Vita brevis, libri perennes

Jede Liebhaberei trägt für Aussenstehende den Stempel einer gewissen Skurrilität. Dass der Umgang mit Büchern aber geradeswegs zum Wahnsinn führe, wie Erasmus von Rotterdam andeutete, ficht wahre Bücherfreunde nicht an. Sie beschäftigen sich mit alten Graphiken, Handschriften, seltenen Frühdrucken, Inkunabeln, Holzschnittbüchern, Kupferstichwerken, Faksimiledrucken, Logbüchern, Kladden oder Flugblättern und beweisen aller Welt, dass das Büchersammeln eine überaus spannende Passion ist, selbst wo es zum leicht Manischen neigt. Die nationale Elite, rund 470 bekennende Hardcorebibliophile, versammelt sich in der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft. Nirgendwo kann man inspirierter über buchpflegerische Finessen diskutieren, sich über bibliophobes Teufelswerk der grässlichsten Art ereifern, über Eselsohren, Fettflecken, Schimmelbefall, Tintenfrass und gewelltes Pergament.

Die 1921 ins Leben gerufene Gesellschaft gibt die international renommierte Zeitschrift «Librarium» heraus, die seit 1958 dreimal im Jahr erscheint und nun also im 53. Jahr steht. Das Titelblatt atmet die Zeitlosigkeit des Grabsteins, und auch das sonstige Erscheinungsbild weist nur zurückhaltend darauf hin, dass man nicht mehr das Jahr 1921 schreibt. Auch thematisch hält sich «Librarium» von der Tagesaktualität verzeihlicherweise fern. Zweispaltig gibt es Einblick in die verschiedensten und farbigsten Bereiche des Bücherwesens und zeigt auf jeder Seite, dass das Buch nicht nur Geisteswerk ist und intellektuelles Medium, sondern auch sinnliches Vergnügen schenkt. Als historisches Objekt repräsentiert es die Aura versunkener Epochen und dokumentiert buchkünstlerische Leistungen der Vergangenheit und Gegenwart in stupender Vielfalt.

Die aktuelle Ausgabe 1/2010 vom April enthält einen Beitrag von Jean-Pierrre Meylan über den Plan einer «Weltbibliothek» des Literaturnobelpreisträgers Romain Rolland und seines Schweizer Verlegers und Mäzens Emil Roninger. Sabine Knopf berichtet über Einflüsse des Westens auf die Kinderliteratur Nordeuropas. Heidi Eisenhut schreibt über Barbarei in der Buchrestaurierung als kulturhistorisches Zeugnis. Ausserdem wird der in der Zürcher Zentralbibliothek gehütete Künstlernachlass von Otto Baumberger vorgestellt, dessen Lebenswerk mehrere Kunstgattungen umschliesst.

Solche Zeitschriften leben von dem Qualitätsbewusstsein ihrer mit Graphiker und Drucker eng zusammenwirkenden Redaktoren. Als nach dreizehnjähriger Tätigkeit Martin Bircher im Jahr 2006 verstarb, übernahm Rainer Diederichs, Vorstand schon seit 1976, das Amt des Redaktors − das er nun wegen unterschiedlicher Auffassungen in Kompetenzfragen bereits wieder aus den Händen gibt. Dies gibt die Einleitung zu wissen; dass dabei aber Diederichs’ eigenes Wort zum Stabwechsel unterdrückt wurde, zeugt von wenig Souveränität.

Noch immer ist, wer das Buch aus Papier totgesagt hat, im Sterben jedenfalls vorangegangen. Aber auch wenn keine solchen Werke mehr geschaffen würden, könnten die Bibliophilen weiterhin zusammenkommen; es bliebe ja immer noch, was es unerschöpflich schon gibt. So ist dem «Librarium» ein langes Leben gewiss.

Schweizerische Bibliophilen-Gesellschaft (Hrsg.): «Librarium». Ausgabe April 2010

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