Vom Wert des Gebens

Die Schweiz ist eines der reichsten Länder der Welt, die meisten Schweizer sind im Vergleich mit den Bürgern anderer Staaten wohlhabend. Aber sind Wohlhabende auch Wohlgebende?

Vom Wert des Gebens
Karl Reichmuth, zvg.

Schon als kleiner Junge musste ich in unserer Molkerei beim Milchausmessen helfen. «Wer viel gibt, bekommt auch viel zurück», pflegte meine Mutter zu sagen – und gab kinderreichen Familien oft einen halben Liter und mehr über das bestellte und bezahlte Milchmass hinaus. Dieses Tun widerstrebte mir als jungem Banklehrling. Heute weiss ich: meine Mutter handelte richtig. Aus einer der unterstützten Familien mit zehn Kindern entsprangen drei Unternehmerpersönlichkeiten, worunter eine mit ihrem Unternehmen inzwischen wichtigster Arbeitgeber im Dorf wurde – leider hat sie das aber nicht mehr erlebt. Das Bonmot im Beispiel aus meiner Jugend hat sich inzwischen auch in über 60 Jahren Bankerfahrung immer wieder bestätigt: Es geschieht dank gemeinnütziger Tätigkeit vieler Privater und Firmen weit mehr, als bekannt ist. Und gottlob ist der Wille bei vielen Mitbürgern lebhaft, auch künftig dafür zu sorgen, dass Gemeinnützigkeit keine reine Staatsangelegenheit wird. 

Beispiele für den Erfolg der Philanthropie finden sich in der Schweiz zuhauf. Ich muss in Luzern nur vor die Tür treten, um ein besonders gelungenes vor Augen zu haben. Stellen Sie sich die heutige «Musikstadt» einmal ohne das KKL vor! Neben der göttlich schönen Lage ist das 1998 eingeweihte Kultur- und Kongresszentrum wohl der einzige Grund, warum Luzern in der globalisierten Welt nicht ein gewöhnlicher Provinzort geblieben ist. Mit einer Architektur und einer Akustik, die weltweit ausstrahlt, wurde hier ein Wahrzeichen geschaffen, das nicht nur ein kulturelles Leuchtturmprojekt ist, sondern auch ein philanthropisches. Denn ohne das Engagement privater Gönnerinnen und Gönner wäre das KKL nie gebaut worden. Mehr als die Hälfte des sogenannten «elitären Teils» des KKL, vom eigentlichen Konzertsaal also, wurde durch Spenden privater Donatoren finanziert. Dabei handelte es sich nicht nur um diskrete Grossdonatoren, sondern auch um viele Persönlichkeiten des Mittelstandes – die Anzahl der Spender belief sich insgesamt auf über 4000. Das KKL ist und bleibt damit ein Paradebeispiel für eine gelungene Public-Private-Partnership im Bereich der Kulturförderung.

Warum die Schweiz auf Gebende angewiesen bleibt

Als Filialchef einer Grossbank in Schwyz und Luzern, GL-Mitglied der Staatsbank in Luzern und letztlich Mitgründer unserer Privatbank stelle ich fest, dass auch für die Zweckbestimmungen Soziales und vor allem für die Ausbildung der Jugend sowie Förderung der Wissenschaft in der Schweiz eine ausserordentlich hohe Freude am Geben existiert. Ohne die Grosszügigkeit abertausender Gönnerinnen und Gönner sähe die Schweiz heute anders aus. Meine Feststellung darf wahrscheinlich auch international Geltung beanspruchen: Immer wieder führt man die USA als beispielgebend für philanthropisches Engagement ins Feld, was durchaus nicht falsch ist, aber genau besehen auch nur die halbe Wahrheit. Dort spenden schliesslich vor allem Multimilliardäre, die ihren Namen auf einer Tafel am Eingang eines Lehrsaals sehen wollen oder eben in der Carnegie Hall, dem weltweit bekannten Konzerthaus in New York. Ist es nicht bemerkenswert, dass im KKL, trotz gemeinnütziger Spenden in der Höhe von 63 Millionen Franken, nicht ein einziger Raum einen besonderen Namen trägt? 

Zahlen sind oft das eine, der Geist dahinter das andere. Der schöne Erfolg vom inzwischen weltweit bekannten Kunst- und Konzerthaus Luzern ist vor allem im Hinblick auf den dahinterstehenden Geist erinnerungswürdig. Denn als in der Stadt die Abstimmung über den Neubau entschieden wurde, lehnten die Schweizer Bürger auch eine Initiative über vermehrte Kultursubventionen in der Eidgenossenschaft ab – meines Erachtens zu Recht. Kultur ist zuvorderst eine Frage des näheren Umfeldes und nicht der politischen Kräfte. So wie in der Armee und beim Zivildienst: wenn wir das Milizsystem aufgäben, würden wir einen wertvollen Teil der sogenannten Willensnation Schweiz verspielen.

Die Schweiz wird, so glaube ich, künftig sogar noch mehr auf «Wohlgebende» angewiesen sein als früher. Auch hier erteilt der Kanton Luzern Anschauungsunterricht: im Rahmen seiner immer wichtigeren Sparpolitik – um die…