Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Frankfurter Poetikvorlesungen

Nochmals: Poetikvorlesungen von Urs Widmer

Poetikvorlesungen handeln in den seltensten Fällen von literarischer Theorie, sondern sind vielmehr Selbstverständigungsversuche der Autoren über ihr eigenes Tun und Schaffen. Insofern folgt Urs Widmer einer guten Tradition, wenn er seine im Frühjahr an der Universität Frankfurt gehaltenen Poetikvorlesungen unter den weitläufigen Titel stellt: «Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das». In fünf lose miteinander verknüpften Vorträgen wird der Frage nachgegangen, was den Dichter an- und umtreibe und welche roten Fäden die Literatur zusammenhielten. Das klingt schwergewichtig, ist es aber nicht. Nahezu leichtfüssig bewegt Widmer sich durch die literarische Tradition, scheut keine Abschweifungen und Nebenwege und verliert doch das grosse Ganze nie aus den Augen.

Im Zentrum von Widmers Dichtungsbegriff steht die Feststellung, dass dichterisch schreiben kein freier Entschluss sei, sondern Verurteilung und bedrängende Notwendigkeit – der Schriftsteller könne gar nicht anders. Schlimmer noch: er kann nur so und nicht anders. Damit ist gemeint, dass jeder Autor seine ureigene Sprache habe, die von der allgemeinen Norm der Zeitgenossen abweiche. Das mag, wie bei Robert Walser, nur eine Nuance sein, die aber doch die ganze Kunst ausmacht. Tatsächlich setzte Walsers Anerkennung als Schriftsteller erst dann ein, als man dessen «stille Radikalität» erkannte, die Eigenart, scheinbar alltäglich und zugleich mit unverwechselbarer Stimme zu sprechen. Ungleich radikaler war die Differenz bei Gottfried Keller, der sich nichts sehnlicher wünschte, denn als Dichter aus der Mitte des Volkes heraus zu schreiben. Doch statt mit der Stimme aller zu sprechen, entwickelte Keller beinahe gegen seinen Willen eine eigene Sprache, ein Prozess, der Keller zunehmend mutloser, man könnte auch sagen kleinlauter machte und ihn zuletzt ganz verstummen liess.

Wirklich mit sich im reinen ist der Schriftsteller ohnehin nie. Das Leiden an einer als ungenügend empfundenen Welt bildet vielmehr den Antrieb alles literarischen Schaffens. Jeder Dichter, so Widmer, besässe einen Schmerz-Kern, an dem er sich abarbeite und gegen den er anschreibe, ohne ihn je überwinden oder aus der Welt schaffen zu können. Schreiben ist keine Therapie. Und doch spricht aus diesem Anschreiben ein utopischer Überschuss, der trotzige Wille, dem Mahlstrom der Welt etwas Eigenes entgegenzusetzen. Ein gelungener literarischer Text ist ein kleiner Sieg über Leiden und Tod. So lange noch erzählt wird, ist nichts endgültig entschieden, bleibt der Tod gebannt. Die Literatur kennt, selbst wo der Held stirbt, nur Davongekommene. «Im wirklichen Leben siegt der Tod. Aber in der Literatur siegt das Leben.»

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

Urs Widmer: «Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Frankfurter Poetikvorlesungen». Zürich: Diogenes, 2007.

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