Von der Harmoniesucht

Die Gemeinschaft der Konformisten und Wohlgesinnten wacht über den öffentlichen Diskurs. Hinter vorgeschobener Sachlichkeit verbirgt sich jedoch häufig Feigheit. Sie kuscht vor der Macht – und verbündet sich mit ihr.

Er meidet jeden Streit. Bei Angriffen weicht er aus, duckt ab, sucht zu verschwinden. Entbrennt ein Zwist, gibt er Fersengeld. Wittert er Widerspruch, flüchtet er in Zustimmung. Ist die Lage unentschieden, wartet er ab, bis alle beigepflichtet haben. Im sicheren Versteck harrt er aus, bis sich die Lage geklärt hat.

Nur wenn es nichts kostet, hört man ihn lauthals rufen. Unversehens drängelt er sich nach vorn und verkündet, was ohnehin alle meinen: man solle sich endlich einigen, Hader führe zu nichts, Streit nütze niemandem, und sind nicht insgeheim alle derselben Meinung? In der Proklamation von Platitüden ist er gross, für unzeitgemässe, konträre Urteile fehlt ihm das Rückgrat.

Harmoniesucht gehört zu den unangenehmsten Ausgeburten menschlicher Feigheit. Sie maskiert sich mit höheren Werten, gibt sich als Tugend aus. Einigkeit und Kompromiss propagiert sie als Beweis der Vernunft. Dabei will sie nur der Auseinandersetzung aus dem Wege gehen. Streitlustige Zeitgenossen sind ihr höchst verdächtig, Polemik gilt als Zänkerei, Unversöhnlichkeit als Charakterfehler. Federkriege hält man bereits für den Untergang der Wertordnung. Parteienzwist bedroht angeblich den Staat, und wochenlange Arbeitskämpfe ruinieren gar Wirtschaft, Wohlstand und den inneren Burgfrieden. Selbsternannte Schutzherren der gemeinen Sittlichkeit können sich Zwietracht nur vorstellen in einer «Streitkultur» wohlanständiger Hasenfüsse, allenfalls gestattet man sich «sachliche Meinungsverschiedenheiten» in der Konkurrenz um Stimmen und Zustimmung. Was immer antagonistische Gefühle aufheizen könnte, wird schleunigst ausgekühlt oder als Tabubruch markiert.

Die Verkünder der Eintracht sind alle von der Sehnsucht beseelt, nur noch von Freunden umgeben zu sein. Niemals wollen sie kämpfen, um keinen Preis wollen sie sich Feinde machen. Sie träumen von Frieden und Freundschaft, von Versöhnung und Vergebung, von Einheit in Einfalt. Wer solches Wunschdenken kritisiert, zieht sofort den Hass der Harmoniesüchtigen auf sich. Die brüderliche Gemeinschaft der Gleichgesinnten ist ihr Ideal. Dabei tobt unter Brüdern der Streit oft besonders heftig. Da jeder die Schwächen des anderen kennt, weiss er genau, wo sein Gegenüber zu treffen ist.

Gewiss fordert die Klugheit, man solle sich niemanden zum Feind machen, der auch ein Freund sein könnte. Anderseits sollte man sich stets so sichere und redliche Freunde wählen, dass sie auch dann das Vertrauen nicht missbrauchen, wenn sie einmal aufhören, Freunde zu sein. Zweifellos entsprechen nicht alle Feindbilder den Tatsachen. Aber aus der Tatsache, dass manche Feindbilder falsch sind, folgt keineswegs, dass es keine Feinde gebe, im Äusseren wie im Inneren, unter Fremdem und unter Vertrauten. Wer der Illusion nachhängt, nur noch Freunde haben zu wollen, der weiss am Ende selbst nicht mehr, wer er ist. Jeder Feind stellt den Freund vor die Frage, wer er sein will.

Die fatalen Folgen der Harmoniesucht zeigen sich besonders im Politischen. Nach der Transformation der Demokratie ist der Konformismus bereits in den Regeln der Macht eingebaut. In der oligarchischen Eliteherrschaft sind Streitforen rar. Weder der Marktplatz, die Hauptstrasse noch das Werkstor, weder das Bierzelt noch die Stadthalle taugen mehr als Arena öffentlichen Streits. Einzig Parlamente und Fernsehstudios bieten Bühnen für Rede und Widerrede. Als der Strauss der Waffen durch den Streit der Wörter ersetzt wurde, kam einst die Idee auf, die Macht der Regierung solle überwacht, geteilt und notfalls beschnitten werden. Mittlerweile jedoch ist das moderne Parlament vielfach zum Ausschussbetrieb verkommen, ja, es werden sogar Stimmen aus seiner Mitte laut, die auf seine vornehmste Aufgabe, Machtteilung durch Opposition, gleich ganz verzichten wollen.

Systematisch wird der freie Abgeordnete zur Folgsamkeit gegenüber der Mehrheit angehalten. Widerspricht er, riskiert er seinen politischen Tod. Der politische Konformismus führt zu Tyrannis der Mehrzahl. Anstatt ihre Regierung in ihre Schranken zu weisen, deckt die Mehrheit sie. Die Fraktionsdisziplin fordert Einstimmigkeit.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs hat man den alten Feind zum Gegner erklärt, dann zum Konkurrenten,…

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»