Christine Brand, zvg.

Verschwendung macht
abhängig

Ist immer alles zu haben, fällt einem der Verzicht auf einmal schwerer. Doch vielleicht liegt gerade in der Einschränkung eine gewisse Freiheit.

Wir müssen sparen: Was für unsere Grosseltern eine Selbstverständlichkeit war, löst bei uns mittlere Panikschübe aus. Das Gas wird knapp, der Strom wird knapp. Vieles wird teurer. Die Kantonsregierungen stellen derzeit landauf, landab ihre Notfallpläne vor. Sie klingen in unseren Ohren wie Drehbuchvorlagen – für Filme, die in der tiefen Vergangenheit oder in der fernen Zukunft spielen und nichts mit uns zu tun haben. Die Strassenlampen werden nachts nicht mehr betrieben, die Heizungen zurückgeschraubt, ausgiebig warm duschen liegt nicht mehr drin, im ärgsten Fall soll der Strom für vier Stunden abgestellt werden. Es wird ein bisschen unbequemer in der bequemen Schweiz und ein wenig dunkler.

Das kollektive Jammern darüber gewinnt bereits an Lautstärke, noch bevor das Schlimmste überhaupt eingetreten ist. Die lautesten Rufer im Land beklagen einmal mehr den Verlust der individuellen Freiheit, weil der Staat Sparziele predigt und der Verschwendung einen Riegel schieben will. Dabei wird verkannt, dass wir selbst dann, wenn wir uns einschränken müssen, noch immer viel mehr von allem haben als die meisten Menschen auf dieser Welt.

Weil in der Schweiz alles immer und überall zu haben ist und wir es uns auch leisten können, haben wir uns zu einer Wegwerfgesellschaft entwickelt. Kaputtes wird nicht geflickt, es wird weggeschmissen. Kaufen wir Neues, sorgt die Verpackung für einen Abfallberg; sogar geschälte Mandarinen werden in Plastik geschweisst. Wir hängen die Wäsche nicht an die Leine, wir tumblern sie. Wir fahren Autos, die breiter sind als die Fahrspuren. In den Kellern stehen halbleere Tiefkühltruhen. In den Gärten blubbern geheizte Whirlpools. Wir schiessen künstlichen Schnee auf grüne Wiesen und wir handeln mit Kryptowährungen, deren Betrieb sehr viel Strom frisst.

Mit Freiheit hat das alles indes wenig zu tun. Im Gegenteil: Die Verschwendung hat uns abhängig gemacht. Die Abhängigkeit zerstört sowohl die Bedingung der Freiheit als auch die Freiheit selbst. Vielleicht werden uns die Einschränkungen zeigen, dass weniger Verschwendung Raum gibt für mehr Freiheit.

«Abwechslungsreich,
neugierig und unberechenbar.»
Oliver Zimmer, Historiker,
über den «Schweizer Monat»