Vom Leben als taube Nuss

Selbstverliebt, haltlos, trivial: unsere simulierte Existenz. Eine Provokation.

Schleichend sind sie über uns gekommen und haben sich zu einer Art zweitem sozial-vegetativem Nervensystem entwickelt: Simulationen. Sie sind zum Kennzeichen der Moderne geworden. Sie legen neue Parameter fest, alimentieren den Alltag und prägen darüber die Persönlichkeiten; in ernsten und unernsten Lagen, aktiv und passiv, psychisch wie physisch, fast schon nachhaltig. In jedem Fall hat man sich zunehmend daran gewöhnt, dass die Dinge nicht das sind, was sie zu sein vorgeben. Und nimmt vieles für real, was seit langem den Boden der Realität verlassen hat. Die Risse in diesem Leben, die von einem anderen zeugen, sind kaum mehr sichtbar.

Chirurgie, Diät und das Täubchen

Wenn sich Mann und Frau jenseits der vierzig näherkommen, ist zunehmend unklar, wo der optische Ursprung des Geschehens liegt und woher es seine Dynamik bezieht. Allem voran steht die Frage, wie alt die Beteiligten tatsächlich sind. Das Aussehen lässt jedenfalls nur ungefähre Schlüsse zu. Sind bei ihr Brustkorrekturen vorgenommen worden? Hat sich sein flacher Bauch auf natürliche Weise gestrafft? Sind ihre Diäten durch das Spritzen von Schwangerschaftshormonen gesteuert? Was der letzte Schrei in Sachen Diät sein soll und offensichtlich schwere psychische Pro­bleme mit sich bringt… Ist sie deshalb so bezaubernd depressiv und sucht umso kompromissloser nach körperlich-seelischer Aufhellung? Und ist ihr strahlendes Lächeln infolge von Botox so makellos eben? Zu guter Letzt die Frage aller Fragen: Hat sein standhaftes Verlangen Viagra zur Grundlage? So dass sein Herzklopfen so unecht ist wie seine Erregung?

Für Brustimplantate und Viagra wird weltweit fünfmal mehr Geld ausgegeben als für die Alzheimerforschung, weshalb ein Bonmot danach fragt, ob bald niemand mehr wisse, warum jemand eine Erektion habe. Bei einem noch vitaleren Grundbedürfnis, dem Essen, verhalten sich die Dinge ähnlich undurchschaubar. Analogkäse, der nur aussieht wie Käse, aber keiner ist und wie ein Stein im Magen liegt, ziert preiswerte Pizzen. Speisen, die zu Teilen oder ganz in Fabriken bzw. Grossküchen vorgefertigt wurden und nie einen personalisierbaren Koch gesehen haben, sogenannte Convenience-Produkte, werden in der Gastronomie flächendeckend eingesetzt. Vieles von dem, was man in vermeintlich ordentlichen Gaststätten und Restaurants vorgesetzt bekommt, ist also präfabrizierte, geschmacksverstärkte Massenware – und mundet manchem verblendeten Zeitgenossen besser als das fade Original der Natur, die er dennoch verehrt.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass der eine oder andere Gast doch noch über intakte Geschmacksnerven verfügt, hat man zur Ablenkung wellenförmige Teller samt anderem Schnickschnack erfunden und Bedienungen eingestellt, die guten Service pompös darstellen, ohne ihn zu erfüllen. Wer allerdings meint, das simulierende Gesamtpaket sei eine Folge ruinösen Wettbewerbs oder unterentwickelter Esskultur, kann auch in der Spitzengastronomie sein grünes Wunder erleben – was kein Hinweis auf die Qualität angeblicher Bioprodukte sein soll, sondern sich auf eine Bestellung bezieht, die ich kürzlich bei der Einladung in ein äusserst teures, vermeintlich sehr gehobenes Restaurant tätigte.

Als das Täubchen, für das schlanke 140 Euro zu entrichten waren, auf erlesen rundem Porzellan vor mir stand, glaubte ich noch an einen Irrtum. Der giftgrüne Kegel, knapp fünfzehn Zentimeter hoch, begleitet von hingestreuten Gemüsen, konnte unmöglich eine Taube sein – schliesslich habe ich trotz allgemein verbreiteter kulinarischer Verfremdung eine fundamentale Vorstellung davon, wie so ein gebratener Vogel aussieht. Auf meinen irritierten Blick hin wurde mir eilig versichert, dass es sich hierbei sehr wohl um das Täubchen handle: entbeint, kunstfertig in Form gebracht, gebraten, im edlen Kräuterbad gewälzt. Gebraten? Die Konsistenz des Kegels war ledrig, der Geschmack fade, von Kräutern übertüncht. Auch das teure Dessert erwies sich als reiner Hingucker; weisse Schokoladenstreifen, in Lamellen zur Kugel geformt, öffneten sich durch gezieltes Flambieren wie eine Blüte und gaben den Weg frei zum gar nicht sensationellen Ananaskompott.

Das Wesen aller Simulation, das «Als-ob», beherrscht auch sonst die Köpfe und Herzen: Design geht vor Sein, Form vor Sub­stanz, Reden vor Handeln. Wie viel mühseliger ist es auch, Dinge als sie selbst zu erschaffen! Wie viel aufwendiger, sie im Eigentlichen zu erkennen! Wie viel grösser die Gefahr, im einen und anderen Fall sichtbar zu scheitern! Ein schlagendes Beispiel dafür sind die beliebten TV-Sendungen mit versteckter Kamera, die gern Schauspieler engagieren, um sie als scheinbar unbedarfte Bürger «hereinlegen» zu lassen. Das garantiert «Überraschungen», wo sonst vielleicht keine wären. Die beliebten Reality-Formate treiben das Prinzip auf die Spitze, indem stammelnde Laien nach Drehbuch spontanes Erleben simulieren, während Castings die schrillsten, biedersten, dümmsten oder telegensten Kandidaten für das jeweilige Quiz-Format ermitteln. Die TV-Produktionen sparen dadurch jede Menge Zeit und Geld. Doch auch für den Zuschauer wird vieles leichter. Im definierten Geschehen weiss er zuverlässig, wie er zu fühlen und zu denken hat. Unbequeme Fragen und Abwägungen kommen so gar nicht erst auf.

Über solche und vielerlei andere Effekte hat sich das Prinzip der Simulation tief in den Alltag eingegraben. Selbstverwirklichung etwa geniesst überall höchsten Stellenwert, auf Small-Talk-Partys, im bürgerlichen und kleinbürgerlichen Leben, im links-alternativen Milieu, wird aber unter durchweg normierten Aspekten betrieben: in beliebig austauschbaren Selbsterfahrungs- und Kreativitätskursen, auf breitgetrampelten Pilger- oder Urwaldwegen, durch den Besitz von millionenfach gefertigten Konsumgütern wie Autos oder Mobiltelefonen. Indem auf diese widersinnige Weise massenhaft Typisierungen vorgenommen werden, aber bestimmt keine Individualisierung stattfindet, öffnet sich der Simulation ein weites Feld.

Die neuen Therapeuten

Dabei gerät selbst die Liebe ins simulierte Räderwerk, auch jenseits der geschilderten körperlichen Echtheitsproblematik. Die inzwischen dominanten Begriffe Beziehung, Sex und Erotik haben jedenfalls das Einzigartige der Verbindung liebender Menschen weitgehend relativiert und auf ihre Funktionalität reduziert. Man bevorzugt rasch wechselnde Verbindungen oder behilft sich mit sexueller Stimulation, wenn es «mal nicht so gut läuft». Kurz gesagt praktiziert man eher Tantra, als sich der Problematik echter Liebe auszusetzen; die entscheidenden Motive sind Verfügbarkeit und Massenkompatibilität. Therapeuten sollen den Schaden, den die ausgehöhlte Beschaffenheit solcher Verbindungen anrichtet, später ausgleichen. Dazu simulieren sie in langen Sitzungen authentisches Erleben und individuelles Fühlen – mit dem Effekt, dass «erfolgreich» therapierte Paare damit bereits die zweite Stufe simulierter Wirklichkeit betreten.

Zum Berufsbild des Therapeuten gibt es jede Menge Parallelen. In der uns immer mehr durchdringenden Simulationswelt haben sich Ärzte, einstmals aus Berufung praktizierend, zu Mediziningenieuren entwickelt, die wie die ihnen zunehmend verwandten Automechaniker in Checklisten und Ersatzteilen denken. Auch die Politiker simulieren Politik eher, als dass sie sie betreiben, indem sie zu echten Problemen so lange Abstand halten, wie es irgend geht, und den tatsächlichen Handlungsbedarf nach Wahlaussichten proportionieren. Die politischen Programme rücken darum immer enger zusammen und konterkarieren ihren eigentlichen Vorsatz. So werden im Namen des Umweltschutzes – Stichwörter Biosprit und Windräder – massenhaft Vögel getötet und Lebensmittelressourcen vernichtet, und zum Kurieren von Finanzblasen wird simuliertes Geld im Übermass in Umlauf gebracht. Heerscharen von Bürokraten setzen unterdessen die parteiübergreifenden politischen Vorgaben um und tragen dazu bei, die Welt in zunehmend realitätsferne Planqua­drate einzuteilen.

Sogenannte Nachrichtenmacher geben vor allem in Deutschland immer clowneskere, manipulative, kaum mehr instruierende Darbietungen im Zeichen des Infotainment, anstatt Nachrichten sachlich aufzubereiten. Ein ganz besonderes Kapitel schreibt in Zeiten der Simulation natürlich das Internet, das dem Scheinbaren durch seine zugrundeliegende Virtualität gewaltigen Auftrieb verleiht: von scheinbarer sozialer Vielfalt bei Facebook, Xing und Co. über scheinbare Authentizität in Blogs bis hin zu vermeintlichen Meinungsbildern, die aus höchst situativen, ebenso schnell auch umschlagenden Anschauungen gewonnen werden. Die Kunst wiederum, einstmals die Speerspitze geistig-seelischer Wahrheitssuche, ist weitgehend zum tumben Marktplatz greller Events und sich nur mehr vermarktender, pseudoindividualistischer Selbstdarsteller mutiert, die künstlerische Dichte nicht mal mehr behaupten. Eine gröbere Simulation als eine blaue Leinwand im Rahmen ist schlechterdings nicht möglich.

Es ist wohl so, dass durch die Breite der simulierten Momente viel kulturelle Substanz verlorengeht, die über Jahrhunderte mühsam erworben wurde. Baut sich zugleich andere, neue Substanz auf? Die Frage wirkt unangemessen, denn um kulturprägend in Simulationen zu leben, bräuchte es ein gesellschaftliches System, das ohne realen Boden, ohne jede gewachsene Struktur auskäme – allenfalls könnte maximale Vernetztheit innerhalb des luftigen Gebildes für etwas Halt sorgen. Die Frage nach der Dauerhaftigkeit, die mit dem Begriff kultureller Sub­stanz untrennbar verbunden ist, erscheint aber bei einem nirgendwo aufgehängten, frei schwebenden Mobile auch insofern obsolet, als es von hoher Augenblicklichkeit und spielerischer Spontaneität geprägt wäre. Die Verhältnisse würden also denen des Internets ähneln, das allein ebenfalls keine Substanz erzeugen kann und völlig von der substantiellen Realität ausserhalb des Netzes lebt.

Paukenschlag

Es ist darum zu vermuten, dass die sich endemisch ausbreitenden Simulationen gar keine substantielle Dynamik anstreben, sondern lediglich auf hedonistische Erfüllung aus sind. Wenn dem so ist, könnte es gut sein, dass die verspielten Verhältnisse mittels existentieller Gravitation irgendwann mit einem Paukenschlag enden – zum Beispiel wenn die weltweite Finanzkrise der süssen Schwerelosigkeit durch die Entwertung von simuliertem Geld und papiernem Besitz ein schmerzliches Ende bereiten sollte. Immerhin, so viel darf man dem Wolkenkuckucksheim der Simulationen konzedieren, bietet die Lust an neuen, schwebenden Strukturen eine interessante Perspektive. Denn bei zunehmend herkunftsloser, vorurteilsfreier Selbstbestimmung des Menschen erfahren die Ideen globaler Gleichheit und globalen Wohlstands wie von selbst substantiellen Auftrieb – was genau die Art von Impuls sein kann, die der verbrauchten Gegenwart aufhilft. Mag sein, die taube Nuss der Simulationen birgt auf ihre hohle Weise also doch ein verträumtes, versponnenes Gran gültiger Zukunft.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»