Von den Kehllauten kindlicher Eidgenossen

Ein Märchen über Deutschland, die Reform der Rechtschreibung und die Schweizer Orthographische Konferenz

Vor zweihundert Jahren veröffentlichten die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm ihr Märchenbuch. Nicht nur Märchen sammelten sie aber, sondern auch Wörter; die vielbändige Sammlung trägt den schlichten Titel «Deutsches Wörterbuch». Der Märchenschatz und der Wortschatz des deutschen Brüderpaars freuen und nähren bis heute auch unsere Schweizer Ohren, Augen und Seelen, und auch bei uns zu Lande steht der Name Grimm in Ehren. Und was ist mit unserer Ehre? Wilhelm Grimm sagte, als er 1846 auf dem Germanistentag zu Frankfurt am Main seinen «Bericht über das Deutsche Wörterbuch» vortrug und dabei die verschiedenen Mundarten würdigte: «Zwischen den Kehllauten des Schweizers dringt das Naive seiner Worte um so lebhafter hervor.» Das war ernst und freundlich gemeint; doch Freundlichkeit, die von oben kommt, weckt ungute Gefühle bei dem, den sie ins Unten versetzt. Seht das putzige Gartenzwerglein, dem Deutschland irgendwas ins geflochtene Rückenkörblein legen kann, vor hundertfünfzig Jahren ein Schulterklopfen und heute – schauen wir auf unsere Zeit – eine verunstaltete Rechtschreibung, an der seit bald zwei Jahrzehnten gebastelt wird.

Wilhelm Grimms Wort ruft nach Antwort, und so sei ihm und seinem Bruder in ihrem Jubiläumsjahr ein Märchen erzählt. Wenn jemand in der Nähe ist und zuhören möchte, so verwehre ich es ihm nicht. Achtung, das Märchen beginnt.

In alten Zeiten, als das Fluchen noch geholfen, wenn auch nichts genützt hat, reformierten die Kultusminister Deutschlands die Rechtschreibung der deutschen Sprache, und ein scheues Alpentier – selten gesehen, noch seltener geschrieben – trat nicht mehr als Gemse, sondern als Gämse auf. Frage: Warum liessen die mächtigen Minister nicht auch Vater und Mutter zu Ältern umschreiben, sind sie doch von Berufs wegen die Älteren? Antwort: Weil im Raum der deutschen Sprache deutlich mehr Eltern als Gemsen leben und weil diese Eltern das Recht haben, Politiker abzuwählen, wenn sie Unfug anstellen. Von vornherein war also das politische Ziel, zwar etwas zu verändern, aber allzu groben und insofern gefährlichen Unfug zu meiden. Unfug freilich blieb genug: Es tut mir Leid, morgen Abend und morgen Früh, ich bin dir Spinnefeind, Trennungen wie beo-bachten und konst-ruieren, ich will Blumen sprechenlassen, Spagetti, wohl bekannt (für wohlbekannt), wieder sehen (für wiedersehen), gräulich (für greulich)…

Unfug ist ein schwacher Ausdruck dafür, dass Wörter nicht mehr so geschrieben werden, wie sie gemeint sind. «Vereinfachung durch Systematisierung» lautete das Zauberwort, aber das eigentliche Zauberwort war das Wort Reform, denn wer es hört, ist sogleich bezaubert und kann sich nicht mehr wehren. In gleichem Sinne zaubermächtig war die Einführung der Unterscheidung von «alter» und «neuer» Rechtschreibung, denn wer bleibt beim Alten, wenn es das Neue gibt? «Sie wohnen, meine Dame, in einem reichlich alten Haus», sagte die Immobilienmaklerin nach liebenswürdigem Türklingeln, «heute wohnt man in neuen.» Wer wagt es da noch, nach scheinbar alten Regeln im allgemeinen zu schreiben und gestern nacht, obwohl die scheinbar neuen Schreibweisen im Allgemeinen und gestern Nacht aus dem tiefen neunzehnten Jahrhundert stammen? Wo Propaganda das Sagen hat, hat es die Wirklichkeit schwer.

Schrift als Sprache des Abwesenden

Halt, es scheint mir, dass mein Märchen müde macht und dass die Hörer schon schläfrig mit den Augen zwinkern. Flugs stelle ich ein aufweckendes Rätsel: Was bedeuten die Sätze Wir fahren Gut? Ich hoffe, Sie können wieder sehen, wenn wir uns wiedersehen? Der erste ist der wirksame Werbespruch eines Transportunternehmens, den zweiten gab einst Kurt Reumann, Redaktor der FAZ, dem Kultusminister Hans Zehetmair mit auf den Weg, als er ihn zur Rechtschreibreform befragte. Beide Sätze spielen mit Bedeutungen, und wer sie versteht, fühlt, warum wir Wörter gross oder zusammen schreiben. «Schrift», schrieb Sigmund Freud im Aufsatz «Das Unbehagen in der Kultur», «ist ursprünglich die Sprache des Abwesenden», und es kommt alles…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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