht, dass damit die Unterschiede zwischen Literatur und Wissenschaft…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»