Vom Geschlecht keine Ahnung

Es gibt genügend Gründe, die hyperaktive und übergriffige Genderpolitik abzulehnen.

«Männer kämpfen offen im Wettbewerb, territorial herausgefordert durch Rivalen, die ihren Platz erobern wollen. Frauen wirken auf Umwegen, verschlungen durch den Einfluss, den sie auf Männer ausüben», so Roger Köppel, Herausgeber der «Weltwoche», kürzlich in einem Editorial. Der Feminismus versuche, Unterschiede zwischen Frau und Mann zu nivellieren, und ähnle daher dem Kommunismus. Köppel: «Erlösung durch Gleichschaltung auch hier: Aus Mann mach Frau, aus Frau mach Mann.»

Immer häufiger finden sich Anhänger der «Genderpolitik» im Zielfeuer empörter Liberaler. Das ist verständlich, denn viele dieser Anhänger gehören zur Kategorie der «Sozialingenieure». Sie sehnen eine reine, heile Welt herbei und schrecken auch nicht davor zurück, politisch unkorrektes Verhalten mit staatlicher Gewalt zu bestrafen. Diese Haltung trägt einen totalitären Kern in sich. Trotzdem stehen auch Liberale in der Pflicht, sauber zu argumentieren und ihre Ablehnung richtig zu begründen. Gerade in Fragen der Genderpolitik will dies aber nicht so recht gelingen, denn wie Roger Köppel errichten sie Strohmänner in der Debatte – und offenbaren dadurch vor allem eine peinliche Unkenntnis der Thematik.

Betrachten wir also einige dieser Strohmänner und beginnen mit einer Feststellung: Ja, es gibt tatsächlich eine ernstzunehmende Genderforschung. Die Genderforschung ist zwar manchmal ideologisch überladen und kommt politisch kämpferisch daher – das reicht jedoch nicht, sie als blossen Unfug abzutun. Genderforscher publizieren Studien in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften und erkunden darin, wie sich Geschlechterrollen etablieren. Was sie dabei herausfinden, ist nicht selten brisant.

Zweitens: Nein, die Genderforschung hält Geschlechter nicht für nur «erfunden», wie immer wieder kolportiert wird. Im Englischen wird sauber zwischen «Gender» und «Sex» unterschieden. «Sex» bezeichnet das biologische Geschlecht. «Gender» bezeichnet dagegen eine Geschlechterrolle. Die Rolle ist ein Begriff der Soziologie, sie beschreibt gesellschaftliche Erwartungen an eine Person als Repräsentant einer Gruppe. Rollen sind «sozial konstruiert», sie entstehen durch Kommunikation. Gleiches gilt für Gender als Rollenbilder: Sie entwickeln sich über lange Zeit durch das Zusammenwirken vieler Menschen, sind also Teil unserer Kultur.

Drittens: Ja, Genderrollen lassen sich verändern. Sie verändern sich sogar ständig, so wie sich eben Kulturen verändern. Das mag manchmal unbequem sein, weil liebgewonnene Stereotype erschüttert werden – wie etwa Köppels Vision einer traditionellen Arbeitsteilung in Haushalt und Beruf. Doch Kulturen sind nun mal lebendig. Zum Glück.

Viertens: Nein, die Genderdebatte hat auch nichts mit der «Abschaffung» oder «Gleichschaltung» der Geschlechter zu tun. Eine Angleichung der Gender betrifft soziale Rollenerwartungen, nicht das biologische Geschlecht. Somit werden die Geschlechter nicht in Frage gestellt, wohl aber, inwiefern sie unsere gesellschaftlichen Rollen bestimmen sollten.

Heisst all dies nun, dass die Genderpolitik freudig zu begrüssen sei? Keineswegs. Eingriffe in die individuelle Autonomie, wie auch Vertragsfreiheit, lassen sich nur durch die Abwendung von Rechtsverletzungen begründen. Genderstereotype mögen Frauen in vielen Bereichen benachteiligen – sie stellen jedoch damit noch keine Rechtsverletzung dar. Subventionen, Privilegien, Quoten und ähnliche Zwangsmassnahmen entbehren daher einer ausreichenden Legitimation. Mehr noch, sie erreichen ihr Ziel in aller Regel nicht, da sie neue soziale Stigmata und Nachteile erzeugen.

Es gibt also Grund genug, die hyperaktive und übergriffige Genderpolitik abzulehnen. Dies wird aber nicht gelingen, solange dieser Ablehnung irrwitzige Zerrbilder der Genderdebatte zugrunde liegen. Gerade aufgeklärten Liberalen würde es gut zu Gesicht stehen, Herausforderungen ernst zu nehmen, die mit überholten Genderstereotypen einhergehen. Schliesslich war es der grosse Liberale Friedrich August von Hayek, der betonte, dass überlieferte Normen und Traditionen Gesellschaften prägten – und nicht immer nur zum Guten.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»