Vom «bluemete Trögli» zur Eventkultur

Schweizer Geschichten – wer denkt dabei nicht an Blumiges aus den Alpen? Wer denkt nicht gleichzeitig auch an die grossen Schweizer Vertreter der literarischen Moderne, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, und ihr Ringen mit der Schweiz? – Kaum jemand denkt aber an Peter Weber oder an Ruth Schweikert. Wieso eigentlich nicht? Ein Versuch über «Heimat» in der neueren und neusten Schweizer Literatur.

Vom «bluemete Trögli» zur Eventkultur

«Schweizerart ist Bauernart» – so ein uralter helvetischer Topos. Ganz im Sinne dieses Topos setzte sich die Literatur der Schweiz lange vornehmlich mit den Themen «Heimat» und «Herkunft» auseinander. Beide Begriffe lieferten den Stoff für Schweizer Geschichten und Geschichte. Das hat sich radikal geändert. Rund 50 Jahre hatte sich die Literatur unseres Landes von den Entwicklungen der Moderne, die sich als Bruch mit den herkömmlichen Formen und Normen der Literatur verstand, abgeschottet. Während des Zweiten Weltkrieges und darüber hinaus war sie gar Organ «geistiger Landesverteidigung» gewesen, deren Hauptanliegen in der Bekämpfung äusserer Einflüsse, «unschweizerischen Gedankengutes» bestand und die als antikommunistischer Abwehrreflex bis weit in die 1950er Jahre hinein wirkte. Nun aber, zu Beginn der 1960er Jahre wandelte sich ihr Bild fast über Nacht. Vor allem vier Autoren waren es, die den Anschluss der Schweizer Literatur an die literarische Moderne wieder fanden. Da sind zunächst die zwei bedeutendsten, die beiden Überväter Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, wie Hänsel und Gretel stets in einem Atemzug genannt. Sie haben die Schweizer Literatur über vierzig Jahre hinweg nicht nur dominiert, sondern zudem bewiesen, dass auch Schweizer Autoren zu Weltruhm gelangen und diesen bewahren können. Kann es, so fragte man sich nach ihrem Tod allen Ernstes, eine Schweizer Literatur ohne Frisch und Dürrenmatt geben? Und falls ja: wer könnte ihre Stelle einnehmen? Ich sprach von vier Autoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Literatur der Schweiz für die Moderne geöffnet haben. Es fehlen also noch zwei.

Das Politische springt in den Hag: Kurt Marti

Die Mundartliteratur in der Schweiz verstand sich bis weit in die 1950er Jahre hinein als eine Art Heimatschutzdichtung, die vielfach aus einer geistigen Enge heraus das Eigene verklärte und alles Fremde fast pauschal ablehnte. Kein Wunder, dass eine solche Literatur mit den Forderungen der Moderne etwa nach der Preisgabe eines gesicherten Orientierungszentrums oder nach dem Durchbrechen konventioneller Formen nichts anfangen konnte. Die Dialektdichtung, von ihren Vertretern als «bodenständig», «währschaft» und «urchig» gerühmt, verstand sich denn auch als selbständiges und isoliertes Gebilde jenseits der modernen Literatur – eine Vorstellung, die mitunter geradezu selbstmörderische Dimensionen annahm. Der vom «bluemete Trögli», von der «Buebezyt» und der «Häimet», «vo mym Dörfli» und vom «Berg im ebge Schnee» getragene Leierkastenwortschatz wurde so lange strapaziert, bis er den Geist aufgab.

Hier setzte nun zu Beginn der 1960er Jahre der Berner Pfarrer und Autor Kurt Marti ein. Sein Rat an die Vertreter einer traditionalistischen Dichtung, endlich «mal ein bisschen von all den Dadaisten, Surrealisten, Existentialisten, Finitisten und wie immer sie heissen mögen» zu lernen, wurde zwar anfangs mit Empörung zurückgewiesen. Doch als dann sein erstes Dialektgedicht, das mit den «Gemüsegartenmissverständnissen und den Scheiden-tut-weh-Schleichereien» gründlich aufräumte, 1962 im «Berner Bund» erschien, war das Eis für viele gebrochen. Das Gedicht trug den traulichen Titel «früelig» und provozierte folgendermassen:

hahnefuess und ankeballe
früelig trybt scho schtyf
liechti rägetröpfli falle
radioaktiv

härzig äugt dr erscht salat o
wie ne gwunderfitz
aber warschaupakt und nato
näme kei notiz

Dass Warschauer Pakt und Nato auf einmal das «bluemete Trögli» unsicher machten und dass nervöse Fremdvokabeln wie «radioaktiv» ein Gebiet unterwanderten, in dem sie füglich nichts zu suchen hatten – das war neu. Neu war auch Kurt Martis Standortbestimmung in seinem 1966 publizierten Essay «Die Schweiz und ihre Schriftsteller – die Schriftsteller und ihre Schweiz». Marti stellte hier kurz und bündig fest, nationale Themen seien ausser Kurs geraten. Was die zeitgenössische Literatur beschäftigen müsse, sei allein die soziale Frage, und diese sei von internationaler Bedeutung. Es gehe nicht mehr um «nationale Selbstvergewisserung», Mythos und Geschichte hätten ihren Glanz verloren. Relevant sei einzig die Frage nach den

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