Baschi Dürr, zvg.

Versteckter Reichtum

Der Nutzen des Kapitalismus.

 

Es zählt zu den ganz grossen ­Legenden: Der Kapitalismus habe die Reichtumsbetroffenen reicher und die Armutsbetroffenen ärmer gemacht. Als Argument wird die sogenannte Schere ins Feld geführt, die sich zwischen den Einkommensklassen öffnen würde. Erstens aber zeigen Analysen gerade für die Schweiz weniger Scherenbewegungen als behauptet. Und zweitens krankt eine solche Armutsdefinition an ihrer Relativität: Es bleibt eine optische Täuschung, dass einige «ärmer» würden, wenn andere – etwa durch steigende Börsenkurse – reicher werden.

Denn für den breiten Wohlstand ist es unerheblich, wie es den Spitzenverdienern geht. Vielmehr geht es darum, dass es (auch) der Mittel- und Unterklasse gut geht. Vergleicht man das reale Einkommen und Vermögen breiter Einkommensschichten hier und jetzt mit den Zuständen in früheren Zeiten oder weniger marktwirtschaftlichen Ländern, ist ein beispielloser Wohlstandstsunami zu erkennen, mit dem der Kapitalismus alles und alle überschwemmt hat. Und darüber hinaus: Bei solchen Studien – ob vor oder nach Transferzahlungen – geht der sogenannte versteckte Reichtum so gut wie immer vergessen.

Dazu zählt etwa die Tatsache, dass der Zahnarzt nicht mehr wehtut. Der Fernseher, ohnehin günstiger geworden, ist viel grösser und hat mehr Pixel und Farben und Sender. Noch nie hat es in den Städten weniger gestunken wie heute. Die Wohnung ist im Winter wärmer, das Tram im Sommer kühler. Auch kostengünstige Fahrzeuge verfügen über Servolenkung und Airbag. Auf der perfekt geteerten Strasse werden die Schuhe nicht mehr dreckig. Ein Korb Lebensmittel wird zwar finanziell bewertet, die Vielfalt seines Inhalts aber nicht: ­Heute stehen unendlich mehr Gemüse- und Obstsorten zur Verfügung als vor 10, 100 und 1000 Jahren. Dieses Schlaraffen­land des Kapitalismus taucht in keiner Statistik auf.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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