Vogelblick auf die Antike

«Auf einem Flugbild erschliessen sich Formen und Gegenstände, die einem sonst verborgen bleiben», sagt Georg Gerster und illustriert in der Ausstellung «Flug in die Vergangenheit» seine Aussage mit rund 300 Photographien von bedeutenden archäologischen Stätten. Viele davon sind von der Unesco als «Weltkulturerbe» anerkannt. Dass der 1928 in Winterthur geborene Gerster, dessen Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen, in privaten und öffentlichen Sammlungen weltweit zu sehen sind, nun endlich in der Schweiz gewürdigt wird, war an der Zeit. Seit bald fünfzig Jahren gilt er als Pionier der Luftbildphotographie, und seine Sicht aus der Vogelperspektive hat viele jüngere Berufskollegen inspiriert. Tatsächlich laden die in 13 Module aufgeteilten stillen Bilder dazu ein, über den Zustand unseres Planeten nachzudenken. Die antiken Stätten verkörpern Ewigkeit und Endlichkeit in einem; denn die aus der Natur vor Ort gewonnenen Baumaterialien gehen eine harmonische Verbindung mit ihrer Umgebung ein. Auch wenn sie zerstört und zerfallen sind, zeugen sie noch vom Respekt der Erbauer vor dem Baumaterial und von der Angst, dieses der Erde zu entreissen.

«Kultur und Natur» nennt sich das Modul, das u.a. die Grabfassaden von Djebel Al-Khubtha im jordanischen Petra (1. –2. Jh. n. Chr.) zeigt. Sie sind aus senkrecht aufsteigenden Felswänden herausgehauen und führen vor Augen, wie geschult der Blick des Photographen sein muss, um diese Synthese von Natur und Kultur in ihrer Plastizität zu erfassen. Ein ganz anderes Kapitel schlägt das Modul «Fluch und Frust der Archäologen» auf, das illustriert, wie eine von Raubgrabungen umgewühlte Landschaft aussieht. Gerster wirkt hier als Konservator, dem es dank seiner Beharrlichkeit immer wieder gelingt, Aufnahmen von Gegenden zu machen, die aufgrund kriegerischer Ereignisse oder der politischen Situation nicht zugänglich sind, und so den Zustand der dort vorhandenen archäologischen Stätten zu dokumentieren.

Die unter dem Thema «Wohnen in Luxus. Paläste und Residenzen» erfassten Bauten sind eine wahre Inspirationsquelle für die Architektur der Gegenwart. Der Omaijaden-Palast Qusair Amra in Jordanien, ein aus dem 8. Jh. n. Chr. stammendes Weltkulturerbe, zeigt eine von drei Tonnen überwölbte Audienzhalle, einen Badetrakt und eine Wasserversorgungsanlage, die auch von einem Mario Botta stammen könnten. Die weitläufige Villa Adriana in Tivoli, die am Fuss der Sabiner Berge erstellte Sommerresidenz des römischen Kaisers Hadrian, ist eine grossartige Mischung von Natur, Architektur und Kunst. Während mehr als eines Jahrtausends wurde sie als Steinbruch benutzt, in der Renaissance wurde sie zur Inspirationsquelle für Borromini, Bramante und Raphael.

Speziell für die Zürcher Ausstellung wurde ein Schweizer Modul geschaffen. Sechzig meist neue, bisher unpublizierte Flugbilder von archäologischen und historischen Stätten in der Schweiz wurden der Schau beigefügt. Gerade hier erschliessen sich dem Betrachter, der viele dieser Stätten aus nächster Nähe kennt, neue Dimensionen: Aus der Luft präsentiert sich das Benediktinerkloster von Einsiedeln wie ein überdimensionaler steinerner Skorpion, während die von Rauhreif bedeckte Insel Ufenau im Zürichsee mit ihrem grünlichen Schimmer an ein Jade-Juwel erinnert.

Georg Gersters Archive in New York, Paris und Tokio umfassen gegen eine Million Bilder, Aufnahmen von nord- und südamerikanischen Ackerlandschaften, sowie etwa «The Umbrellas», die blauen Sonnenschirme, die der Verpackungskünstler Christo 1994 in Japan installierte. «Höhe verschafft Übersicht, und Übersicht erleichtert Einsicht, und Einsicht erzeugt – vielleicht – Rücksicht»: Gerster hat mit seinen künstlerischen Arbeiten einen Meilenstein gesetzt.

Die Ausstellung «Flug in die Vergangenheit. Archäologische Stätten in Flugbildern von Georg Gerster» ist bis zum 13. November 2005 im Landesmuseum Zürich zu sehen (www.musee-suisse.ch).

JULIANA SCHWAGER-JEBBINK berichtet für die «Schweizer Monatshefte» über Kunstausstellungen. Sie lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.

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