Von Bankern, Bürgern und Bürokraten

Schützt der Anlegerschutz die Anleger?

Von Bankern, Bürgern und Bürokraten
Thomas Hauser, photographiert von Philipp Baer.

Im Anlagebereich herrscht die neue Unübersichtlichkeit. Die Zahl der Anlagemärkte mit unterschiedlichen Regeln nimmt ständig zu: Brasilien, Russland, China, Indien, Äthiopien, Südafrika und weitere. Selbst heimische Unternehmensbilanzen erschliessen sich nur mehr wenigen Eingeweihten. Die Anreizsysteme der Vermögensverwalter sind intransparent, oder konkreter: direkte und versteckte Gebühren werden eingenommen und hinter dem Rücken der Kunden als Retrozessionen umverteilt. Neue Anlageklassen wie Hedge Funds, Private Equity oder Timber Investments beherrschen die Szene. Und neue exotisch klingende Finanzprodukte – Fund of Funds, ETFs, SICAVs, Public-Private-Partnerships, strukturierte Produkte, Trusts, Limited Partnerships und viele mehr – werben um die Gunst der Sparer.

Dabei stellt sich natürlich die eine grosse Frage: Wer profitiert von der neuen Unübersichtlichkeit?

Finanzberater lieben die (Schein-)Komplexität und haben eine eigene Kultur entwickelt, diese mittels rasch wechselnder Anlagethemen sowie unverständlicher Produktenamen wie Groi, Spread Multi Defender, Twin Win, Perles, Shorty oder Bonus Income Note zu akzentuieren. Je unübersichtlicher die Anlagewelt, desto einfacher lassen sich Gebühren verstecken beziehungsweise einstecken. Und desto mehr gewinnen die Berater an Bedeutung, weil allein sie die wachsende Komplexität angeblich zu bändigen vermögen.

Sie haben für jede noch so unplausible Entwicklungsprognose der Weltwirtschaft ein entsprechendes Produkt zur Hand. Das unlösbare, empirisch tausendfach bewiesene Grundproblem, dass sich die Treffsicherheit von Finanzprognosen kaum vom Zufall unterscheidet, wird dabei geflissentlich verschwiegen. Denn liquide Märkte absorbieren in Windeseile alle relevanten Informationen in Form von Preisänderungen; neue Informationen treten zufällig auf, so dass auch Preisänderungen diesem Muster folgen. Kurz: wer gelegentlich eine besonders gute Performance aufweist, hat im Schnitt einfach Glück gehabt.

Rendite und Risiko

Das Gros der Anbieter in der Finanzbranche hat sich darauf spezialisiert, hochtrabende Rendite- oder überzogene Sicherheitsversprechen in komplexe Produkte zu verpacken. Das garantiert schöne Gebühreneinnahmen ganz ohne Risiko – denn das Risiko trägt selbstverständlich der Kunde, mit dessen Geld ja hantiert wird. Die Sache ist nun aber die, dass es genau die Kunden – also die Anleger – sind, die sich nach solchen Produkten sehnen: ohne Nachfrage kein Angebot! Aus Gier oder Naivität erliegen sie der Hoffnung, einen Guru oder doch wenigstens ein wundersames Modell zu finden, das ihnen erlaubt, viel Geld möglichst risikolos zu verdienen. Das scheint heute ein allgemeiner Glaubenssatz geworden zu sein, der die meisten Manager, Finanzinstitute, Politiker, Bürger und Anleger verbindet, obwohl er doch täglich Lügen gestraft wird: eine hohe Rendite zu erwirtschaften, ohne dafür ein hohes Risiko einzugehen. Es ist der tief verwurzelte Wunsch nach einem Free Lunch.

Der gesunde Menschenverstand, der an den ökonomischen Grundsatz erinnern sollte, wonach höhere Renditen stets mit einem höheren Risiko erkauft werden, wird dabei erfolgreich ignoriert. Klingt ein sicherer Coupon von 12 Prozent im Umfeld tiefer Zinsen nicht zu verlockend, als dass man ihm nicht glauben könnte, ja müsste? Die Damen und Herren, die dieses Versprechen anbieten, werden sich ja wohl etwas dabei gedacht haben…

Zur Erinnerung: Vor dem Start der Finanzkrise im Jahr 2007 wurden viele «renditeoptimierende» Finanzprodukte verkauft, mitunter ein sogenannter «Barrier Reverse Convertible», lautend auf drei europäische Bankaktien mit einem sicheren Coupon von 12 Prozent. Allem guten Glauben zum Trotz haben konsternierte Anleger mit solchen Produkten bis zu 90 Prozent des Einsatzes verloren, als die Bankaktien einbrachen, weil sich deren Anlageprofis mit noch komplexeren Produkten verzockt hatten. Das private Geld war weg, die strauchelnden Banken mussten mit Milliarden an Steuergeldern gerettet werden. Der Volkszorn war perfekt. Aber eben – es ist zum Teil dasselbe Volk, das nun wieder munter mitzockt.

In der Demokratie lebt der gewiefte Politiker davon, Stimmungen im Volk aufzunehmen. Schnell waren die ersten zur Stelle und predigten die Notwendigkeit eines Anlegerschutzes, der alle bisherigen Standards in den Schatten stellt. Wie die Berater lieben auch die Berufspolitiker die Scheinkomplexität. Auf deren Basis gedeiht…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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