Versicherte wiegen sich in falscher Sicherheit

Viele Versicherte wissen weniger über die zweite Säule, als sie meinen. Das kann schmerzhafte Folgen haben – für sie selbst und für die Gesellschaft.

Versicherte wiegen sich in falscher Sicherheit
Yvonne Seiler Zimmermann, zvg.

Die berufliche Vorsorge ist wichtig. Das Geld aus der 2. Säule dürfte im Zeitpunkt des Leistungsbezugs für die meisten Versicherten die wichtigste Einkommensquelle darstellen. Wie hoch diese Leistungen sind, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, sondern hängt von Parametern wie beispielsweise der Beitragshöhe, der Beitragsdauer, dem Mindestzinssatz und dem Umwandlungssatz ab. Für die Versicherten ist das Wissen um die Zusammenhänge und Wirkungsweisen dieser Parameter bedeutend, gerade vor dem Hintergrund der Herausforderungen, denen sich das Altersvorsorgesystem gegenübersieht: Erstens kann nur jemand mit genügendem Wissen fundierte Entscheidungen für seine persönliche Vorsorge treffen. Wer die Funktionsweise des Systems der beruflichen Vorsorge nicht genau versteht, kann schwierig abschätzen, inwieweit und in welcher Form er oder sie zusätzlich zu den Leistungen der beruflichen Vorsorge und der AHV noch selbständig privat vorsorgen sollte. Zweitens ist ein fundiertes Wissen auch wichtig, um die 2. Säule auf politischer Ebene mitzugestalten.

Doch die Wissenslücken bei den Versicherten sind gross, wie eine Umfrage* des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern im Auftrag des Vorsorgespezialisten PensExpert nahelegt. Viele Versicherte wiegen sich deshalb in falscher Sicherheit. Diese Erkenntnisse weisen in eine ähnliche Richtung wie andere Studien im Themengebiet «Financial Literacy»: Das Wissen zu finanziellen Zusammenhängen und zum Umgang mit Geld ist in vielen europäischen Ländern – auch in der Schweiz – relativ begrenzt. Verschiedene OECD-Staaten haben daher in den letzten Jahren Massnahmen erarbeitet, um die finanzielle Allgemeinbildung ihrer Bevölkerung zu verbessern.

 

Viele Versicherte zeigen Interesse

Die IFZ-Umfrage zeigt, dass das Thema der beruflichen Vorsorge für 80 Prozent der Befragten von Interesse ist. 20 Prozent allerdings geben an, weniger oder nicht am Thema interessiert zu sein. Für das Desinteresse wird als Hauptgrund «Bequemlichkeit» genannt, gefolgt von «Ich bin zu jung» und «Das Thema ist zu kompliziert». Wenn sich jemand für das BVG interessiert, tut er dies offenbar relativ früh – die Hälfte der Befragten hat sich nach eigenen Angaben auch schon in jüngeren Jahren mit dem Thema befasst. Das Alter ist also nur ein Faktor, der das Interesse beeinflusst. Entscheidend für den Grad des Interesses sind somit auch andere sozioökonomische Faktoren. Dazu später mehr.

Trotz dieses bekundeten Interesses bestehen offenbar Wissenslücken bei den Versicherten. Ein knappes Drittel (31 Prozent) der Befragten schätzt sich als eher schlecht oder als schlecht informiert ein, wenn es um das BVG-System geht. Sogar noch etwas mehr, nämlich 34 Prozent der Befragten, fühlen sich über die finanzielle Lage ihrer Vorsorgeeinrichtung und die von ihr gebotenen Leistungen eher schlecht oder schlecht informiert. Rund 19 Prozent kennen ihre projizierten Altersleistungen nicht. Als Hauptgrund für Informationslücken werden «Bequemlichkeit», «zu kompliziert» oder «zu wenig Informationen erhältlich» angegeben. Beunruhigend ist, dass sich offenbar viele Versicherte überschätzen: Sie glauben, über Detailfragen Bescheid zu wissen, die sie dann aber falsch beantworten.

Ein Fünftel überschätzt sich

Um den tatsächlichen Wissensstand der Befragten zu klären, wurden ihnen zu den Themenbereichen «Allgemeines Wissen», «Wissen zur Finanzierung und Kosten der beruflichen Vorsorge», zu den «Leistungen der Kassen», zur «Freiheit und Mitsprache der Versicherten», «Steuern» sowie «Recht» Fragen gestellt. Über alle Wissensfragen hinweg liegt der Anteil der richtigen Antworten im Durchschnitt bei 62 Prozent, der Anteil der falschen bei 22 Prozent. Da bei allen Fragen die Antwortmöglichkeit «Weiss nicht» bestand, kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass diese 22 Prozent der Befragten fälschlicherweise der Meinung sind, die richtige Antwort zu kennen. Diese Personen überschätzen demnach ihr Wissen.

Über alle Wissensfragen hinweg kennen sich ältere Schweizerinnen und Schweizer am besten aus, die darüber hinaus am Thema der beruflichen Vorsorge interessiert sind, eine gute Ausbildung genossen haben und Arbeitnehmende einer Firma in der Branche Finanz- und Versicherungsdienstleistung…