Vertrauen & Engagement

Ein Grund für den Erfolg der Schweiz ist ihre Kultur des individuellen Engagements für die Gesellschaft, die gerade auch im Arbeitsleben stets hochgehalten wurde: Arbeitgeber unterstützen Mitarbeitende, die sich in Vereinen, in politischen Ämtern oder im Militär einsetzen und dafür unter Umständen dem Arbeitsplatz fernbleiben müssen. Engagierte Bürger sind meist auch engagierte Mitarbeiter. Diese Überzeugung hat sich für unser Land seit Jahrzehnten bewährt.

Leider scheint es mit dieser Haltung aber nicht weit her zu sein, sobald es um ein anderes ausserberufliches Engagement geht: die Familie.
Arbeitgeberdirektor Roland A. Müller liess sich im «Blick» zitieren, Eltern müssten eben das «kranke Kind im voraus planen», damit sie ihren gesetzlichen Anspruch von drei arbeitsfreien Tagen zur Pflege kranker Angehöriger möglichst nicht wahrnehmen müssten. Mich ärgert diese Aussage. Sie zeugt von Misstrauen, weil damit unterstellt wird, Eltern würden nicht von sich aus alles Mögliche tun, um ihre Arbeitgeber nicht zu belasten. Nicht selten werden Kinder, obwohl sie krank sind, von ihren Eltern in der Krippe oder im Kindergarten abgegeben – weil es in der Schweiz verpönt ist, die Krankheitstage einzuziehen. Eine Ausrede, etwa das Auto vorführen zu müssen, stösst oftmals auf mehr Akzeptanz als die Wahrheit, für ein fiebriges Kind sorgen zu müssen, bis die Grossmutter eintrifft. Diese Erfahrung vieler Eltern hat die Spitze des Arbeitgeberverbandes nun höchstpersönlich bestätigt.
Ich bin überzeugt: Eltern fehlen wirklich nur dann am Arbeitsplatz, wenn das Auffangnetz aus Grosseltern, Nachbarn oder Babysitter reisst. Es ist schade, dass die Arbeitgeber bei diesem Thema die Chance verpasst haben, die so wichtigen Werte des Vertrauens und des Bürgerengagements zu leben. Berufstätige Eltern mit kleinen Kindern bringen grosses Engagement ausserhalb ihres Arbeitsplatzes auf und sind meist sehr loyale und effiziente Arbeitnehmer. Sie sollten unterstützt statt mit Misstrauen bestraft werden. Oder wollen wir, dass der Einsatz der Eltern künftig ausschliesslich von (schlechter bezahlten) Dritten ersetzt wird, damit ja keine Arbeitskraft verloren geht? Das wäre das Ende des Milizmodells. Deshalb, liebe Arbeitgeber: Etwas mehr Vertrauen, bitte.

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