Viel Vergnügen, mehr davon

Zora del Buono: «Canitz’ Verlangen». Hamburg: marebuch, 2008.

Eine genialer Plot, vereint mit messerscharfer Beobachtung, kluger, meisterhafter Gefühls- und Situationsbeschreibung und viel Witz, aber auch ebensoviel Ernsthaftigkeit: «Canitz’ Verlangen» ist ein in jeder Hinsicht lohnendes Buch der gebürtigen Schweizerin Zora del Buono. Es unterhält wie lange kein deutschsprachiger Roman mehr und lässt uns zugleich tief blicken: tief in die Gewässer der deutschen Wasserleichenpoesie und tief in die alltagsgebeutelte Seele eines sensiblen Menschen unserer Zeit. Tief zurück auch in dunkle Kapitel deutscher Vergangenheit (Flucht aus Westpreussen 1945), aber mit viel Augenzwinkern und dem Fazit: Am Ende ist alles anders, als man vorhersehen kann, und das Privateste, das Verlangen – wunderbar diese alte Vokabel – war und ist es, dem man nicht entflieht.

Hubert Canitz steht der Welt fast hilflos gegenüber, ein Charakter, wie ihn wohl nur eine dominante Mutter in Verbindung mit einem ernstgenommenen, ebenso erfolgreichen wie aussichtslosen geisteswissenschaftlichen Studium hervorbringen kann. Unter dem Einfluss germanistischer und philosophischer Seminare, Psychoanalyse und eines problembelasteten Freundeskreises hat er, stellenloser Privatdozent der Germanistik (also academic trash) seine Wahrnehmungsfähigkeit aufs äusserste gesteigert, so dass er die Welt mit ihren Gerüchen und Menschen nur noch mit Mühe ertragen kann. Zwischen einsamer Verzagtheit, Ordnungsneurosen, erotischen Spielereien und egomanen Allmachtsphantasien hin- und hergerissen, organisiert Canitz sich und das Tagesgeschehen vor allem ästhetisch und theoretisch-kritisch.

So erscheint es kaum verwunderlich, das er den Fund einer toten Frau in der Spree nicht der Polizei meldet, sondern sich manisch in die Wasserleichenpoesie der Weltliteratur und der Kunstgeschichte hineinsteigert. Doch gerade durch die Aneignung dieses Themas gerät er unversehens und ungeplant in die Nähe eines ungeheuerlichen Geheimnisses seiner bis dato so unantastbaren Mutter. Entschiedener als sonst, doch unbeholfen, weil wie immer gefangen in sozialen Ängsten und poetischen Lebensdeutungen, versucht er, den Dingen auf den Grund zu gehen. An der Robustheit der Mutter jedoch scheitern am Ende alle Ästhetisierungs- und Verständnisversuche. Statt sich, wie Canitz erwartet, zu ertränken, sitzt sie winkend am Ufer der Ostsee, weit entfernt davon, die Dinge so tragisch und ausweglos zu sehen, wie sie nach Canitz’ Verlangen in einem ordentlichen geschlossenen Drama sich hätten zuspitzen und erfüllen müssen. Sie wird ihn auch in Zukunft locker in ihre mächtige Handtasche stecken…

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

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