Von der Gefahr eines «physiognomischen Autodafés»

Was, wenn man die Bösen an ihren Gesichtern erkennen könnte? Oder wenn ein Blick in die Gehirne zeigen würde, woran man mit jemandem ist? Endlich hätte man, in Form von Hirnbildern, den Atlas des Uomo delinquente, wie ihn schon Cesare Lombroso entworfen hat (1878). Lichtenbergs Schreckensvision wäre dann bedrohlicher denn je: «Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen, es wird also eine Art von Firmelung jedes Jahr vorgenommen werden. Ein physiognomisches Auto da Fé.»

Die Hoffnung der Neurowissenschafter, den Leib doch noch zum Sprechen zu bringen, die alten Zeichen des Höllenfürsten, die Kainsmale, Hörner, Ziegenfüsse und Missbildungen durch bildgebende Verfahren lesbar zu machen, ist der Anlass für die Frage nach der Anatomie des Bösen. Gesucht wird nach der Geschichte der Repräsentationen des Bösen, nach der Geschichte der Zeichen im und am menschlichen Körper. Die Beiträge zur christlichen Tradition einer Zeichensprache des Bösen in Mittelalter und früher Neuzeit, zur Herkunft der Anatomieleichen von den Richtstätten im 18. Jahrhundert, zu Lavaters Physiognomik und Galls Phrenologie und zu Lombrosos positivistischer Kriminalanthropologie des atavistischen «Verbrechermenschen»: sie alle skizzieren den historischen Rahmen, in dem neurowissenschaftliche Bestrebungen, das Böse im Körper zu lokalisieren, gesehen und die Gründe, warum sie kritisiert werden müssen. Das Gespräch zwischen dem Herausgeber und dem Bielefelder Neurowissenschafter Hans Markowitsch macht deutlich, dass eine solche kulturhistorisch angelegte Dekonstruktion als Vorbeugung gegen eine mögliche «Renaissance der Phrenologie» und gegen eine biologistische Relativierung der Verantwortlichkeiten dringend nötig ist.

Vielleicht ist es doch eher so, dass wir alle «Verbrecher aus verlorener Ehre» sind, wie jene berühmte Erzählung von Schiller das Thema der sozialen Voraussetzungen unseres Handelns etwas holzschnittartig benennt. Eindrücklich sind die Zeugnisse, die zu belegen scheinen: aus uns allen kann, entsprechende Bedingungen vorausgesetzt, das Böse sprechen! Oder könnten wir sicher sein, bei Milgrams berühmten Gehorsamkeitsexperimenten nicht mitgemacht zu haben? Nicht zu jenen «ganz normalen Männern» zu gehören, die, wie Harald Welzer einmal mehr zeigt, im Rahmen von Erschiessungen im Hinterland der Ostfront, zu allem fähig waren? – Die Ausstellung, die das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen noch bis zum 10. Mai 2009 zum Thema zeigt, stellt den aktuellen neurowissenschaftlichen Diskurs in eine Tradition, deren unterschiedliche Ausprägungen zeigen, dass der Wunsch, durch die richtige Lektüre der Zeichen präventiv wirken zu können, viel älter ist als dieser Diskurs. Aus der historischen Distanz sehen wir, was uns im farbigen Gegenlicht von Computer- und Kernspintomographie leicht verborgen bleibt. Der Sammelband, grosszügig gemacht, mit hervorragendem Quellenmaterial, ist kein Ausstellungskatalog, sondern ein verführerisch teuflischschönes Lese- und Bilderbuch.

vorgestellt von Jürg Berthold, Zürich

Roger Fayet (Hrsg.). «Anatomie des Bösen. Ein Schnitt durch Körper, Moral und Geschichte». Zürich, Baden: hier+jetzt,

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»