Volksbefragung

Zu einem WIR gehören zwei: ein DU und ein ICH. Um dem WIR auf die Spur zu kommen, müssen wir uns unterhalten.

Volksbefragung
Michael Stauffer, photographiert von Tobias Bohm.

Liebe Leser, liebe Leserin, ICH möchte etwas schreiben, das nicht vorfabriziert ist. ICH werde mich erfolgreich weigern, ein goldenes Das-sind-WIR-Deutungs-Ei zu legen. Wer solche goldenen Deutungseier legt, ohne vorher bei DIR, lieber Leser, nachzufragen,  ist ein eitler Gockel, der besser zu Hause bleiben und sein in Falten gelegtes Gesicht bestaunen sollte. Es ist doch klar, dass so gelegte Das-sind-WIR-Deutungs-Eier immerzu das gleiche, abgestandene Alte transportieren. Und, lieber Leser, das Wiederholen der immer gleichen Idee für immer anderes Publikum führt zu Stagnation. Im Idealfall, lieber Leser, hast DU nachher selber Lust, auch ein paar Kapriolen zu machen.

Lieber Leser, siehst DU, dass es etwas anderes gibt als das, was DIR immer gesagt wird, in der Sprache, die DU schon kennst?

Leser, ist es richtig, dass Stabilität durch instabiles Verhalten entsteht? DU kennst das, DU fühlst es eigentlich an DIR selbst, denn DU bist doch irgendwie auch anders, nicht? Die Gesellschaft bleibt nur stabil, wenn sie auch das Gegenteil der Norm zulässt. Und: wenn etwas mal instabil wird, stellt sich DIR dann nicht sofort die Frage, in welchem Masse und ob DU daraus etwas machen kannst, vielleicht gar etwas Neues?

DU Schweizer und DU Schweizerin, DU rufst aber trotzdem gern:

Die Macht sind WIR!

 WIR sind das Volk!

Todesstrafe für Kinderschänder! Keine Kampfflugzeuge, mehr Steuern, mehr Staatsdirigismus im Gesundheitswesen. Mehr Verkehr, mehr billiger Verkehr!

WIR sind das Volk! WIR sind das Gericht! WIR sind die Geschworenen! WIR sind das Urteil!

Ausländer raus!

Asylanten weg!

WIR sind Polizei!

WIR sind Demokratie!

WIR sind Politik!

Minderheiten? Minderheiten weg, Mehrheiten her!

Das Volk gewinnt immer!

 

DU Schweizer, bist DU aber wirklich zufrieden mit solchen kleinen, farbigen Skandälchen, mit solchen politischen Knallpetarden? Bist DU zufrieden mit Diskussionen, die, statt sich um Problemlösungen zu kümmern, nur mit DEINEN Ängsten jonglieren? DU Schweizerin, fühlst DU dich gut, wenn es heisst, DU hättest grosse Angst, dass DEINE Schweiz dem Zustrom von Menschen aus wirtschaftlich schwächer entwickelten Gebieten nicht standhalten kann? DU Schweizer, magst DU Schlagzeilen wie: «Schweizer legen sich mit der EU an», «Land des Geldes, Land der Angst»? DU Schweizer, fürchtest DICH vor dem Abstieg? DU Schweizer, suchst DU immer in allem den nationalen Nutzen?

DU Schweizerin und DU Schweizer, hast DU gemerkt, dass DU sehr oft nur noch im Affekt handelst? DU Schweizer, das ist doch keine Qualität, oder? Also: sei laut, aber leer. Das ist doch nichts. DU Schweizer, bist DU wirklich zufrieden mit  strukturierten Meinungen wie: Hier sind die Richtigen, dort sind die Falschen. Das bringt doch nichts, alles in einen Eimer zu werfen, oder? Und DU Schweizer, merkst DU auch, dass die Ausblendung der differenzierten Darstellung schon etwas länger andauert und dass es immer schwieriger wird, zu ihr zurückzufinden?

DU Schweizer und DU Schweizerin, ihr sagt, ihr habt die Abstimmungsunterlagen gelesen!

Sorgfältig gelesen haben sie 5 Prozent von EUCH!

Zum Teil gelesen haben sie 27 Prozent von EUCH!

Überflogen haben sie 17 Prozent von EUCH!

Durchgeblättert haben sie 26 Prozent von EUCH!

Nicht geöffnet haben sie 20 Prozent von EUCH!

Verstanden haben sie 5 Prozent von EUCH!

Aber abgestimmt haben 55,8 Prozent von EUCH!

 

DU Schweizerin, bist DU sicher, dass DU DICH von Minderheiten beherrschen und tyrannisieren lassen willst? Und DU Schweizer, weisst DU, dass dieser Zustand auf absehbare Zeit weder heil- noch behandelbar ist? DU Schweizer, hast DU Angst, Furcht, Grauen, Horror, Panik? Vor irgendetwas? Und DU Schweizerin, bist DU scheu, besorgt, verlegen, mutlos, unsicher?

DU Schweizer, weisst DU, dass es jenseits deiner Stube schon lange keinen gemeinsamen Nenner, keinen Konsens mehr gibt? Schweizer, wo gehst DU hin in diesem Auseinandergefallensein?

Schau an, Helvetia, das war meine Kindheit,

das waren meiner unbewussten Jugend Tage,

da ich noch dein nicht war, da mich ein Fremder

an hartem Bande führte, da die Freiheit

mir nur im Ohre klang als ferner Laut

von einer unbekannten Herrlichkeit.

Und es war deine Freiheit; her von dir

kam jener erste Klang, dass jauchzend laut

mein Herz nach dir verlangte, dein begehrte.

Doch, ach wie lang war die Prüfungszeit,

bis dieses heisse Sehnen sich erfüllte.

(Aus einem Basler Festspiel, ca. 1892)

 

DU Schweizer, bist DU sicher, dass DU DICH von sexuellen Billigmythen leiten lassen willst? Starker Mann, schwache, aber sinnliche Frau! DU Schweizerin, möchtest DU nicht lieber eine Variante, in welcher Sterne scheinen – und auf der Rütliwiese ein Feuer brennt. Und dann stehen da zwei Männer und zwei Frauen und reden normal miteinander.

DU Schweizer, denkst DU, es ist eine gute Idee zu sagen: «S Schwiizertüütsch isch üsi Herzenssprooch.» Oder DU Schweizerin, kommen dir nicht Zweifel, wenn ein Chefredaktor ruft: «Mundart isch Heimat und Authentizität, sie macht üs us und git üs Identität … wemmer will wüsse, was d Willensnation Schwiiz zämehebet, denn mues me de Lüüt zuelose»?

Hörst DU, lieber Schweizer, noch zu? Und DU, liebe Schweizerin, gehst DU ab und zu durch eine bevölkerte Strasse und danach zum Beispiel in ein portugiesisches Lokal?

Da, wo der einzige Schweizer allein am Tisch sitzt, in eine Ecke starrt, und der Portugiese fragt ihn: «Geht’s dir nicht gut? Bist du krank?» Und der Schweizer sagt: «Nein, aber du redest ja genug!» Der Portugiese bringt dem Schweizer aus Mitleid Champagner. Der Schweizer fasst dem Portugiesen ans Knie, da lässt der Portugiese alles fallen. Dann entschuldigt sich der Schweizer und sagt: Er nehme Spezialmedikamente und zeigt auf eine Dose mit vielen, vielen farbigen Pillen. Er nehme sie aber nur tagsüber, wenn nicht viel los sei, dann nehme er diese Pillen gegen die Angst und den Zorn, gegen Verdruss, Trübsinn, Langeweile, gegen Wehmut und gegen die Sehnsucht. Wenn er jemanden kennenlernen möchte, dann nehme er auch eine Pille, und wenn er jemandem etwas sagen wolle, auch. Sonst nehme er nie von den Spezialmedikamenten.

 

DU Schweizer und DU Schweizerin, wenn DU einen solchen MIT-Schweizer siehst, gehst DU dann auf ihn zu? Hilfst DU ihm, seine Krankheiten zu ordnen? Oder setzt DU DICH einfach zu ihm und fängst an zu pfeifen, singen oder summen? Oder redest DU gar mit ihm und bekommst Gänsehaut, wenn er plötzlich von bezaubernder, idyllischer, unvergleichlicher Landschaft, die zunehmend durch gesichtslose Bauten und zu viele Strassen an Reiz verlöre, zu reden beginnt? Und dass das alles die Schuld von denen sei, die da dauernd reinwollten? Oder zuckst DU zusammen, wenn so ein verängstigter MIT-Schweizer seine Skepsis gegenüber allem Ungewohnten und Neuen fast nicht mehr kaschieren kann und noch versucht, höflich, unterkühlt in angemessenem Tonfall, aber klar und deutlich «Fuck you» zu sagen?

Erinnerst DU Schweizerin dich an die vielen «Fuck yous» des MIT-Schweizers? Erinnerst DU dich, wie er «Fuck you» zu den Minaretten gesagt hat? Und DU Schweizer, weisst DU, wie viele «Fuck yous» der MIT-Schweizer zu den 1 237 599 niedergelassenen Ausländern gesagt hat?

Sagst DU Schweizerin und DU Schweizer dann etwas? Irgendetwas? Sagst DU zum Beispiel: «ICH weiss, wer ICH bin. ICH brauche keine Feindbilder, um mich zu spüren!»

 

Lieber Schweizer, liebe Schweizerin:

Wer weiss, was er liebt und schätzt und es sagen kann, hat eine eigene Identität und braucht weder eine Partei noch einen Kanton noch eine Sekte, die ihm sagt, was er oder sie ist. Oder sein kann. Wer weiss, was er hasst und verabscheut, und das auch sagen kann, hat eine Identität und braucht ebenfalls keine Partei oder Religion, die ihm sagt, wer er oder sie ist.

Wer Angst hat und sagt, wovor, und dann merkt, aha, ich habe eigentlich vor mir selbst Angst, ist seiner Identität immerhin schon auf der Spur. Wer glücklich ist und es merkt und weiss, wie dieses Glück historisch gewachsen ist, weiss auch schon ein wenig, wer er oder sie ist.

Wer aber nur Schlagzeilen liest, mit niemandem redet, ausser mit denen, die mit ihm oder ihr schon besoffen am Stammtisch sitzen, weiss natürlich nicht, wer er oder sie ist. Dasselbe gilt für die, die in themengleichen Zeitungen lesen oder in themenidentischen Fernsehsendungen  auf REPEAT drücken.

WIR wollen Schicksal!

WIR wollen Schicksal!

WIR wollen Schicksal!

WIR sind nicht richtig glücklich!

WIR wollen eine deutlich sichtbare Opposition!

Glück und Unglück.

WIR wollen Unglück in der Schweiz!

WIR wollen leiden!

 

DU Schweizer und DU Schweizerin, seid IHR sicher, dass IHR damals standgehalten hättet? Durch Eroberung und Verteidigung zeige sich die Identität, sagte man. Beides fehlt in der jüngsten Schweizer Geschichte. Fehlt es DIR? Willst DU es deshalb provozieren?

DU Schweizerin, bist DU sicher, dass DEIN politisches ICH nur nach Härte und Wendigkeit strebt? DU Schweizer, bist DU sicher, dass DU als General oder Wirtschaftskapitän wahrgenommen werden willst, der immer alles überblickt, berechnet, solange es nötig ist, diskutiert – und dann eiskalt zuschlägt, sobald der richtige Moment gekommen ist? DU Schweizerin, meinst DU, Ecopop-Geburtenkontrolle werde ein besseres Konzept, bloss weil sie woanders stattfände? Und DU Schweizer, willst DU, dass WIR «Die Schweiz ist bedroht» spielen?

WIR wollen auch Schicksal!

WIR wollen auch Schicksal!

WIR wollen auch Schicksal!

Fürchtet EUCH nicht! WIR sind das Volk!

WIR sind die Besten, die Reichsten!

Demokratie, das sind WIR!

IHR Miserablen!

IHR Muselmanen!

IHR Pleitegeier, IHR unnötigen, unfähigen Europäer aus dem Süden, dem Osten, dem Norden und dem Westen.

Bei UNS könnt IHR was lernen, WIR funktionieren!

 

DU Schweizerin, spürst DU jetzt ein WIR, wenn DU so sprichst? DU Schweizer, spürst DU jetzt ein WIR, wenn DU so sprichst?

DU Schweizer, hast DU nicht den Eindruck, dass DICH DEINE nationalen Entwürfe einengen?  DU Schweizerin, weisst DU nicht, dass, wenn der Kopf mal steckt, man ihn nur schlecht wieder freibekommt?

DU Schweizer, merkst DU auch, dass seit einiger Zeit ein sehr komischer Wettbewerb herrscht, bei dem alle mitmachen wollen? DU Schweizerin, siehst DU auch, dass ganze Gruppen an diesem Wettbewerb um die einzige richtige Meinung teilhaben wollen? Die Redaktionen grosser und kleiner Blätter, die Redaktionen von Radio- und Fernsehanstalten, egal ob privat oder öffentlich, die Führungsgremien von Parteien und Verbänden, Wissenschafter, Künstler, alle wollen beim grossen Wettbewerb ums Rechthaben mitmachen. Klar, dass es dann immer nur genau eine richtige Meinung geben darf, und wer diese besitzt, gewinnt.

DU Schweizer, DU Schweizerin, findest DU nicht auch, die Schweiz wäre gross genug, um über das ideologische Gebelle, das von links und rechts, von oben und unten, von hinten und vorne auf DICH niederprasselt, zu sagen: Das macht auf MICH nicht den Eindruck von Ernsthaftigkeit und Selbstvertrauen? DU, lieber Schweizer, und DU, liebe Schweizerin, könntest DU neue Akzente setzen?

DU könntest Meinungen suchen, die man der Welt hinzufügen kann, ohne dass dafür andere Meinungen zuerst eliminiert werden müssen. DU Schweizer und DU Schweizerin könntest dich gegen die Gleichschaltung der Meinungen wehren und sagen, dass DU keine vervielfältigten Meinungen der Differenzierungsstufe null mehr haben willst.

DU Schweizer und DU Schweizerin, könnt ihr nicht zusammen neue Helden finden! Ihr könnt doch zusammen mal alle jene Helden ersetzen, die EUCH den Saubermann vorspielen!

Ihr könntet alle jene absetzen, die EUCH mit ihrer Doppelmoral auf die Nerven gehen. Ihr könnt laut und deutlich sagen, dass ihr von heut an allen Andersartigen und allen Fremden mit unneurotischem Mut begegnen wollt, statt sie zu gefährdenden Phantomen zu machen.

Das könnt IHR, das können WIR, da helfe ICH gerne mit.

Das Phantom Ausländer wird gestrichen, und WIR können ab sofort damit keine Politik mehr machen. Das Phantom Sozialfall wird gestrichen, und WIR können damit ab sofort keine Wahl mehr gewinnen. Das Phantom der Reichen wird gestrichen, und WIR können daraus ab sofort kein politisches Kapital mehr schlagen. Das Phantom der zu hohen Managergehälter und Erfolgsbeteiligungen wird gestrichen, und WIR können nicht mehr länger von der eigenen erfolgsunabhängigen Entlohnung ablenken. Auch das Phantom der Mehrsprachigkeit wird ganz schnell gestrichen, und WIR können endlich darüber reden, ob die Minderheitenpflege eine reine Finanztransaktion bleiben soll und wie lange WIR daran noch festhalten wollen. Das Phantom Atomausstieg wäre ebenso gestrichen, und WIR können endlich über eine grundsätzlich andere Energiepolitik reden. Das Phantom Zuwanderung ist völlig gestrichen, und WIR könnten sofort viel genauer darüber reden, ob es zum Beispiel fair ist, wenn WIR tausende fremdfinanzierte Fachkräfte aus dem nahen Ausland anwerben und dort für akuten Braindrain sorgen und gleichzeitig an Leib und Leben bedrohte, wirtschaftlich auf den ersten Blick uninteressante Menschen schon an der Grenze zur Weiterreise motivieren.

Demokratie, ich verzeih dir nie.

Du machst uns alle gleich.

Demokratie, wir sind nicht alle gleich.

Demokratie, du hast uns verhext!

Du hast uns nur Ohnmacht beigebracht.

Demokratie, du bist steckengeblieben.

Demokratie, WIR wissen nicht mehr, wie.

 

DU Schweizer, DU Schweizerin, werde mutig und höre auf, mit geschlossenen Augen in den Spiegel zu schauen und dann zu fluchen, weil angeblich der Spiegel kaputt ist – oder das Spiegelbild nicht zu DEINEM Selbstbild passt!

Ja, in der Schweiz, die WIR uns wünschen, wird DEINE, DEINE und auch DEINE Identität offensiv und fröhlich gefeiert: mit einem neugierigen Auge begegnen WIR UNS und ANDEREN. Und mit einem zweiten, wachsamen und vorsichtigen Auge schauen WIR UNS und ANDERE auch an.

WIR werden keinen religiösen, populistischen Heilsprediger oder gleich sieben davon suchen. WIR werden ihre Faltblätter verbrennen, die in unseren Briefkästen landen, obwohl WIR sie nicht bestellt haben. Egal, aus welcher politischen Hexenküche sie kommen. WIR werden allen, die absolut alles richtig wissen und die absolut alles beweisen können und die absolut und abschliessend über alles urteilen wollen, die Faust zeigen, zwischen deren gerundeten Fingern der mittlere einsam in die Höhe ragt.

WIR werden die Richtigen, die gegen die Falschen in den Krieg ziehen wollen, auslachen. WIR werden Volksinitiativen lancieren gegen alle Schweizer, die die Gastfreundschaft im eigenen Land verachten und verhöhnen. WIR werden Volksinitiativen lancieren gegen Schweizer, die unser Eigentum sowie unsere Gesundheit und unser Leben bedrohen.

Das bin ICH. Das bist DU und DU und DU. Das sind WIR.

Wer ist «wir»?

Einmal im Jahr bitten wir vier ganz unterschiedliche Autoren um ebenso persönliche wie prononcierte Texte zu einem brisanten Thema, das eine vertiefte Auseinandersetzung verdient. Wir legen den ausgewählten Autoren die gleiche Frage vor, versehen mit denselben Anregungen aus unserer Redaktion. Ziel ist eine Debatte im Magazin – und eine weitere coram publico: Sie findet diesmal […]

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»